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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Make Germany Great Again – in Thommys Jurassic Park

Micky Beisenherz über "Wetten, dass ..?" mit Thomas Gottschalk
Der Cringelord Thomas Gottschalk ist zurück
© Daniel Karmann / DPA
Thomas Gottschalk moderiert "Wetten, dass ..?". Wie schön, den eingebildeten Franken wieder dort zu erleben, wo er hingehört. Die lustvolle Rückwärtsgewandtheit der Show ist ein Safe Space für Boomer, findet Micky Beisenherz.

Der Cringelord ist zurück. Samstagabend, 20 Uhr 15: Thomas Gottschalk schreitet die Showtreppe in der Messehalle in Nürnberg herab und rund 2500 Menschen applaudieren so emphatisch, dass gleich klar ist: Die wollen das. Die wollen das wirklich.

"Wetten, dass ..?": Beifall gibt es viel

Sie bringen das "Messe" in Messehalle. "Wetten, dass..?" ist zurück und mit ihm ein Moderator, der so zufrieden wirkt, als sei er gerade erfolgreich ausgewildert worden. Hier in Nürnberg applaudieren sie Himmler, das ist der ZDF-Programmdirektor, dem Bürgermeister ("ah, da isser!") und vor allem: Ganz viel sich selbst. Es ist eine beeindruckende Massenpsychose. Als hätte Peter Hahne "Das Parfüm" geschrieben.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.

Markus Söder hat kurzfristig abgesagt –"Schaunsie, es geht ned um Personen, es geht um Deutschland" –, was bei diesem Superspreader-Event virologisch vertretbar ist. Er ist generell nicht der Typ, der anderen gerne zujubelt. Und Beifall gibt es viel. Die eifrige weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft applaudiert sich kollektiv in eine bessere Zeit zurück. Und die blonde Pausetaste im Brokatsakko bedient diese Sehnsüchte gerne. Hier gibt es kein Corona, nur Karina.

Wie schön, den eingebildeten Franken wieder dort zu erleben, wo er hingehört, anstatt ihm wie zuletzt bei Bild TV zuzugucken, was sich offen gestanden ein wenig angefühlt hatte, als müsste man dem einst reichen Lieblingsonkel beim Flaschensammeln zusehen. Hallo, Österreich. Hallo, Schweiz. Europa ist hier noch mehr als Mauern und Zäune. Michelle Hunziker ist da. Giovanni Zarrella steht in einer Kampfbahn, so unpassend schick gekleidet wie Armin Laschet im Ahrtal und verteilt großzügig ein paar Italienismen.

Gleich zu Beginn gibt es den erwartungsgemäßen Genderwitz, ein paar lustvolle Rückwärtsgewandtheiten und den obligatorischen Griff ans Knie. Dieses Mal allerdings langt Hunziker mit Gottschalk ihren Chef an. Vermutlich ein politisches Statement zum Zeitgeist. Die Twitter-Hautevolee hat da schon längst Speichelsturz. "Der Thommy" war immer schon bekannt dafür, dann und wann in Fettnäpfchen zu treten. Für einen wie ihn ist die Welt nunmehr eine Art Mount Splashmore –Fettnapflandschaft – und er tänzelt lustvoll hindurch.

Ein Hund, der Müll trennt: Willkommen in Deutschland

Gewettet wird auch. Ein Jack Russel-Terrier namens Uno, der Müll trennt. Willkommen in Deutschland. Im ZDF recyceln sogar die Hunde. Das Publikum ist gebannt. Einige halten Schilder hoch. "Uno, Du schaffst das." Uno kann es nicht lesen.

Helene Fischer ist da und wüsste man es nicht besser, müsste man meinen, sie sei auf den Punkt schwanger geworden. "Das Beste auf der Welt sind die Kinder", bestätigt sie Giovanni Zarrella in ihrer Fruchtbarkeit. Wer wollte da widersprechen. Standing Ovations. Ohnehin erhebt sich das Publikum so häufig zum Applaus, dass schon morgen die Orthopädiepraxen volllaufen dürften.

Sie sind alle da. Die Helene, der Udo und Abba. Zumindest der männliche Anteil der schwedischen Hampelkoalition. Die Männer gehen arbeiten, die Frauen bleiben zuhause. Frauen schrubben rhythmisch Klobürsten, der künftige Wettkönig Leon Krampl im Kai-Ebel-Gedächtnishemd dokumentiert seine Geografiekenntnisse mittels Dartpfeilwurfpräzisionen und eine Delegation der Freiwilligen Feuerwehr wettet, dass sie mit einem Go-Kart, angetrieben von Löschwasser, schneller um einen Sportplatz fahren, als eine Sprinter-Staffel. Die Erfinder und Tüftler von denen Armin Laschet immer gesprochen hat, es gibt sie wirklich. Ein paar Menschen winken in die Kamera.

Zum Reality Check hat die Produktion dem Moderator die Influencerinnen Lisa und Lena eingeladen, zur Freude des unvermeidlichen Kinderwettkandidaten Emil kommt ein YouTuber namens Vinny Piano. Vinny Piano. Das war früher noch Elton John. Oder wenigstens Lang Lang. Die Stimmung im Saal ist hervorragend. Immer wieder tosender Applaus. Die Messehalle 2 als gigantische Badewanne, gefüllt mit wohlig warmer Nostalgie.

Twitter schaut eifrig zu

Joko und Klaas schauen auch vorbei. Die zwei, die der Thommy relativ unverhohlen darum beneidet, neben all dem Blödsinn auch noch Ernsthaftigkeit attestiert zu bekommen. Wurscht. Die Kulmbacher Pointenorgel musste sich zuletzt einige sprachliche Missgriffe vorhalten lassen und nimmt sich viel Zeit immer wieder über das zu reden, worüber er nicht reden möchte. Während Twitter ein bisschen zu eifrig das schaut, was man auf keinen Fall schauen will. Man braucht einander. Ein sich über 50.000 Tweets erstreckendes Abhängigkeitsverhältnis.

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Make Germany Great Again – in Thommys Jurassic Park

Früher hat Gottschalk moderiert und am nächsten Tag das Feuilleton geschäumt. Nun, da Social Media das Feuilleton demokratisiert hat, schäumen sie halt alle in Real Time. Plötzlich sind sie alle Götz George 1998. Müll trennen und Klo schrubben als Hochleistungssport. Wann kommt ein Bodybuilder und sortiert Belege? Wen interessiert das noch.

Safe Space für Boomer

Wir wollen Abba, Udo, und wenn plötzlich Helmut Kohl in Frauenkleidern käme, würde es auch schon keinen mehr wundern. Der Abend wird spät und es entsteht ein Gefühl wie in Braunkohledörfern in NRW: Die Masse tobt und wartet auf den Bagger. Dieser kommt dann auch und schnappt mit seiner Schaufel nach geworfenen Frisbees wie der Host der Show nach dem Zeitgeist. Dies gelingt mal besser, mal schlechter.

Für die Generation Z muss sich das alles anfühlen wie ein Teutonen-Squid Game. Für alle anderen ist die lustvolle Rückwärtsgewandtheit der Show ein Safe Space für Boomer. Spätestens als Frank Elstner kommt, haben einige Tränen in den Augen. Gegen 23 Uhr 47 endet die Show und Claus Kleber macht das Licht an: "Sorry für den Stimmungswechsel." Rund 14 Millionen Deutsche verzeihen ihm die informative Belästigung zähneknirschend.

"Wetten, dass..?" ist antiquierter Quatsch. Gelebter Stillstand. Eine Zeitkapsel. Eine Auffrischungsimpfung gegen zu viel 2020er. Das ZDF wäre irre, das nicht ab und an wieder auszuleben.

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