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Waffenland USA: Das passiert, wenn man einem Pazifisten eine Maschinenpistole in die Hand drückt

Warum sind Amerikaner Waffennarren? Trotz allem? Wir haben unseren friedlichsten Reporter geschickt, die Lust an der Macht über Leben und Tod zu spüren. Eine Reise auf die dunkle Seite.

Von Friedemann Karig

Joko-Reporter Friedemann Karig feuert einen Schuss ab.

"Es gibt keinen Weg, das zu ver­hindern, sagt die einzige Nation, in der das immer wieder passiert." (Satire­-Website "The Onion", nach dem Massaker von Parkland, Florida). Friedemann drückt ab.

Als ich irgendwo in der Prärie von mit einer AK-47 lächelnd den Unterkörper einer Schaufensterpuppe zerfetze, dabei leise Kendrick Lamar summe ("Bitch, sit down, be humble"), verstehe ich, dass nichts so einfach ist, wie eine Waffe abzufeuern. Ich heiße Friedemann. Der Name passt. Ich bin ein friedlicher Mensch. Ich hasse Gewalt. Das erste und letzte Mal, dass ich jemanden blutig geschlagen habe, war in der dritten Klasse. Auf dem Schulhof, mehr aus Versehen. Schlimmer als die Angst vor einer Strafe war damals die Scham über meine Tat. Bis heute sind für mich Gewalt und Waffen etwas Falsches. Dummes. Schwaches. Mit jeder Waffe weniger, bin ich überzeugt, wäre die Welt eine bessere.

Deshalb: ich, eine Schusswaffe abfeuern? Die jemanden töten könnte? Zum Spaß? Erscheint mir so realistisch wie mit Pfeil und Bogen Bisons zu ­jagen. Anachronistisch, unnötig, gefährlich. Aber genau das macht mich neugierig. Was finden die Amis daran so geil? Und: Kann ich das lernen?

Herumballern im Wilden Westen. Bei völlig Fremden

Wir treffen Edgar Antillon an der Shootist Pistol Range in Englewood bei Denver, Colorado. Er ist kleiner als ich, eher 1,70 Meter groß, aber solide ­gebaut. Breite Schultern, kurze schwarze Haare und Bart, dunkle Augen. "Hey Germans!", ruft er zur ­Begrüßung. "Ready to shoot?" Die Germans, das sind Fotograf Paul Ripke und ich. Gut, ihn dabeizuhaben, wenn man in den ­­Wil­den Westen fährt, zu völlig Fremden. Um ein bisschen herumzuballern. 2017 wurden in den USA rund 15.600 Menschen durch Schusswaffen getötet, in den letzten 50 Jahren insgesamt 1,5 Millionen. Das ist mehr, als durch alle Kriege mit amerikanischer Beteiligung zusammen. Geschätzte 300 Millionen Schusswaffen sind in Privatbesitz. Tendenz steigend. Das Land kämpft statistisch gesehen einen Bürgerkrieg. Und meistens sterben Unschuldige.

Waffennarren in den USA: Ein mächtiges, niederes Gefühl – Reise auf die dunkle Seite
Eine Macht zwischen Friedemanns Händen: "Ich ziele. Atme aus. Und drücke ab. Mir wird wärmer"

Eine Macht zwischen Friedemanns Händen: "Ich ziele. Atme aus. Und drücke ab. Mir wird wärmer"

Wir gehen in den flachen Bau, an die Theke, ­Munition kaufen. Es war nicht ganz leicht, jemanden wie Edgar zu finden. Ich habe die National Rifle Association (NRA) angeschrieben, in Dutzenden Foren gepostet, Freunde in den genervt. Die Waffennarren sind vorsichtig geworden. Aber Edgar ist die NRA, eine der mächtigsten Lobbys der Welt, fünf Millionen Mitglieder stark, sowieso zu harmlos. "Die reden auch nur und machen nichts", sagt er, "die sind weichgespült wie alle Lobbyisten." Bei ihm bekomme ich die ehrlicheren Antworten, ver­sichert er. "Wie auch immer deine Story wird", sagt er zu mir, "wenn wir gar nicht mehr miteinander reden, dann wird nichts besser."

Er sieht die Widersprüche, die Komplexität des Problems der Waffengewalt in den USA. Vielleicht, weil er selbst ein wandelnder Widerspruch ist. Seine Eltern sind vor Jahrzehnten illegal über die Grenze von Mexiko eingereist. Er hat 60 Cousinen und Cousins, manche in Mexiko, manche in den USA. Als "Anchor Baby", ein in den USA geborener Nachkomme illegal Eingewanderter, hat er einen amerikanischen Pass. Ausgerechnet Präsident Ronald Reagan, der konserva­tive Hardliner, erließ 1986 eine Amnestie für die Illegalen. Edgars Eltern konnten bleiben. Er sieht sich als Amerikaner. "Vor ein paar Jahren war ich ­sogar zu sehr Amerikaner", sagt er und lacht. "Superrechts, nationalistisch. Gegen mich damals ist Trump ein toleranter Mensch." Aber er hat sich geändert. Hat schwule Freunde. Will niemandem etwas Böses, ­sondern lieber für die richtige Erziehung werben, und das vor allem im Umgang mit Waffen. Deshalb gehen wir jetzt in den Keller der Range, mit Edgars Glock. Er erklärt mir Sichtschutz, Ohrenschutz, dann die Pistole.

Es ist so einfach

Laden, entsichern, zielen, schießen. Den Lauf immer auf die Range, nie auf Menschen. Es ist so einfach, drei Minuten später feuere ich zum ersten Mal in meinem Leben eine scharfe Waffe. BUMM. Der Rückstoß ist machbar. Es riecht scharf. Ich treffe den Bösewicht im schwarzen Hoodie, den wir als Ziel aufgehängt haben, an der Schulter. Immerhin. "Auf diese Distanz", sagt ­Edgar, "musst du ihn irgendwie treffen. Sonst kriegt er dich." Wir trainieren hier also realistische ­Szenarien, einen Überfall? Wie oft ist Edgar so etwas ­passiert in Denver, Colorado?

"Einmal hat mich die Waffe gerettet", sagt er. "Drei Typen in einem Auto wollten mich über­fahren. Also habe ich die Waffe gezogen und ihnen ­gesagt, sie sollen anhalten. Na ja, so nett habe ich das nicht gesagt." Er lacht. Wenn er hätte schießen müssen? "Wäre ich vermutlich trotzdem tot gewesen, auch wenn ich den Fahrer erwische, der dann nicht mehr bremsen kann." Er ist eigentlich anders auf­gewachsen. "Only bad people have guns", brachten ihm ­seine Eltern bei.

So richtig wichtig sind ihm Waffen erst, seit er eine Familie hat, die er verteidigen will. Und deshalb zeigt er im Jahr 3000 Schülern wie mir, davon an die 40 Prozent Frauen, wie man richtig schießt. Er macht damit der NRA Konkurrenz, die jährlich Hunderttausende Amerikaner an der Waffe ausbildet. Sein Verein heißt "Guns for Everyone". 30 Prozent der erwachsenen Amerikaner besitzen eine Kanone. Edgar will die fehlenden 70 auch bewaffnen. Für ihn liegt der Schlüssel zu allem in ­Bildung. Jedes Jahr werden in den USA im Schnitt 50 Menschen von Kleinkindern angeschossen oder getötet, weil Waffen in vielen Haushalten offen herumliegen. "Man muss die richtig er­ziehen", sagt Edgar. Kunden hat er genug. Die Waffenverkäufe steigen, vor allem nach Amokläufen. Weil die Menschen fürchten, dass doch jemand die ­Gesetze verschärft. "Es gibt zu viele Gesetze gegen Waffen", sagt Edgar. "Allein 20.000, die den Besitz regeln." Die Zahl ist falsch, geistert aber seit den 60ern unter Waffenfreunden herum.

"You wanna shoot bigger stuff?"

Paul und ich battlen uns am Schießstand, er gewinnt klar, Fotografenauge. Aber auf 20 Yards, gut 18 Meter, treffen wir beide nichts mehr. Wer nicht regelmäßig übt, ist bei einer Schießerei nutzlos. Die kleine Pistole wird lang­weilig. Der Keller der Range ist kein Wilder Westen. Ich finde das eher unnötig. Man kann sich auch mit Pfefferspray verteidigen. Edgar merkt, dass wir durch sind. "You wanna shoot bigger stuff?", fragt er grinsend. Wir wollen. Er hat eine Ranch nahe der Kleinstadt Pueblo, mitten in der Prärie, zwei Stunden südlich. "Wir haben alles da, auch eine rumänische AK-47", verspricht Edgar. "Die einzig wahre Massenvernichtungswaffe."

Paul und ich haben einen Chevy Suburban ­gemietet, ein Schiff mit einer Kühlerhaube wie ein Rammbock. Wir fahren Edgar hinterher auf dem Highway 25, immer nach Süden. Anfangs liegt noch schmutziger Schnee, dann wird die Landschaft ­karger. Hohe Berge, weite Steppe. Zwölf Grad und greller Sonnenschein. Am Straßenrand Werbung für Schönheits-OPs auf Pump (129 Dollar Rate pro Monat), Outlets von Levi’s, Wendy’s Restaurants so groß wie Flugzeughangars, riesige Parkplätze voller Gebrauchtwagen. Eine Retortenstadt nach der anderen. Jedes Haus sieht gleich aus. Wir überholen White-Trash-Typen mit Vokuhilas in rostigen 86er Buicks, Schilder warnen vor Elchen, Tumbleweed kreuzt unseren Weg. Wer wohnt hier freiwillig?

Je weiter südlich wir kommen, desto dünner besiedelt ist es. Verlassene Höfe, Autowracks. Es ist ein Land, wird Edgar später sagen, in dem man verstreut lebt. Aufeinander angewiesen ist. In dem die Polizei schon mal eine Stunde braucht, bis sie kommt. "Ein Land, in dem man sich verteidigen können muss", sagt er. "Diese Wehrhaftigkeit wurzelt tief in unserer Kultur." Man könnte auch sagen: Das Land, das Männer wie Edgar im Ernstfall mit Waffen verteidigen wollen, wurde vor nicht einmal 200 Jahren den Indianern blutig abgerungen. Stück für Stück, Rothaut für Rothaut, eroberten sie einen Kontinent. Für Land, Gold und Felle. Auch die Gewaltherrschaft über Hunderttausende afrikanischer Sklaven konnte nur mit Waffen aufrechterhalten werden. Dafür brauchten die Amerikaner, jeder einzelne, eine Kanone. Auch das meint Edgar, wenn er Kultur sagt.

Die Lust zu schießen: ein warmes, gutes Gefühl

Wir biegen vom Highway ab, auf eine Dirt Road, immer weiter in die Prärie. Die Wege heißen hier Sunflower Street und Black Horse Drive. Dann sind wir da. Als Erstes hören wir die Hunde bellen, laut wie Schüsse. Vier Stück springen am Auto hoch, ­verfolgen uns auf jedem Schritt. Ich mag ­Hunde nicht. Sie sind nur der beste Freund des Menschen, weil sie bedingungslos gehorchen. Keine Freunde. Eher ­Soldaten. Aber ich lasse mir nichts anmerken. Ich habe ja eine Mission. "Das sind die großen Dinger …", sagt Edgar und packt vier Gewehre auf einen wackligen Holztisch, den Mittelpunkt seiner improvisierten Outdoor-Shooting-Range. Es gibt ein paar Ziele in zehn, zwanzig, dreißig Meter Entfernung. Einen Reifenstapel, einen Luftballon weiter weg, auch einen kleinen Gefechtsstand mit Sandsäcken. "Desert Storm Style", sagt Edgar. Auf einmal spüre ich ein komisches Gefühl, das die Nervosität, die Vorsicht und Vernunft verdrängt aus meinem Bauch. Ein warmes, gutes Gefühl. Die Lust zu schießen.

Edgar lädt das erste Gewehr. "Aus Deutschland. Ihr habt die besten Ingenieure", sagt er. Heckler & Koch MG5. Damit füllen die Drogenkartelle in ­ die Massengräber. Ich lege an, Edgar erklärt mir die richtige Schulterposition. Ich ziele. Atme aus. Und drücke ab. Der Sand rund um die Reifen spritzt. Die Sonne steht hoch am Himmel. Außer den Schüssen völlige Stille. "Good shot", sagt Edgar. Mir wird wärmer. Ich will die nächste Flinte. Es kommen noch zwei, aber ich schiele schon auf die AK-47. "Gut, dass du hier bist", sagt Edgar. "Es ist wichtig, ein differenziertes Bild zu bekommen. Das Problem ist verdammt komplex." Er hat Recht. Den waffengeilen rassistischen Redneck gibt es. Aber auch den ­"Liberal Gun Club", der Zulauf hat, seit Trump im Amt ist – weil die Linken Angst haben vor seinem rechten Mob. Oder Schwarze, die sich bewaffnen, weil sie Polizeigewalt fürchten. Und Edgar, der selbst Trump in Sachen Waffen nicht traut. "Was macht er denn, um meine Freiheit zu schützen?"

Waffenliebhaber sagen Freiheit und meinen Waffen

Freiheit. Wenn ein Waffenliebhaber dieses Wort benutzt, meint er: Waffen. Die Waffenlobby hat es geschafft, die beiden Begriffe synonym zu setzen. Ihre Argumentation: Im zweiten Zusatzartikel, dem Second Amendment der amerikanischen Verfassung, steht: "Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt ­werden." Es geht, glauben viele Amerikaner, also darum, sich gegen eine Tyrannei zu verteidigen. Gegen den Einsatz des Militärs im Land. Ein Szenario aus einer Zeit, als in Europa Aristokratie und Diktatoren an der Macht waren. "Was wäre gewesen, wenn die ­Juden damals Waffen gehabt hätten?", fragt Edgar mich, nicht rhetorisch. Hitler sammelte zwar rasch deren Waffen ein. Aber zu glauben, dass ein paar Tausend Bürger mit Kanonen sich gegen eine Terrorherrschaft hätten wehren können? "Das einzige, was einen bösen Mann mit einer Waffe stoppen kann, ist ein guter Mann mit einer Waffe." Das sagte NRA-Vize Wayne LaPierre 2012 nach dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Schule in Newton, 28 Tote, überwiegend Kinder. Wer das glaubt, hofft auch, dass Bruce Willis den globalen Terrorismus stoppen kann wie in "Stirb langsam". Eine amerikanische Studie fand schon vor 23 Jahren heraus: Wer mehr Krimis schaut, glaubt eher daran, dass Waffen Verbrechen verhindern können.

Die AK-47: Massenvernichtungswaffe – verdammt spaßig zu schießen

"Jetzt kommt der Höhepunkt", sagt Edgar. Die AK-47. Das berühmteste Sturmgewehr aller Zeiten. "Wasser, Matsch, Staub, alles egal. Die schießt ­immer", sagt Edgar. "Die Islamisten nennen sie: Schwert und Schild des Islam." Egal ob der "IS", Warlords in Liberia oder afghanische Taliban – die AK-47 ist überall. Millionen davon sind auf der Welt verteilt. Eine Massenvernichtungswaffe. Und verdammt spaßig zu schießen. Ich lege sie an, drücke den Kolben gegen meine Schulter. "Breitbeinig, wie ein Torwart beim Fußball", sagt Edgar. Ich lehne mich in den Schuss. Und drücke ab. BAMMBAMMBAMM. Ich treffe genau den Reifen, den ich angepeilt habe. Obwohl ihr Rückstoß stärker ist als bei anderen Gewehren, sie lauter und gemeiner ist, fühlt die AK-47 sich zum ersten Mal nicht wie ein Fremdkörper in meiner Umarmung an. Sondern wie eine Verlängerung meines Körpers. Ich schieße, lade nach, treffe. Schieße, lade nach, treffe. Könnte das stundenlang machen.

Sekunde, bin das wirklich ich? Der Kriegsdienstverweigerer, der sich sogar beim Oktoberfest weigert, eine Rose zu schießen? Ballert mit einer AK-47 auf einen Stapel Reifen? Ja. Die Koordination, die Körperlichkeit, das sichtbare Ergebnis, natürlich auch der Lärm und der Geruch des Schießpulvers, das wie ein starker Kaffee meiner Nase schmeichelt – alles ist gut. Das Magazin ist schon wieder leer, das hohle Klackern des Bolzens tönt nach Enttäuschung. Noch eine Runde. Der Autor Christian Kracht hat mal ­geschrieben, schießen sei wie Kartoffelchips essen. Weil man davon erst genug kriegen kann, wenn einem schlecht ist. Zwischendurch fotografiert Paul mich. Ich halte die AK-47 und die Heckler & Koch hoch. Die Fotos müssen knallen. Also ­po­siere ich mit zwei Gewehren wie ein Fascho. Wir ­lachen. "Völlig lauchig", sagt Paul. Klar, wir meinen das alles ironisch. Aber kann man Mordwerkzeuge ironisch in die Kamera halten? Egal, lieber noch mal schießen.

Wie mächtig ich wäre. Was ich tun könnte ...

Ich drücke ab, wieder und wieder, haue ein neues Magazin in das Gewehr. Und plötzlich rennt ein Stromstoß meine Wirbelsäule hoch bis in die Haarspitzen, über mein Gesicht vorne runter, zwischen meine Beine. Alles wird ganz ruhig. Ich sehe schärfer denn je. Ich höre Edgar fünf Meter von mir entfernt atmen. Ich bin ganz da. Die AK-47 liegt wie ein Baby in meinen Armen, als ich mich umdrehe und ihren Lauf auf Edgar schwenke.

"Hey man, are you crazy?", schreit er. Erste ­Regel: niemals den Lauf auf Menschen richten. ­Edgar reißt die Augen auf wie ein Opfer, Paul neben ihm macht zwei Schritte zur Seite, aber die Kamera bleibt oben, Vollprofi. Ich ziele auf den Quadratmeter vor Edgars Füßen. "Nimm das alles auf", sage ich zu Paul, ganz ruhig, auf Deutsch. Dann drücke ich ab. RATATATATATAT. Vor Edgar spritzt der Boden wie kochende Suppe, er tanzt wie auf Ecstasy, um den Kugeln auszuweichen. Paul und ich lachen laut. Geile Bilder werden das. Dann ziele ich höher.

Bullshit. Natürlich mache ich das nicht. Natürlich ziele ich brav auf die Schießscheibe. Ist ja nur ein Sport hier. Nur Spiel. Workout. Kultur. Aber der ­Gedanke, was wäre, wenn ich mich jetzt umdrehe, mit einem geladenen Sturmgewehr – er kommt ­immer wieder in meinen vom Adrenalin weichen Kopf. Wie mächtig ich wäre. Was ich tun könnte. Wen ich verschonen könnte. Wen nicht.

Töten, weil man es kann

Amok laufen. Zum ersten Mal in meinem Leben schmecke ich ein kleines bisschen an dem, was das eigentlich heißt. Menschen töten. Nicht, weil man muss. Sondern weil man kann. Ein mächtiges, ­krasses, niederes, beschissenes Gefühl. Ich lasse die Waffe sinken. Edgar legt mir die Hand auf die Schulter. "Having too much fun?", fragt er. Irgendwo liegt eine halbe Schaufensterpuppe rum. Der Oberkörper weggeschossen. Nur die Beine lassen ahnen, dass sie mal weiblich war. Ich habe genug gesehen. Ich lege die Waffe hin. Was würde eigentlich Edgar tun, wenn er Präsident wäre, gegen die vielen Toten?

"Falsche Frage für mich", sagt er sofort, "ich bin Anarchist." Er glaubt an die totale Freiheit aller Amerikaner. Das schließt Sturmgewehre ein. Regulierungen und Gesetze brächten dagegen nichts. Aber dass Australien nach einem Massenmord 1996 die Opferzahlen deutlich senkte, indem man einfach den Bürgern erlaubte, illegale Waffen straffrei abzugeben? "Es ist komplexer", sagt Edgar. Dass das einzige Land mit vergleichbar vielen Toten durch Waffen in der Welt Jemen ist, ein "failed state" im Nahen Osten? "Es ist komplexer", sagt Edgar, zum dreizehnten Mal heute. Man müsse an die Ursachen gehen.

"Es ist komplexer"

Die gewalttätige Kultur Amerikas, die fehlende Aufarbeitung von ­Gewalt-Traumata. Die falsche Städteplanung, der Rassismus, die Arbeitslosigkeit und Armut. Alles richtig. Aber währenddessen vielleicht schon mal die Waffen einkassieren, mit denen die Irren auf Unschuldige ballern wie in Las Vegas am 1. Oktober 2017, kriegstaugliche Sturmgewehre, 59 Tote, 851 Verletzte? "Ich stelle meine Freiheit über meine Sicherheit", sagt Edgar. Er kann eine AK-47 im Waffenladen kaufen, innerhalb von zehn Minuten. Er findet das gut.

Damit ist die Diskussion auch beendet, finde ich. Wer diese Freiheit über das Leben Unschuldiger stellt, macht sich mitschuldig. Land of the Free hin, Second Amendment her. Ein paar Tage nach unserem Treffen erschießt ein Neunzehnjähriger an einer Highschool in Florida 17 Menschen, überwiegend Jugendliche. Mit einem legal erworbenen Colt-AR-15-Sturmgewehr, halbautomatisch. 5,56 Millimeter. Die überlebenden Schüler fordern schärfere Gesetze. Trump redet davon, die Lehrer zu bewaffnen. Eine Kirche in Pennsylvania veranstaltet einen Gottesdienst zu Ehren des AR-15, das den Gläubigen von Gott gegeben sei. Zu einer Debatte im Parlament von Florida kommt es zunächst nicht. Die Abgeordneten sprechen lieber über die schädigende Wirkung von Pornos.

Niemand legt sich freiwillig mit der Waffenlobby an. Und schon gar nicht mit Wählern wie Edgar. Denn er ist viele. Nach dem Massaker wird öffentlich, dass eine Rentenkasse der Lehrer in Florida Anteile am Hersteller der Tatwaffe hält. Millionen Menschen in den USA haben kein Interesse daran, dass weniger Waffen verkauft werden. Und alle hoffen, dass nicht sie einer der 15.000 Toten jährlich werden. Als Flo­rida die Gesetze dann doch noch leicht verschärft, wütet die NRA. Man würde "den Sympathiefaktor toter Kinder" benutzen, um Politik zu machen.

Wer auf diese Freiheit pocht, hat Blut an den Händen

Als die Sonne untergeht, verabschieden wir uns. "Thanks for coming, man", sagt Edgar. Wir umarmen uns. "Thanks for having us", sage ich. "Es war eine tolle Erfahrung." Und das meine ich ernst. Es hat großen Spaß gemacht. Wir haben uns verstanden. Wir konnten diskutieren, obwohl alle über Sprachlosigkeit und unüberbrückbare Gräben jammern. Ich habe viel gelernt. Nichts ist so simpel wie ein Schuss aus einer Pistole. Ich würde es wieder tun, wenn es in Deutschland einfacher wäre. Ein bisschen ballern. Einen Tag lang Cowboy spielen.

Aber ein Tag hat 24 Stunden, überall. In dieser Zeit werden in den USA im Schnitt 43 Menschen durch Schusswaffen getötet. In Deutschland nur jeden fünften Tag einer. Wer dagegen nichts tut, wer sogar dafür streitet, dass die Mörder leichter an Waffen kommen als an eine Flasche Whiskey, wer auf seine Freiheit pocht, während Menschen massenhaft sterben wie im Krieg, der hat Blut an den Händen.

Sometimes it’s as simple as that, Edgar.

Diese Geschichte stammt aus der aktuellen Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu finden auch hier.