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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Die Zerstörung der DFL – wie Kalou die ganze Blödheit der Bundesliga enttarnt

In einem spektakulär dummen Facebook-Livestream belegt Salomon Kalou, dass sich weder er noch Kollegen groß um Kontaktverbote scheren. Doch das ist nicht mal das Schlimmste am Video, findet Micky Beisenherz.

Salomon Kalou zeigt Trainingsabläufe in Facebook-Live-Video.

Geisterspiele heißen nicht deshalb so, weil sie von großen Geistern aufgeführt werden. Eindrucksvoll belegt wurde das soeben von dem (Ex-) Hertha BSC-Profi Salomon Kalou. Es ist ein erschreckendes Zeugnis unglaublicher Ignoranz, ein Fanal des Trotzes - womöglich auch sagenhafter Blödheit. Vorgetragen in dem Medium, das die Hertha in dieser Saison zuverlässiger geschlagen hat als die Bayern oder Dortmund: Facebook. Dort wurde Kalou zum Ed Snowden der Bundesliga. Die lieber heute als morgen den Betrieb wieder aufnehmen würde - und deren Vertreter jetzt mit heruntergelassenen Hosen vor der Kanzlerin stehen. (Was man im Videochat glücklicherweise nicht sehen kann.)

Salomon Kalou entlarvt das Bundesliga-Restart-Konzept der DFL

Das Bundesliga-Restart-Konzept der DFL, es ist derzeit so viel wert wie die Lufthansa-Aktien. Der Vorfall kommt für Rummenigge, Watzke und Co. zum Unzeitpunkt. Und mitten rein in eine ausgesprochen gereizte Stimmung innerhalb der Bevölkerung. Was absurderweise der Bundesregierung anzukreiden ist. Die hat nämlich - nicht nur im europäischen Vergleich - vieles richtig gemacht. Was ihr jetzt zum Nachteil gereichen soll. Stichwort "Präventions-Paradox": Du ergreifst frühzeitig Maßnahmen, um katastrophale Zustände zu verhindern - und musst dir Wochen später Hysterie vorwerfen lassen, weil von der Katastrophe da draußen ja überhaupt nix zu sehen ist. "Merkel hatte Paranoia - jetzt aber alle raus zum Ikea!" There is no Glory in Prevention.

Eigentlich müsste man von den derzeit beschäftigungslosen Schauspielern Hunderte engagieren, die sich auf Pritschenwagen tot stellen und so durch die Städte fahren lassen, um bei der Bevölkerung eine angemessene infektionsschützende Furchtkulisse aufrechtzuerhalten. Denn es bröckelt. Zum einen, "weil das mit Corona ja offensichtlich nicht so schlimm ist". Zum anderen aber - und da liegt das größere Problem -, weil die subjektiv empfundene Ungerechtigkeit zu immer heftigeren Aufbegehrungstendenzen führt. "Warum dürfen die Autohäuser öffnen, aber mein kleines Restaurant nicht?"

Verschwörungstheorien sind Sinnsuchaggressionen

Was hat das Möbelhaus, was das kleine Theater oder Kino nicht hat? Dass immer mehr Prominente wie z.B. der Dinkelsalafist Attila Hildmann sich ebenfalls dazu genötigt fühlen, sich zum Sprecher des ungesunden Volksempfindens zu machen und die Auflösungserscheinungen einer vormals zum Selbsterhalt angenehm disziplinierten Gesellschaft weiter voran zu treiben, macht die Situation nicht eben besser. Das Frühlingsmanifest der guten Laune. Verschwörungstheorien sind schlussendlich auch nichts anderes als Sinnsuchaggressionen.

Und es gibt kaum einen undankbareren Gegner als einen Virus. Der hat nicht einmal Eltern, die man haftbar machen könnte. Das Nervenkostüm und die Solidaritätstoleranz der (subjektiv) Ungleichbehandelten ist bereits gespannt wie die ehemalige Lieblingssjeans der vom Home Office heillos zernudelten Neu-Alkoholiker. Nun also kommt Salomon Kalou als (typischer?) Vertreter eines Wirtschaftszweiges, der ohnehin nicht bekannt dafür ist, sich allzu sehr für die Belange des einfachen Volkes zu interessieren oder dessen Welt noch groß zu schrammen.

Spektakulär dummer Facebook-Livestream

In einem spektakulär dummen Facebook-Livestream belegt der Fußballer, dass sich weder er noch Kollegen groß um Kontaktverbote scheren. Das ist nicht einmal das Schlimmste. Spätestens im Spielbetrieb wäre es mit der Distanz eh vorbei. Nicht einmal der Umstand, dass offenkundig nicht unter anständigen Umständen getestet wird, ärgert zuvorderst. Jede Kita scheint besser vorbereitet auf die Wiedereröffnung. Verheerend ist die Kaltschnäuzigkeit, die Ungerührtheit, die Scheißegaligkeit, mit der Spieler wie Kalou oder sein Mannschaftskamerad die Brisanz der Corona-Problematik aufnehmen. In dem Video wedelt Kalou sogar mit seinem Gehaltscheck und reiht sich ein in den Chor der Spieler, die sich über den Gehaltsverzicht beschweren. Sie kapieren nicht einmal, worum es gerade geht. Corona? Weniger Geld? Ja, sicher. Aber doch bitte für die Deppen, die sich unsere Show ansehen, nicht uns! Was geht uns das denn an? Demut? Komplette Fehlanzeige.

Wie ein Wallraff des Bundesligabetriebes zeigt der arglose Streamer die ganze Abgekoppeltheit des Profibetriebes von denen, die sich vor dem Schirm die Spiele anschauen sollen. (Was offen gestanden ohnehin nichts anderes mehr wäre als eine große, mehrteilige Charity-Veranstaltung zum Selbsterhalt der Vereine.) Und es ist alles noch dümmer, als wir befürchtet hatten. Nicht, dass uns diese Form der fußballerischen Wohlstandsverwahrlosung neu gewesen wäre. Man wird nur ungern so direkt mit dem gesamten Gesicht in dieses Elend gedrückt. All diese Ignoranz und Arroganz nehmen wir als Fans sonst mit Schulterzucken hin - auf der anderen Seite steht als Belohnung für unsere Gelassenheit wenigstens das schöne Spiel, die spektakulären Tore, die Show.

Der Bundesliga den Vorzug zu geben ist schwer vermittelbar

Die absurde Pointe: Dass wir genau die so bald wohl nicht mehr bekommen werden, hängt maßgeblich mit diesem Video zusammen. Nicht einmal wegen der hygienetechnischen Vorbildfunktion - immerhin sind Fußballer ja auch Vorbilder für genau jene, die jetzt schon breitärschig in Fünfergruppen durch die Parks gockeln, als hätten sie einen Impfstoff in der Bauchtasche. Denn in dieser explosiven emotionalen Lage, in der das "Warum die und nicht wir?" für nicht wenige von existenzieller Bedeutung und für das Land von gewaltigem Spaltungspotenzial ist, ausgerechnet diesem Haufen überbezahlter Ignoranten den Vorzug vor anderen zu geben, war schon in der letzten Woche schwer vermittelbar. Alle verzichten, alle stecken zurück. Sei es Gehalt, soziale Kontakte, Lebensqualität, ja, Grundrechte. Und ausgerechnet die, die ohnehin schon unverschämt verdienen, interessieren sich nicht nur nicht weiter für Hygienevorschriften - sie wedeln den Leuten verächtlich mit dem Gehaltsscheck im Gesicht herum. Und begreifen nichts.

Schutz vor Coronavirus: So geht gründliches Händewaschen

"Sala, bitte lösch das!" Der Satz könnte genauso gut vom Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, Christian Seifert stammen. Mag sein, dass es stimmt, was uns die Hertha und eine erschrocken blasse DFL uns glauben machen will: Dass der Ex-Herthaner Kalou eine Ausnahme ist in einem Geschäft, in dem Profis immer mehr wirken wie eine Mischung aus Rennpferd und Kindersoldaten im Krieg um Ablösesummen - allein, ich glaube es nicht.

Ich bin Fußball-Fan, und ich habe unglaublich Bock, wieder Spiele zu sehen. Und doch: Am 15. Mai den Bundesligabetrieb wieder hochzufahren, scheint mir spätestens nach Ansicht dieses Videos die komplett falsche Entscheidung. Nicht einmal aus Gründen des Infektionsschutzes. (Was bei diversen Neuinfektionen innerhalb der Vereine durchaus seine Berechtigung hätte.) Vielmehr um den fragilen Zusammenhalt der Bevölkerung nicht endgültig zu sprengen.

Wer auch immer gesagt hat, dass ein Mann allein nichts ändern kann: Kalou hat im Alleingang die Bundesliga-Saison beendet. Per Videobeweis. Zumindest für mich.