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Meike Winnemuths Weltreise: Von Jauchs Quiz-Stuhl um den Globus

Sydney, Shanghai, Honolulu - drei der zwölf Städte, in denen Meike Winnemuth innerhalb eines Jahres lebte. Zuvor gewann sie 500.000 Euro bei Günther Jauch. In einem Buch schildert sie nun ihre Reise.

Gut acht Millionen Fernsehzuschauer sahen am 11. Oktober 2010, wie die Journalistin Meike Winnemuth bei "Wer wird Millionär?" 500.000 Euro gewann. Als Günther Jauch die Autorin mit dem Hang zum Selbstversuch fragte, was sie mit dem Geld vorhabe, sagte sie ohne Zögern: eine einjährige Weltreise - jeden Monat in einer anderen Stadt. Gesagt, getan.

Jetzt hat die heute 52-Jährige, die sich selbst als Hamburgerin verortet, auch wenn sie zurzeit in München als Textchefin beim "Süddeutsche Zeitung Magazin" aushilft, ein Buch über ihr Traumjahr vorgelegt: "Das große Los - Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr." Es wird gerade zum Bestseller.

Bereits das Silvester nach dem RTL-Rateshow-Gewinn feierte Winnemuth, die als Journalistin für "Park Avenue", den "Stern" oder auch "Geo Saison" gearbeitet hat, in Istanbul. Von dort ging es los - allein, und ohne alles komplett durchgeplant zu haben ("Nicht lang schnacken, Koffer packen").

Eine Reise zur Selbsterkenntnis

Die folgenden Monate wohnte sie in Städten, die sie schon immer mal (länger) besuchen wollte - selten wählte sie dabei Hotels: Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba und Havanna. Natürlich kombinierte sie die Städtetrips mit Ausflügen, in Indien zum Beispiel zum Mausoleum Taj Mahal.

Wegen der Tsunami- und Fukushima-Katastrophe im März 2011 ließ sie Tokio im April lieber ausfallen, ersetzte die japanische Hauptstadt später durch Hawaii. Aus ihrer Selbst- und Welterfahrung wollte sie - auch wenn sie Journalistin ist - keinen Katastrophentourismus werden lassen.

Die ungebundene, kinderlose Winnemuth ließ sich einfach treiben und lernte sich besser kennen ("Es passieren die wunderbarsten Dinge, wenn man sie nur lässt"). Welches Ich die jeweiligen Orte aus ihr herauskitzeln, daran lässt sie den Leser ihres Buchs in Briefen aus jeder Stadt an Freunde, Verwandte oder Bekannte teilhaben.

Reise kostete "nur" ein paar zehntausend Euro

Winnemuth schreibt einmal auch an ihr jüngeres Ich - sowie an Jonas, ihren zufälligen Publikumsjoker bei Jauch, der von ihr nach erfolgreicher Hilfe bei der 500.000-Frage 12.500 Euro abbekam. Am Ende jeden Kapitels stehen zehn Dinge, die sie die Stadt gelehrt hat.

Mancher mag das ganze Buch als selbstverliebtes Großstädtergeschreibe aus der Mittelschicht empfinden. Wer jedoch die spröde, stets offene Art der Autorin mag, wird es lieben und sich kaum sattlesen. Warum ist Frau Winnemuth nicht zwei Jahre gereist?

Ihre vielleicht interessanteste Erkenntnis: der ganze Spaß kostete "nur" ein paar zehntausend Euro, die halbe Million wäre gar nicht nötig gewesen. Sie diente nur als Anlass und Sicherheit für die Reise. Allerdings: Natürlich kann nicht jeder so gut schreiben und deshalb erfolgreich bloggen ("vormirdiewelt.de") und von unterwegs noch Kolumnen bei deutschen Medien absetzen.

Winnemuth erledigt kleinere "Aufträge" für ihre Leser

Winnemuth ließ sich auch von ihren Lesern per E-Mail durch die Städte leiten und erledigte kleinere "Aufträge" für sie (zum Beispiel in Äthiopien bei der Haushälterin eines früheren deutschen Uni-Professors vorbeischauen, der nach einem Schlaganfall nicht mehr reisen kann - und für den Mann auch die scharfe Gewürzmischung Berbere kaufen).

"Das große Los" widmet sich großen Fragen: Wie verändert einen die Freiheit einer Weltreise? Was ist zum Glücklichsein nötig, was wichtig im Leben? Es geht um einfache Geschichten und komplizierte Glaubensfragen, um Heimat, Heimweh und Historisches, um Fremdsein und Freundschaft - alles in einem leichten Sound geschrieben. Auch philosophische Abhandlungen kommen in angenehmem Plauderton daher.

Reich an neuen Eindrücken und Erkenntnissen

Bei ihren Aufenthalten lernte Winnemuth viele interessante Menschen kennen, darunter den inzwischen 89-jährigen Carl Djerassi, der als Biochemiker die "Anti-Baby-Pille" mitentwickelte und auch als Schriftsteller brillierte ("Cantors Dilemma"). Winnemuth wohnte erst in seiner Gästewohnung in San Francisco und später auch in seiner Londoner Wohnung, in die er sie einlud. Heute sind beide befreundet.

Die Reise hat die Journalistin reich gemacht - an Eindrücken und Erkenntnissen. Wenn jetzt nur etwa ein Zehntel der gut acht Millionen TV-Zuschauer vom 11. Oktober 2010 das Buch kaufen würde (was natürlich sehr viele Leser wären, aber man wünscht sie ihr), dann wird vielleicht auch noch auf ihrem Konto aus der halben Million eine ganze.

Gregor Tholl, DPA / DPA