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Thrombose-Fälle Ständige Impfkommission empfiehlt Astrazeneca nur noch für Menschen ab 60 Jahren

Eine Ampulle des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca
Eine Ampulle des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca
© LOIC VENANCE / AFP
Im Umgang mit dem Impfstoff von Astrazeneca steht womöglich ein weiterer Kurswechsel in Deutschland bevor. Die Impfkommission will ihn vorsichtshalber nicht mehr für Menschen unter 60 zu empfehlen. Mehrere Länder schaffen bereits Tatsachen.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt den Corona-Impfstoff von Astreazeneca nur noch für Menschen ab 60 Jahren. Wie die Stiko am Dienstag mitteilte, wurde die Empfehlung "auf Basis der derzeit verfügbaren Daten zum Auftreten seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen" bei jüngeren Geimpften geändert. Zur Verabreichung der zweiten Impfstoffdosis für Menschen unter 60 Jahren, die bereits eine erste Dosis des Astrazeneca-Impfstoffs erhalten haben, will die Stiko bis Ende April eine ergänzende Empfehlung abgeben.

Der Impfkampagne gegen das Coronavirus in Deutschland droht damit ein neuer Rückschlag. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) wollten noch am Dienstag kurzfristig mit den Ministerpräsidenten der Länder über das weitere Vorgehen beraten. Danach war eine Pressekonferenz geplant.

Hintergrund der Diskussion ist eine Reihe von Hirnvenenthrombosen, die im zeitlichen Zusammenhang mit Impfungen aufgetreten sind, vorwiegend bei Frauen unter 55. In Deutschland sind bislang 31 Fälle solcher Blutgerinnsel nach Impfungen mit Astrazeneca bekannt, wie das Paul-Ehrlich-Institut am Dienstag berichtete. 

Berlin, Brandenburg und NRW-Kreise setzen Impfungen mit Astrazeneca aus

Die Länder Berlin und Brandenburg haben die Impfungen mit Astrazeneca bei Menschen unter 60 Jahren bereits am Dienstagmittag gestoppt. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) verwies auf neue Daten über Nebenwirkungen und sprach von einer "Vorsichtsmaßnahme". Auch in München werden bis auf Weiteres keine Menschen unter 60 mehr mit dem Präparat geimpft.

Der Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen impft Frauen unter 55 Jahren nur noch mit dem Impfstoff von Biontech. Der Kreis Euskirchen hatte bereits am Montag die Schutzimpfung von Frauen unter 55 mit dem Wirkstoff von Astrazeneca vorläufig gestoppt. Nachdem eine geimpfte Frau (47) vergangene Woche gestorben war, sei dem Kreis nun der Verdacht auf "eine schwerwiegende Erkrankung" einer 28-Jährigen nach der Impfung mit Astrazeneca gemeldet worden, hieß es. Beide hatten laut Kreis eine Sinusvenenthrombose erlitten. 

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Stiko-Mitteilung: Astrazeneca nur für "Menschen im Alter >60 Jahre"

Deutschland – und zahlreiche andere Staaten – hatten die Impfung mit dem Astrazeneca-Stoff bereits Mitte März vorübergehend ausgesetzt, weil mehrere Fälle mit Thrombosen (Blutgerinnseln) in den Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zur Impfung gemeldet wurden. Danach aber wurde das Präparat aber wieder verabreicht. Die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema hatte die Sicherheit des Vakzins bekräftigt, auch die Stiko hatte sich für eine weiteren Einsatz den Mittels ausgesprochen.

Anfangs war der Impfstoff in Deutschland nur für 18- bis 64-Jährige empfohlen worden, da für Ältere nicht genügend Studiendaten verfügbar waren. Nun deutet sich nochmals eine geänderte Altersempfehlung an.

In der Mitteilung der Stiko heißt es, man habe nach mehreren Beratungen und auch unter Hinzuziehung externer Experten entschieden, "auf Basis der derzeit verfügbaren Daten zum Auftreten seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen die COVID-19 Vaccine AstraZeneca nur noch für Personen im Alter ab 60 Jahren zu empfehlen, da diese Nebenwirkung 4 bis 16 Tage nach der Impfung, ganz überwiegend bei Personen im Alter <60 Jahren auftraten." 

Hinsichtlich der Frage der Verabreichung der zweiten Impfstoffdosis für jüngere Personen, die bereits eine erste Dosis der COVID-19 Vaccine AstraZeneca erhalten hätten, werde die Stiko bis Ende April "eine ergänzende Empfehlung" abgeben. "Da die Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff Anfang Februar begonnen wurde, sind bei einem empfohlenen Impfabstand von 12 Wochen die ersten Zweitimpfungen Anfang Mai vorgesehen", heißt es weiter.

Der abgestimmte Beschlussentwurf und die wissenschaftliche Begründung würden sich aktuell im Stellungnahmeverfahren mit den Bundesländern und den betroffenen Fachkreisen befinden. Die Verabschiedung des Beschlusses werde nach Prüfung der Rückläufe und erneuter Beratung am kommenden Donnerstag (1. April) erfolgen. Grundsätzlich bestehe die Möglichkeit, dass sich bis dahin noch Änderungen an dem Empfehlungsentwurf ergeben.

Mehr als zwei Dutzend Fälle von Sinusvenenthrombose in Deutschland

In Nordrhein-Westfalen sprachen sich die Leiter von fünf der sechs Uni-Kliniken für einen vorläufigen Stopp von Impfungen jüngerer Frauen mit Astrazeneca aus. Das Risiko von weiteren Todesfällen sei zu hoch, heißt es in einem gemeinsamen Brief an den Bundes- und die Landesgesundheitsminister.

In Deutschland sind bislang mehr als zwei Dutzend Fälle einer Sinusvenenthrombose nach Impfung mit Astrazeneca bekannt, wie das Paul-Ehrlich-Institut berichtete. Bis Montagmittag (29. März) waren dem Institut 31 Fälle gemeldet worden, in 19 Fällen wurde zusätzlich eine Thrombozytopenie gemeldet. In neun Fällen war der Ausgang tödlich, wie das für die Sicherheit von Impfstoffen zuständige Institut in Langen berichtete. 

Mit Ausnahme von zwei Fällen betrafen laut PEI alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Die beiden Männer waren 36 und 57 Jahre alt. Laut Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instituts wurden bis einschließlich Montag 2,7 Millionen Erstdosen und 767 Zweitdosen von Astrazeneca verimpft.

Kanadas Expertengremium für die Corona-Impfkampagne empfahl inzwischen offiziell die Aussetzung der Impfkampagne mit Astrazeneca für Menschen im Alter unter 55 Jahren. Das Komitee habe Sicherheitsbedenken und wolle Berichte über seltene Blutgerinnsel bei einigen immunisierten Patienten näher untersuchen, hieß es. Medienberichten zufolge war das Mittel in der Altersgruppe unter 55 bislang aber nicht großflächig eingesetzt worden.

rw / fs DPA

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