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Gesellschaft: Die Hindus von Hamm

Einmal im Jahr strömen 15.000 Tamilen in die westfälische Stadt - und feiern mitten im Industriegebiet das größte hinduistische Fest Europas.

Jathavan darf dieses Jahr nicht. Er würde ja gern, nur zu gern. Aber diesmal will es der Priester nicht, der ihn beiseite nahm und sagte: »Lass es bleiben.« Jathavan Sivakumaran, 23 Jahre alt, geboren auf Sri Lanka, wohnhaft in Arnsberg, soll nicht rollen. Er wird sich diesmal nicht auf die Straße legen, nur mit einem Lendentuch bekleidet, die Hände vom Körper weggestreckt und um eine Kokosnuss geschlungen, und dem geschmückten Wagen der Göttin Sri Kamadchi Ampal, Gattin Shivas, längsseits hinterherrollen, einen Kilometer lang.

Zur Buße. Als Gelübde. Zum Dank. Er wird sich keine Schrammen holen wie im Jahr zuvor auf hartem Asphalt mitten im Gewerbegebiet von Hamm-Uentrop. Nicht in Trance verfallen, nicht zucken, »zwei-, dreimal, fast epileptisch«, was er selbst gar nicht merkte. Aber der Hindu-Priester Arumugasam Paskaran sehr wohl, der ihm deshalb einen Rollstopp verordnete fürs diesjährige Fest. Die Götter werden es Jathavan verzeihen. Sri Kamadchi Ampal ist die Göttin mit den liebevollen Augen. Und Priester Paskaran ihr Diener von Hamm-Uentrop, und die Augen der Göttin haben alles gesehen, Jathavan.

Jathavan kam mit seiner Familie, Vater, Mutter, zwei Schwestern, vor neun Jahren nach Deutschland. Sie flüchteten vor dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka, bezahlten einen Schlepper, schafften es irgendwie ins Sauerland, Jathavan weiß nicht mehr wie und auf welcher Route. Er war ein Kind damals. Sprach Tamil, die Sprache seiner Heimat. Ging zur Schule, lernte Deutsch, die Sprache seiner neuen Heimat. Wurde Technischer Zeichner. Macht nun das Abitur nach auf der Abendschule, will bald umziehen von Arnsberg nach Rheine, später Architektur studieren und: seinem Glauben treu bleiben. Wieder rollen auf dem Asphalt, einen Kilometer durchs Industriegebiet von Hamm-Uentrop. Zu Ehren der Göttin. Früher auch zum Verdrängen der Hirnkrankheit seiner kleinen Schwester Vinusha, 15 Jahre, »unheilbar«.

Manchmal denkt Jathavan noch an Jaffna, Sri Lanka. Er denkt nicht an den Bürgerkrieg, an die über 60 000 Toten bisher, das Leid. Er denkt gern an die Jungs aus der Nachbarschaft, die sich frühmorgens zum Tempel zur Puja, zur Götteranbetung, rollten. Fest im Glauben. Sri Lanka ist weit. Aber bis Hamm sind es von Arnsberg nur 60 Kilometer.

Außergewöhnlicher Ort für Hindus

Jathavan kommt gern nach Hamm, 182 000 Einwohner, am Rande des Ruhrgebiets. Hamm ist ein außergewöhnlicher Ort für Hindus. Im Ortsteil Uentrop, Siegenbeckstraße, entsteht der größte Tamilen-Tempel Europas, 27 mal 27 Meter, fünf Meter hoch, auf 4500 Quadratmeter Grund für 2,8 Millionen Mark. Einmal im Jahr zum großen Tempelfest erscheinen 15 000 Tamilen aus ganz Europa, und die Straßen sind schwarz von Menschen und das Gewerbegebiet bis hinauf zum stillgelegten Atommeiler zugeparkt mit Autos aus Deutschland, Schweden, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Belgien, Holland, Österreich. Dann blickt der Priester Sri Paskaran glücklich, milde und müde über die Menschenmenge und spricht: »Es ist ein Wunder, dass die Mutter Göttin in Hamm wohnt.«

Aber wahrscheinlich ist es doch kein richtiges Wunder. Sondern eine Fügung. Oder eine Bauchentscheidung. Denn womöglich stünde der Tempelrohbau heute in Dortmund oder Essen oder Duisburg oder in Paris, wenn der Priester Sri Paskaran dort und nicht auf dem Bahnhof von Hamm ausgestiegen wäre, am Ende einer langen Reise. Die ihn, politischer Flüchtling, 1985 von Colombo, Sri Lanka, nach Moskau führte. Von Moskau nach Ost-Berlin. Von Ost-Berlin nach West-Berlin. Von West-Berlin mit dem Zug nach ... Hamm. Genau dort trieb ihn, unterwegs nach Paris, ein dringendes menschliches Bedürfnis auf den Bahnsteig: Hunger. Was der schmächtige Mann mit dem prächtigen Bart als göttlichen Wink deutete: »Hier also sollst du einen Tempel bauen.«

Ziemlich verrückte Geschichte

So begann die Geschichte der Hindus von Hamm-Uentrop vor beinahe 16 Jahren und vom neuen Tempel, der nunmehr wächst und dessen reich verzierte Türme, elf und 17 Meter hoch, von der nahe gelegenen A2 Hannover-Oberhausen zu sehen sind. Und natürlich ist das eine ziemlich verrückte Geschichte, die Paskaran, geboren in Jaffna, Sri Lanka, erzählt. Morgens um acht in seinem Backsteinhäuschen mit dem Jägerzaun davor und dem Schild »Widerrechtlich abgestellte Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt«. Sitzt im Schneidersitz auf einem Gelsenkirchener Barocksessel vor einer Gelsenkirchener Barockschrankwand, die gut passte ins Wohnzimmer von Kanoppkes aus Uelzen, Unna oder Uentrop, aber nicht in das eines Hindu-Priesters. Gibt der kleinen Tochter die Flasche und spricht von der Göttin. Spricht von der Liebe. Spricht von der Heimat. Spricht von Hamm. Spricht von sich.

Paskaran lernte als Kind von seinem Großvater, dem Priester Sri Iyamppillai, da war er fünf. Er besuchte die Grundschule »American Mission«, musste nach der sechsten Klasse abbrechen, um die Familie, fünf Geschwister, mit durchzubringen. Sagt: »Ich habe von klein auf verschiedene Berufe erlernt.« Er arbeitete mehrere Jahre in einer Zement- und Glasfabrik, auch als Elektriker in Singapur. Ging dann nach Tamil Nadu in Südindien, erlernte die Rituale und die Sanskritsprache in einer Priesterschule, studierte die Heiligen Schriften der Veda. In der Heimat tobte unterdessen der Bürgerkrieg. »Durch den Segen der Göttin«, sagt er, »bin ich nach Deutschland gekommen.« Nach Hamm, Westfalen, am Rande des Ruhrgebiets.

Er schlug sich durch auf einem Bauernhof, schuftete als Kellner. Er hatte einen Traum. Und gute Freunde, die Familie Vögeding, einst Nachbarn im Hammer Westen, wo er seinen ersten Tempel baute im Kellerraum eines Mietshauses; schließlich einen zweiten in einer alten Wäscherei. Angelika und Georg Vögeding halfen ihm, wann immer zu helfen war. Sie halfen bei Behördengängen, sie halfen Paskarans Frau Mathivani 1994 aus dem Auffanglager in Münster. Sie halfen, als der Prozessionswagen, der Ther, im Hamburger Hafen feststeckte und die Arbeiter Überstunden kloppten, denn anderntags war Tempelfest, und das kapierten die Malocher, und sie schafften es gerade noch rechtzeitig zurück nach Hamm.

Die Vögedings halfen auf dem Standesamt, sie als Trauzeugin. Bei der Hochzeit von Paskaran und seiner Frau, im Dezember vor sieben Jahren, standen Weihnachtsbäume neben dem Tisch. Angelika Vögeding half schließlich maßgeblich, den neuen Tempel zu bauen, als die Wäscherei zu klein wurde und die Prozession so groß wie der Protest der Anwohner. Sri Paskaran, Freund und Priester, bat sie eines Tages: »Suche du mir bitte einen Architekten aus.« Sie antwortete: »Ich kenne keinen.« Also blätterten sie im Telefonbuch von Hamm, und Angelika Vögeding schloss die Augen, und ihr Finger fuhr über die Gelben Seiten der Architekten von Hamm und stoppte bei »E« wie Eichhorst, Heinz-Rainer, den sie anrief und fragte »Können Sie auch Tempel bauen?«

Sri Paskaran befragte noch die Götter, und auch die Götter sagten »Ja« zum Architekten Eichhorst und irrten nicht. Irgendwann, vielleicht schon in einem Jahr mit etwas Glück und noch etwas mehr Geld, kann der Architekt »Tempelbau« auf die Visitenkarten drucken lassen. Er reiste mit dem Priester 18 Tage durch Südindien, informierte sich über kleine Tempel und große Tempel, über die Bedeutung der magischen Zahl 9 und ließ sich wahrsagen, dass er 81 Jahre alt wird. Quersumme 9. Jetzt glaubt er dran, irgendwie.

»Das sind Künstler«

Eichhorst baute zunächst den kleinen Tempel neben Paskarans Backstein-Wohnhaus und nun den großen, finanziert durch Spenden und Darlehen. Mit Fußbodenheizung, Öllager und Küche. Der Architekt hat noch kein Honorar gefordert, denn wenn er das täte, liefe erst mal gar nichts mehr. Er steht vor dem Tempel, besieht sein Werk, schaut hinauf zum großen Turm über dem Eingangsportal, dem Gopuram, und schwärmt von den südindischen Arbeitern, die Ornamente auftragen und wenigstens zwölf Stunden am Tag malochen, »und das sind keine Arbeiter, das sind Künstler«.

Er sieht dann Paskaran, wie der die Baustelle inspiziert, und schwärmt schon wieder. Von diesem »kleinen Mann mit der großen Kraft«, dem vor Jahren nachts die Göttin erschien, »in Weiß gekleidet, mit offenem Haar und vollbusig«. Da wusste Paskaran: Es wird Zeit, einen würdigen Ort für die Götter zu finden. In Hamm. Es gibt offenbar keinen besseren Platz für die Götter als Hamm-Uentrop. Mit der Autobahn 2 ums Eck und dem Datteln-Hamm-Kanal. Den sie nutzen zur rituellen Waschung, exakt unter der Autobahnbrücke, weshalb die Lobpreisungen für die Göttin Kamadchi eine Terz lauter ausfallen müssen als sonst, weil die rasenden Autos oben ein - zadong, zadong, zadong - sehr weltliches Lautmuster über die Zeremonie legen.

Paskaran müsste müde sein. Zwei Wochen Tempelfest, zum Abschluss der große Umzug, 15.000 Menschen. Der Cousin Gopal ist eigens aus Paris gekommen. Er hat sich Urlaub genommen vom Job als Sandwichverkäufer neben dem Kentucky Fried Chicken am Centre Pompidou und bindet im Keller von Sri Paskarans Häuschen Blumen, Tausende Blumen, zu Kränzen. 10 bis 15 täglich, 14 lange Tage, maximal vier Stunden Schlaf. Früh morgens die erste Puja, Andacht, im Tempel nebenan.

Der Tempelraum sieht ein bisschen aus wie eine Umkleidekabine im Hallenbad. Gefliest mit weißen Kacheln, die Wände hellblau, an ihnen Bildnisse der Götter, am linken Ende der Fliesenschrein mit der Göttinnenstatue Kamadchis, verschließbar durch eine Schiebetür. Der Geruch von Kampfer hängt in der Luft, Öllampen brennen, ein Trommler sitzt auf den Fliesen und schlägt die Tavil, und wenn der Trommler aus dem großen Iso-Fenster guckt, sieht er die Palettentürme der Firma Ytong, Bausteine. Dahinter steigt weißer Rauch aus den Schloten des Schlachthofs Westfleisch. Sri Kamadchi Ampal, die Göttin mit den liebevollen Augen, muss sie gelegentlich zudrücken.

Nachmittags um vier die zweite Puja. Um fünf Umzug ins provisorische Zelt neben dem Tempelneubau. Um sechs die Prozession, mit der Göttin auf blumengeschmückter Lade, ein Polizeiwagen vorneweg: die Siegenbeckstraße hinauf, vorbei am Bauunternehmen von Michael und Uwe Adamski. An der Kranstraße rechts, Maschinenstahlbau Wilhelm Michel zur Rechten, der Schlachthof Westfleisch zur Linken. Sodann Ytong, Bausteine. Am Stoppschild rechts ab in die Zollstraße. Links liegt das Restaurant »Zum Goldenen Anker«, Bundeskegelbahn, westfälischer luftgetrockneter Knochenschinken auf Graubrot, Spiegelei, 13 Mark. Dann wieder rechts hinein in die Siegenbeckstraße. Wo nun ein Nachbar in der Tür steht - Friedrich Wilhelm Wickord, Fleischereibedarf.

Herr Wickord mag die Hindus von nebenan, »so freundlich«. »Und mutig«, wie er sagt. »So 'ne Moschee hierher setzen, mitten ins Gewerbegebiet, wat 'ne Minderheit nicht alles auf die Beine kriegt.« An Herrn Wickords Bürowand klebt ein Werbeplakat: »Kerner, der Bolzenschussapparat. Weltbekannt! Geräuschlos! Gefahrlos! Zuverlässig!« Nun fotografiert er erst mal die Prozession, »so friedlich, richtig schön«. Seine Lebensgefährtin sagt: »Hör mal, das ist keine Moschee, das ist ein Tempel.« Herr Wickord sagt: »Sag ich doch, Tempel.«

Die Hindus von Hamm leben am Rande von Hamm, am Rande des Ruhrgebiets. Uentrop war mal bekannt, einschlägig. Dort stand der Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR) mit dem riesigen silbernen Kühlturm von 181 Meter Höhe. Aber die umstrittene Atomtechnologie setzte sich nicht durch, und den Kühlturm sprengten sie vor Jahren bereits in die Luft. In einer Festschrift des Stadtbezirks Uentrop zum 775-jährigen Bestehen der Stadt Hamm heißt es, der Turm sei ein »ästhetisches Wunderwerk der Technik« gewesen.

»Friedliches Nebeneinander«

Es gab Proteste gegen die Hindus und ihren Umzug vor vier Jahren nach Uentrop. Unwissenheit schäumte auf Bürgerversammlungen zu dumpfem Protest. Einige sagten: »Unwürdig, so ein Ort für eine Religionsgemeinschaft.« Andere sagten: »Was wollen die hier?« Wieder andere befürchteten ein Chaos durchs große Fest. Parkplatznot, zugeschissene Gärten, dies und das. Die Leute verstanden nicht viel von den Hindus. Wahrscheinlich verstehen sie immer noch nicht viel von ihnen. Aber immerhin, heute sind die Ressentiments von gestern, und zwei neue Türme, ästhetische Wunderwerke, ragen auf dem Hindu-Tempel, und die Honoratioren der Stadt erscheinen selbstverständlich zum großen Fest. Der Hammer Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann sagt: »Es ist ein Signal für die Weltoffenheit unserer Stadt.« Auch Hunsteger-Petermann hat gezweifelt, damals. Uentrop? Er spricht inzwischen von »friedlichem Nebeneinander« der Kulturen.

Paskaran hat nie gezweifelt.

Er hatte und hat keine Zeit für Zweifel. Das Tempelfest geht auf den Höhepunkt zu, vier Stunden Schlaf, 15 000 Menschen auf den Straßen. Ein Markt aus Buden und Ständen entsteht auf einer Wiese nebenan: Gewürze, Saris, Telefonkarten, Popcorn, Gandhi-Kitschfiguren zu 22 Mark. Eine Radiostation, IBC aus London, überträgt für die Tamilen in aller Welt. Im Innenhof des kleinen Tempels lassen sich Männer Spieße, Gott Murugans Speer, durch die Wangen treiben und durchs Rückenfleisch Widerhaken, daran Seile gebunden. Sie werden tanzen, gezogen wie Marionetten, in Trance, mit einem blumen- und federngeschmückten Halbbogen auf den Schultern und vor dem Wagen der Göttin. Sie werden leiden. Und danach lächeln.

Jathavan wird nicht leiden. Er geht in diesem Jahr hinter den 24 rollenden Männern ganz am Ende der Prozession, die sich wälzt durch Uentrop. Und vor Westfleisch prasselt ein Hagelschauer auf die Büßer.

Michael Streck / Fotos: Brigitte Kraemer