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Zum Tod des stern-Fotografen: "Viele Geschichten wurden besser, weil Volker die Menschen öffnete"

Der stern-Fotograf Volker Hinz ist im Alter von 72 Jahren verstorben. Unser Autor blickt in einem Nachruf zurück auf schöne Erinnerungen und Erlebnisse mit dem Fotografen.

Von Jochen Siemens

Muhammad Ali

Er war "The Greatest of all Time", der größte Boxer aller Zeiten, und Volker Hinz kam ihm so nah wie nur wenige: Drei Tage verbrachte der Fotograf Anfang 1984 mit Muhammad Ali in Las Vegas. Es sollte eigentlich nur ein kleines Porträt für den stern werden, doch daraus entstand ein ganzer Bildband: "Private Life of Muhammad Ali".

Tja, nun sitzen wir hier. Im stern. Wer ihn, Volker Hinz, kannte - und es sind noch viele, die ihn kannten - blickt irgendwohin, an die Wand, an die Decke, aus dem Fenster. Es ist leise, weil jeder an das Erlebte mit Volker denkt; jeder hat ihn noch einmal vor Augen. Der Autor dieser Zeilen auch. Einen großen Freund verloren. Einen Kollegen. Und auch einen Lehrer. So viel erlebt. So viel gelernt. So viel sehen gelernt. Und so viel Fotografie. Die Erinnerungen sind endlos, hier nur ein paar, die einem einfallen.

Puerto Rico vor vielen Jahren, eine stern-Reportage über die Wahl der Miss Universe, damals noch veranstaltet von Donald Trump. Abends eine Party, sehr voll, sehr viel Gedränge und dann kam er, Trump. Alles stob zu Seite, Trump schritt herein und wer klebte hinter ihm? Volker Hinz, unser "Kugelblitz", wie wir sagten. Die Kamera auf Bauchhöhe, eine Hasselblad in die man von oben in den Sucher schaute und die er angewinkelt trug und nicht dicht, sondern "hinzdicht" die damals schon abenteuerliche Frisur von Trump fotografierte. Immer wieder, keinem viel das auf. Oder später mal in London, Boris Becker und Claudia Schiffer auf einer Couch vor ihm. Volker tut so, als ob er die Kamera putzt als Boris Becker wieder einmal von sich und Claudia als "die berühmtesten Deutschen" redet und Claudia Schiffer das unangenehm ist, ein wenig zur Seite rückt und die Füße übereinanderschlägt. Man hörte das Klicken gar nicht, aber das Foto von Schiffers Füßen habe ich bis heute.

Jeder im stern kann eine Hinz-Geschichte erzählen

Und auch das von Yves Saint-Laurents Händen, die hinter seinem Rücken eine Packung Zigaretten fast zerknautscht, während er den Applaus für eine seiner Schauen in Paris erträgt. Ach, was fällt einem alles ein, es hört gar nicht auf und jeder hier im stern kann eine Hinz-Geschichte erzählen. Das hilft, das macht ihn nochmal lebendig, das lässt ihn hier in den Gängen nochmal vibrieren. "Ich weiß noch, wie...", so fangen jetzt die Geschichten an und als einer sagt: "Ich weiß noch, wie ich mit Volker einmal Auto gefahren bin", rufen andere "uuhh, ja" und wischen sich den Schweiß von der Stirn, weil man zu Volker im Auto immer sagen musste: "Übrigens,das hat auch eine Bremse."

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William Burroughs

Den amerikanischen Schriftsteller William S. Burroughs fotografierte er 1987 von hinten - mit gezückter Pistole. "Am besten gefällt mir, dass das Hasselblad-Objektiv auch noch die Waffe so scharf abbildet", sagte Volker Hinz später über das Bild. Der langjährige stern-Fotograf ist im Alter von 72 Jahren gestorben.

Es ist viel zu wenig, wenn man sagt, dass mit Volker Hinz ein Fotoreporter, ein stern-Fotograf der alten Schule nicht mehr da ist. Es stimmt, aber es ist mehr als das. Geboren 1947 am Elbhang in Hamburg-Blankenese, hatte der junge Volker immer die Elbe, die Schiffe und damit die Welt vor Augen. Aber auch, und das ist wichtig, Vordergrund, Schiffe, Hintergrund. Er lernte, das Leben im Räumen und nicht in Flächen zu sehen. Fotos waren für ihn nicht Abbild von irgendwas, sondern Erleben, jedes Foto ein Geschehen, eine Bewegung, ein Raum. Man konnte ihm dabei zusehen, wenn er die Kamera drehte, tief hielt, anwinkelte und dann, ganz wichtig, gar nicht durch den Sucher blickte, wenn er fotografierte, sondern den Fotografierten ansah, anlächelte oder die Augen aufriss.

"Wer erster ist, sieht das Geschehen oder die Menschen hereinkommen"

"Haben sie jetzt schon fotografiert oder proben sie?", war die Frage, die er oft hörte und gar nicht beantwortete, weil er schon weiter war. Andere Ecke, anderer Winkel, alles schnell und damals, auch lange her, immer einen Beutel an der Seite, der sich mit Filmrollen füllte. Und immer, wenn es einen Raum gab, als erster darin sein, hineinflitzen, denn wer erster ist, sieht das Geschehen oder die Menschen hereinkommen, ganz wichtig. Und nicht auf Bilder warten, sondern sie suchen, auch in den Kleinigkeiten, Schuhe, Kaffeetassen, alles erzählt etwas. Mit Volker zu arbeiten war, wie mit anderen stern-Fotografen auch, nicht Bilder zu machen, sondern Bilder zu erleben. Oder anders gesagt, ein Erleben zu Bildern zu machen. "Die Welt ist in Bewegung und man darf gegenüber einer beweglichen Sache nicht in Bewegungslosigkeit verharren", sagte einmal der große Henri Cartier-Bresson und das Lebenswerk von Volker Hinz sind die Bilder zu diesem Satz.

Aber dazu gehörte und gehört auch noch etwas anderes, was man hier eine fotografische Menschlichkeit nennen könnte, ein Charisma. Volker war nie "der Fotograf, den man dabeihatte", "der Knipser", der noch ein paar Bilder für den ach so großartigen Artikel, das goldene Interview oder so, lieferte. Mit Volker zu arbeiten hieß, goldene Bilder zu hoffentlich goldenen Sätzen zu liefern. Mit Volker war es Teamarbeit, viele Geschichten wurden besser, weil Volker die Menschen öffnete. Und er war in seinem Charme schwer aus der Fassung zu bringen. Die große Inge Meysel schaffte es einmal, es war ihr letztes großes Interview und als sie Volker Hinz sah, meinte sie "Herr Hinz, sie sind zu dick." Volker lächelnd: "Ach es gibt Frauen, die das mögen." Meysel: "Das sagen sie, sie liegen ja nicht unten." Es wurden sehr gute Bilder, fotografiert in einem Provinzhotel in Bochum.

Seine Krankheit war Hinz lästig

Und so sind sie, die Geschichten, die nun noch wochenlang oder ewig erzählt werden. Es ist die große, wirklich große Trauer über den Verlust dieses fotografierenden Lebemannes, dieses so sprühend gelebten Fotografen, die so schmerzt. Volker Hinz wurde 72 und man muss sagen, nur 72, denn mit dem, was er noch vorhatte, mit seiner tiefen Liebe zur Fotografie, seiner Sammlung, seiner Bücher und Ausstellungen, hätte ein Leben bis 82 oder 92 knapp gereicht. Aber, um es mit einem Buchtitel zu sagen, "Das Schicksal ist ein mieser Verräter", oder schlimmer, ein Arschloch eben. Volker hat seinen Kampf gegen eine Krankheit verloren.

Er sprach darüber, aber nicht viel. Sie war ihm lästig, weil sie ihn ablenkte und störte, wenn er in seinem Archiv Fotos ordnete, sammelte und immer wieder Schätze aus der Vergangenheit fand. Die würden ausreichen, um eine Turnhalle damit vollzuhängen und sie "Deutschland – eine Bildergeschichte" zu nennen. Und natürlich würde Volkers vielleicht berühmtestes Foto groß zu sehen sein: "Franz Beckenbauer und Pele unter Dusche", aufgenommen in den USA, als beide für Cosmos New York spielten. Wenn man Volker dazu fragte, warum bei Pele eigentlich alles zu sehen war und bei Beckenbauer nur die nackte Rückenansicht, lächelte er. "Ich hatte zu Franz gesagt, er soll sich ein wenig zur Seite drehen."

"Jeder von uns", sagt Cartier-Bresson, "braucht Samthandschuhe und Falkenaugen." Die Fotografie hat jetzt so einen davon verloren.


Mehr als dreißig Jahre hat Volker Hinz für den stern fotografiert. Seine Fotografien haben die Optik des stern entscheidend geprägt.

Die Edition stern FOTOGRAFIE Ausgabe 67 zeigt eine bewegende Auswahl aus dem Lebenswerk von Volker Hinz. Darunter finden sich international bekannt gewordene Bilder wie der stille Moment des Willy Brandt, der nackte Franz Beckenbauer mit Pelé im Duschraum von Cosmos New York oder die Schießübungen mit dem Dichter William S. Burroughs.

Für 18,- Euro ist die Edition im stern-Shop erhältlich: shop.stern.de/volker-hinz

Die Erlöse sollen einem gemeinnützigen Zweck zugutekommen.

+++ Sehen Sie im Video, was Volker Hinz wenige Monate vor seinem Tod über seine Arbeitsweise und sein Lebenswerk sagt. +++

Ein Mann mit rotkarierter Schirmmütze und Jacke sitzt in einem Archivraum. Er trägt eine braune Brille und weißen Schnauzbart

Das Video ist Teil der Serie "Master Tapes" des "Berufsverbands Freie Fotografen und Filmgestalter e.V.", der das Interview dem stern zur Verfügung gestellt hat. Vielen Dank!

rw