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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: Demolition Man, Clooney und das Power Couple: Der CDU-Kandidaten-Check

Noch zu Beginn der Woche ein Vierkampf, ist die Bewerberriege um den CDU-Vorsitz zu einem Trio zusammengeschmolzen: Friedrich Merz, Norbert Röttgen und Armin Laschet/Jens Spahn. Micky Beisenherz macht den Kandidaten-Check.

Jens Spahn (l.) und Armin Laschet

Jens Spahn (l.) und Armin Laschet treten als Power-Couple an

Getty Images

Wenn du nicht genau weißt, ob es nur zugezogen ist oder gar eine gewaltige Testosteronwolke über dem Land hängt, dann ist großes Schaulaufen der Kanzlerwilligen. Derzeit vergeht kein Tag ohne neue Meldungen, ja, Heldentaten derjenigen, die Annegret Kramp-Karrenbauer, Angela Merkel oder vielleicht sogar gleich Helmut Kohl folgen wollen. Noch zu Beginn der Woche ein Vierkampf, ist die Bewerberriege um den CDU-Vorsitz zu einem Trio zusammengeschmolzen: Friedrich Merz, Norbert Röttgen und Armin Laschet/Jens Spahn.

Bis zu dem Tag, an dem sich die beiden Bewerber Laschet und Spahn zu einem Team zusammen getan haben, war es dem gefühlten Filetstück Merz offensichtlich gleich, wer neben ihm auf dem Teller die Salatbeilage sein sollte. Dummerweise für den Sauerländer war Laschets Idee, den Mini-Merz Jens Spahn in sein Team zu holen, geradezu genial.

Armin Laschet und Jens Spahn als Power-Couple

Gilt der drollige Aachener den Wandelinteressierten in der CDU als ein bisschen zu Merkel-kontaminiert und als "Türken-Armin" vielleicht auch ein bisschen zu migrationsfreudig, während sein Münsteraner "Running mate" als konservativer, islamskeptischer Merkelkritiker genau die Zielgruppe einhegen kann, die beim Namen des NRW-Ministerpräsidenten schon nach "lasch" nicht mehr hinhören.

Der Einfall, künftig als Power-Couple (oder Odd couple?) aufzutreten war so gut, dass der härteste Mitbewerber dann auch gleich ein bisschen beleidigt von einer "Kartellbildung zur Schwächung des Wettbewerbs" sprach. Womit er sogar durchaus recht hat.

Wollen wir erst über Norbert Röttgen sprechen? Geht schneller vorbei. Okay. Norbert Röttgen. War 2012 krachender Wahlverlierer in NRW, wollte danach nicht Fraktionsvorsitzender in Düsseldorf werden, sondern lieber Minister in Berlin bleiben. Was Angela Merkel nicht so gut fand - und ihn aus dem Amt entließ. Nun will er etwas überraschend CDU-Parteivorsitzender werden.

Norbert Röttgen ist der deutsche George Clooney

Was zwar jetzt nicht komplett irre ist - der Mann ist ein versierter Außenpolitiker, durchaus intelligent und gemäßigt - die Chancen sind allerdings eher, nun ja, mau. Und weil der Deutsche sich nach internationalen Entsprechungen sehnt, wird Röttgen gerne als "deutscher George Clooney" gehandelt. Was durchaus passt: Auch Clooney wird niemals Bundeskanzler werden. Für sein deutsches Pendant wiederum sollte am Ende als Trostpreis ein Ministeramt herausspringen, und das mag auch der tatsächliche Grund für seine Bewerbung gewesen sein.

Röttgen hat ja nicht nur sich selbst etwas überraschend aus dem Hut gezaubert, nein, es kam ihm noch eine andere geniale Idee: "Die zweite Person in meinem Team wird eine Frau sein." Das ist frech und progressiv. Er weiß zwar noch nicht genau welche, aber es hört sich gut an. Hauptsache, es wird fleißig menstruiert. Nicht wenige bangen schon, wer wohl eher eine Frau finden wird: "Der Bachelor" oder Norbert Röttgen.

Ja, Frauen sind der neue heiße Scheiß im Kanzlercasting, sodass Friedrich Merz seinerseits gleich nachlegte und bemerkte, dass auch er eine Frau - Obacht! - zur Generalsekretärin machen werde! Oh là là. Es ist offensichtlich, dass die Damen gerade zum neuen It-Piece für ambitionierte, freche Unions-Rüden werden. Klasse.

Friedrich Merz ist bei Frauen unbeliebter als Berlusconi

Wo er diese Frau herholen will, das weiß nur Friedrich Merz. Zum einen ist er im Frauen-Beliebtheitsranking nur knapp unter Berlusconi, zum anderen ist der Mann insgesamt ein wenig aus der Zeit gefallen. Vermutlich blättert er gerade in seinem alten Filofax von 1999. Claudia Nolte hat ihn heute bereits dreimal weggedrückt. Im Grunde genommen ist es dem Mann eigentlich auch egal, welche Frau seinen Mantel hält. (Am liebsten wäre ihm wohl Angela Merkel als Vorzimmerdame, aber das ist eher unwahrscheinlich.)

Vor einer blauen Wand mit "Bundespressekonferenz"-Schriftzug sitzt Friedrich Merz in einem Anzug und lächelt.

Während andere fleißig den Teamgedanken beschwören, weiß Merz: Der Star ist die Mannschaft, und die Mannschaft heißt: Merz. Diese Ego-Shooter-Mentalität ist logisch, wenn man versteht, dass der sympathische Mittelständler in einer Zeit politisch sozialisiert wurde, als der Mann noch ein kohlesker Verdränger war. Ohnehin wirkt die Erlöserfigur für erzkonservative Unionisten, wie einer, der zwanzig Jahre im Kryo-Schlaf verbracht hat und nun wieder aufgetaut wurde. Der Demolition Man der Union.

Doch es ist nicht mehr 2000. Diese Erkenntnis fehlt Merz. Was man auch daran erkennen kann, dass er die Wirkungsweise sozialer Netzwerke nicht verstanden hat. Da gibt er sich in einem Tweet betroffen über die Morde von Hanau, nur, um sich im selben (!) Posting bei Philipp Amthor für die nette Einladung zum Heringsessen in Ueckermünde zu bedanken.

Merz scheint nicht zu begreifen, wie sensibel die Wählerschaft heute auf sprachliche Feinheiten - oder in seinem Falle - Grobschlächtigkeiten reagiert. Und das nicht nur im Netz. Wer dem Rechtsterrorismus mit schärferen Grenzkontrollen und dem Bekämpfen der Clankriminalität beikommen will, hat nicht nur ein schiefes Bild der Lage - er legitimiert indirekt sogar rechtsradikale Übergriffe als eine Art vom Rechtsstaat enttäuschter Bürgerwehr.

Friedrich Merz sieht sich als Mann für "Aufbruch und Erneuerung"

So kurz nach Hanau ein erschütterndes Fazit von einem, der ein Land führen will. Vorzugsweise in die Moderne. Schließlich sieht der Kandidat sich als Mann für "Aufbruch und Erneuerung". In dem Jahr, in dem ein 70-jähriger Thommy Gottschalk wieder "Wetten, dass..?" macht, wirkt das nur ein bisschen weniger albern.

Merz ist der Mann, der im thüringischen Apolda steht und die Stadt dafür lobt, nicht Berlin-Kreuzberg zu sein, woraufhin die Bio-Deutschen begeistert mit den Glocken bimmeln. Der Konservative ist überzeugt, die AfD halbieren und von Merkel verprellte CDUler zurück gewinnen zu können. Das mag ihm gelingen. Nur niemals ohne von der Flüchtlingskanzlerin neu gewonnene Wähler wieder zu vertreiben. Und die Frage muss auch erlaubt sein: Ist es das wert, die AfD zu erlegen, in dem man selbst ein bisschen zur AfD wird? AfD-Lightkultur?

Im Willy Brandt-Haus indes dürften sie alle heftig die Daumen drücken für einen CDU-Chef Merz. Der ideale Spitzenkandidat - für die SPD. An diesem reibungsintensiven Vorsitzenden können auch die erlahmten Sozialdemokraten wieder an Profil gewinnen. Am Ende gibt es in der ganzen Sache jetzt schon einen Gewinner: Jens Spahn. Der Mann hat es geschafft, sich in einer Partei zu profilieren, in der du mit 40 kaum mehr sein kannst als Einlaufkind.

Ausgerechnet der, der bislang als so ehrgeizig galt, dass die Mär geht, er wisse, was jeder einzelne Delegierte gerne trinkt und welche Sorte Merci-Pralinen er bevorzugt. Ausgerechnet dieser Flammenwerfer schafft es in dem Moment, wo die Birnen tief hängen, sich als guter Parteisoldat zurückzunehmen und in den Dienst der Sache zu stellen.

So etwas wird in der Union ungemein geschätzt. Oder im Umkehrschluss natürlich auch schwerlich verziehen. Siehe Merz. Siehe Röttgen. Und Spahn? Der kann in Ruhe zusehen, wie sich der neue Kanzler Laschet reinhängt, aufreibt und schließlich abnutzt - um dann ganz entspannt mit Mitte/Ende 40 zu übernehmen. Da hat Friedrich Merz schon längst zum dritten Mal in Buchform mit der CDU abgerechnet.