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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Nicht zur Nachahmung empfohlen. Über Infektionsscham und Ergebnisse abseits des Teststreifens

Micky Beisenherz
Micky Beisenherz hat sich mit Corona infiziert - und schreibt über seine Erfahrungen.
© Pippa Beisenherz
Kurz vor seinem Impftermin hat es ihn doch noch erwischt: Micky Beisenherz hat sich mit Corona infiziert. Neben den gesundheitlichen lernt er nun auch die sozialen Folgen dieser Infektionskrankheit kennen.

Das Kind zeigt mir seine Puppen, hält sie ganz nah an die Kamera, sodass ich die Ohrlöcher in dem Plastikohrläppchen der Figur mit den riesigen Augen sehen kann. Wir lachen, machen Scherze, ein Tierratespiel, dessen Lösung immer ein Zebra ist. Ausgerechnet ein Zebra. Als hätte ich die letzten Tage nicht schon ein paar Streifen zu viel gesehen.

FaceTime ist ein Segen. Unten an die Straße, damit ich ihr vom Balkon winken kann, möchte sie nicht. Das macht sie traurig. So ein sensibles Kind. "Wenn ich nächste Woche wieder darf, dann kuscheln und schmusen wir ganz viel. Versprochen. Wir bleiben positiv." "Du meinst negativ."

Das Mädchen ist fünf. Und auch, wenn ich lachen muss, so lässt dieser Satz erahnen, was Kinder während der letzten anderthalb Jahre alles haben miterleben müssen.

Ich nehme das Oximeter vom Finger. Sauerstoffsättigung bei 98. Puls von 55. Es sieht gut aus. Und es wird wohl gut bleiben. Das Fieber ist weg. Ich schmecke etwas. Der Husten ist noch heftig. Aber das könnte auch am Asthma liegen. Es ist ja Pollenzeit.

Musste ich mich die ersten 43 Jahre nicht mit beschäftigen: Vitalfunktionen. Jetzt ist das wichtig. Plötzlich schaust du dir selber zu wie beim Pferderennen und setzt darauf, dass dein Körper nicht überraschend im Rennen um deine Zukunft zurück fällt. Wie konnte es passieren?

Montag morgens getestet: negativ. Montag abends: negativ. Dienstag gearbeitet. Mittwoch morgens: positiv. Bingo. Was für ein beschissenes Gefühl, wenn plötzlich ein zweiter Strich auf dem Teststreifen auftaucht. Ich hatte mich doch schon so an die Negativergebnisse gewöhnt. Deshalb: So oft testen, wie es geht. Nichts ist so gestrig, wie der 24 Stunden alte Antigen-Test.

Ohne den freiwilligen Test am Mittwoch wäre ich fröhlich noch Tage durch die Gegend gelaufen, bis die Symptome reingekickt hätten - und hätte munter Eltern, Omma und meinen Freund Oli angesteckt.

So habe ich mich selbst aus dem Verkehr gezogen. Wenn auch nicht ohne, nun ja, Kollateralgeschädigte. Kontakte beim Gesundheitsamt angeben. Am Ende sitzen nicht nur ein Freund und ich im Hausarrest, sondern fünf weitere "Kontaktpersonen" in Quarantäne. Weil sie ein wenig zu eng mit mir zusammen arbeiten waren.

Der Deutsche will zunächst stets die Schuldfrage geklärt wissen

Du hältst dich an jede Regel (sogar darüber hinaus), und doch fühlst du dich irgendwie verantwortlich dafür, "den Betrieb aufzuhalten". Der destabilisierende Faktor. Der Deutsche will zunächst stets die Schuldfrage geklärt wissen. "Die war ja auch viel unterwegs!" "Hat sich bestimmt nicht an die AHA-Regel gehalten." "Warum war der auch auf Sylt?"

Da ist sie, die Infektionsscham. "Ey, niemand wäre so mies, dir das noch anzulasten!" Viele wissen anderes zu berichten. Es gibt sie, die Beispiele, in denen Kranken recht unverhohlen vorgeworfen wird, "es sitzen wegen dir Menschen in Quarantäne."

Die hässliche Schwester der Frage, wieso "du schon eine Impfung bekommen hast!?" Das "warum ziehst du dir auch so einen kurzen Rock an!" der Pandemie. #Nächstenliebe lässt sich eben doch leichter posten als leben. Da bekommt selbst ein "Ich wünsche dir noch einen leichten Verlauf" einen Touch von "Hauptsache, DIR geht's gut."

Auch so ein Ding. Eine recht heftige Erkrankung lässt man sich besser durch etwas mehr Gejammer anmerken. Der preußisch disziplinierte Symptomüberspieler gerät in seiner Isolation schnell in den Verdacht, sich ein paar Gratistage zu erhusten. Empathie, das sind immer Bitteschön die anderen.

Und wie sagte schon der große Philosoph Rudi Assauer: "Wenn der Schnee geschmolzen ist, siehst du, wo die Kacke liegt." Das Leben als Teststreifen.

Positiv auf asozial getestet

Als hätte man nicht alles dafür getan, sich so kurz vor der Spritze diesen Scheiß nicht noch einzufangen. Himmel, ich hatte wegen des Asthmas doch schon einen Impftermin. Und dann frag sich nochmal einer, warum manche lieber ihr Ergebnis verschweigen.

Es hängt auch viel dran. Job. Geld. Zukunft. In einer Leistungsgesellschaft möchte man nur ungern derjenige sein, der die Seilschaft runter reißt. Positiv auf asozial getestet. Glückwunsch.

Vielleicht dürfen wir aber auch nicht zu viel von einer Gesellschaft erwarten, in der sich Menschen um Klopapier halb totschlagen oder wildfremde ältere Leute nach dem Besuch im Fernsehgarten kidnappen, um beim Hausarzt als Pflegepersonal mitgeimpft zu werden.

Erst das Testen, dann die Moral. Die Pandemie als Schälmesser. Und wir, die Zwiebel. Post Covid, aber emotional. Und sind wir nicht eigentlich immer so?

Wenig Anlass für negative Gefühle

Da, wo wir alle produktiv sein wollen, ist Rücksicht bestenfalls ein Gruß aus der Küche. Der Ausnahmezustand, der bestenfalls eine kleine, jämmerliche Raststätte sein kann, während die Restgesellschaft auf der dreispurigen Autobahn munter weiter brettert Richtung Jahresurlaub. Oder wenigstens Biergarten.

Depression? Ja, schlimm! Da halten wir natürlich alle inne. Hol dir artig dein Mitgefühl ab, alle gucken betroffen, aber nächste Woche kommst du dann schön wieder zur Arbeit, oder?

Nichts hat weniger Halbwertszeit als ein "mein aufrichtiges Mitgefühl". Einen Monat schon heißt es "wie? Immer noch DESWEGEN?" "Klar, das war schlimm mit dem Krebs, aber jetzt kann sie doch auch mal wieder langsam Vollzeit arbeiten." Wenig Anlass für negative Gefühle.

Alle reagieren so nett, liebevoll, aufmerksam. Ich fühle mich nie allein gelassen. Mein Freund Jonas bringt mir regelmäßig Kaffee vorbei, Benjamin versorgt mich mit kompetenten Medizinern, meine Tochter schickt eine aufmunternde Postkarte, ihre Mama ist ein Schatz.

Die teuerste Immunisierung meines Lebens

Und meine Frau schleppt mit ihren dünnen Armen Einkaufstüten zu mir, deren Gewicht wie bei Ameisen ihr Körpergewicht um ein Vielfaches übersteigen, während ich hinter einer Glasscheibe wie ein Labradoodle aufspringe und freudig zur Tür renne, wenn sie kommt.

"Renne". Naja. Wir sind uns eigentlich ganz nah, und doch sind wir dazu verdammt, nur miteinander zu telefonieren. Aber eine solche Liebe lässt einen auch die Absurditäten einer solchen Zeit umarmen. Während ich in die teuerste Immunisierung meines Lebens hinein krauche.

Das, was der Freiberufler im Bademantel aus dem Fenster wirft, klopft unten nicht wieder an die Tür. Gleichwohl bewahrt mich dieser Reset womöglich vor dem ersten Herzinfarkt meines Lebens. Inshallah. Wer weiß das schon.

Ich kriege Päckchen, Aufmerksamkeiten und liebe Nachrichten. Auch von den Kolleginnen, die "wegen mir in Quarantäne sind". Die sind aber auch alle eh toll, und deren Zuneigung überrascht mich nicht im Geringsten. Ich freue mich darauf, sie alle wiederzusehen.

Während der PCR-Test eine Viruslast anzeigt, die noch zu hoch ist, um mich fristgerecht aus der Isolation zu entlassen. Das nächste Monatsgehalt, das das Klo runter gespült wird.

Held der Immunarbeiterklasse

B-Zellen, T-Zellen, pulmonale Phase. Ich sei "ein guter Immunarbeiter" bilanziert der Arzt. Was in Anbetracht dessen, dass ich wie ein Dyson eingesogen habe, was eben an kontaminierten Aerosolen im Raum war, auch wichtig ist.

Mein Husten klingt nach einer veritablen Ernte-23-Raucherkarriere, im Blut flackern noch die Entzündungen, aber es geht mir langsam besser. Ich darf mich jetzt um Sekundärbelastungen sorgen wie "Long Covid", die Angst, dass es einem noch die Gefäße zerfrisst – oder diese schrecklichen Meldungen, dass Corona zu Haarverlust führen soll.

Wie schnell haben Corona-Geimpfte Antikörper im Blut?

Es bleibt eine seltsame Krankheit. Der Verlauf eine Art virales Roulette irgendwo zwischen "schade um den Friseurtermin" und "ich will noch nicht sterben". Ich musste 43 Jahre alt werden, um eine besorgte WhatsApp meines Vaters zu kriegen. Das hat mich so gerührt, wie anderes mich erstaunt hat.

Als Genesener blicke ich nun natürlich voller Verachtung auf all diejenigen, die es sich mit einer Impfung zeitlich und finanziell ja nun sehr leicht gemacht haben. Ich, als Held der Immunarbeiterklasse.

Videoanruf meiner Tochter. Breaking News. Durch den Screen verfolge ich: Sie hat das Seepferdchen.

Manches geht unter. Manches wird nach oben gespült.


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