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Dating-Horror Tinder-Bot gräbt 60.000 Frauen mit Filmzitaten eines irren Mörders an und hat Erfolg damit

Am meisten Erfolg hatte das Programm mit den Dialogen von Patrick Batemann aus "American Psycho".
Am meisten Erfolg hatte das Programm mit den Dialogen von Patrick Batemann aus "American Psycho".
© PR
Ethan Keiser hatte keine Lust mehr auf Dating-Geplänkel. Er schrieb ein Programm, das mit Frauen chattete. Den größten Erfolg hat das Programm mit dem Ego von Patrick Bateman, dem irren Frauenmörder aus American Psycho.

Online-Dating ist mit unangenehmen Überraschungen verbunden. Das fängt bei allzu jugendlichen, wenn nicht gar geklauten Bildern an und hört bei geschönten Lebensläufen nicht auf. Unschön auch, wenn Mann oder Frau bemerkt, dass das Gegenüber die Chats aus einer Datei mit prickelnden Sätzen bestückt, um so gleichzeitig eine ganze Handvoll von potenziellen Partnern zu bespaßen.

Ethan Keiser hat dieses Schrotschussverfahren des Massendatens perfektioniert. Er hat ein Chat-Programm entwickelt, das den Tinder-Account übernimmt. So kann er unzählige Frauen kontaktieren und ist auch in der Lage, zu jeder Zeit auf einen Kontakt zu reagieren. 60.000 Frauen hat er so in New York angegraben. Mit einem attraktiven Profil erreichte er eine Response-Rate von fast zehn Prozent. Mit diesen 4500 Frauen begann sein Programm sofort zu flirten. Angesichts dieser Zahlen hätte auch ein Viel-Schreiber kapitulieren müssen.

Schräger Witz beim Tinder-Profil

Seine Erfindung stellte er stolz in einem TikTok-Video vor. Geschickt sorgte er dafür, dass man ihn nicht für einen gehemmten Nerd hält. Im Hintergrund liegt eine Frau auf dem Bett und hält ihren attraktiven Po, gehüllt in knallengen Pants in die Kamera. Ethan macht damit klar, dass er nicht zu den "Verzweifelten" gehört. In einem Video auf Youtube erklärt er sein Projekt genauer. Sein eigenes Profil wurde übrigens nicht gefaked. Ethan trat mit eigenen Bildern an. Unangenehmer Nebeneffekt der Massenkontakte, er wurde als Flirtwilliger auf der Straße erkannt.

Die künstliche Intelligenz ist unschuldig, wie ein Kind, wenn sie geschaffen wird. Ethan fragte sich also, was ist der "ideale Mann" für Tinder? So kam er auf den männlichen James Bond, dazu den lustigen Comedian Kevin Hart und den irren Frauenmörder Patrick Bateman aus American Psycho. Ganz ernst ging er die Sache nicht an. In einem Empfehlungsvideo auf seinem Profil pries ein Jesus-Darsteller ihn an. Jetzt brauchte er nur die Dialoge aus Filmen und Auftritte, um die KI zu trainieren. Weil die Filme, vor der Smartphone- und Internet-Ära gedreht wurden, mussten ein paar moderne Passagen nachempfunden werden.

Der erste Versuch ging schief. Der Starttag des Programms lief noch super, doch am nächsten Tag endeten die Chats sofort. Was war geschehen? Der böse Patrick Bateman hat die Konversation übernommen. Auf eine Standardfrage wie "Was tust du so?" antwortete die KI mit Filmzitaten wie "Ich beschäftige mich meist mit Morden und Hinrichtungen". Die erschrockene Tinder-App hatte den verstörenden Account sofort heimlich kaltgestellt.

Filter für attraktive Match

Beim zweiten Anlauf ging Ethan professioneller vor. Eigentlich wollte er überhaupt nicht jede x-beliebige Tinder-Frau daten, sondern nur die attraktiven. Mit einem weiteren Programm und einem Scheinaccount saugte er die Daten aller Tinderuserinnen in der Nähe ab und konnte sie dann nach ihrer Attraktivität – so wie Tinder sie geranked hat  - sortieren. Nun konnte er in dieser endlosen Liste "seinen Standard" setzen, unter dem er nicht daten wollte. Blieben immerhin noch 5391 Frauen von 60.000 übrig, die nun von dem Bot angesprochen wurden." 

Obwohl der Chatbot recht einfach arbeitet, sind die Chats sehr amüsant. Dafür sorgt die Mischung der Charaktere und die Qualität ihrer von kreativen Autoren geschaffenen Sätze. Niemand auf will Tinder lange, in sich konsistente, tiefgründige Gespräche führen – hier tut es ein Feuerwerk origineller Einfälle.

Ein Beispiel

Sie: "Triffst du jemanden?"

Bot mit Bateman-Ego: "Vielleicht. Ich weiß nicht genau."

Sie: "Also siehst du jemanden."

Bot mit Bateman-Ego: "Nicht wirklich. Möchtest du wissen, was ich mache? Ich arbeite an der Wall Street. Bei Pierce und Pierce. Hast du davon gehört?"

Sie: "Nein bisher nicht"

Bot mit Bateman-Ego: "Wusstest du, dass Ted Bundys erster Hund, ein Collie, den Namen Lassie hatte?"

Erstaunlicherweise hatte Patrick Bateman den meisten Erfolg bei Frauen. Das machte Ethan zuerst ratlos, bis er die Lösung hatte. James Bond war einfach zu entspannt und zu verwöhnt, was Frauen angeht. "Ihn umschwärmen immer Frauen, er muss nichts tun. Er muss nur einen einzigen Kommentar im richtigen Moment sagen und alle Frauen flippen aus." Diese Methode habe online nicht gezogen, das Profil war halt nicht so attraktiv wie James Bond. "Patrick Bateman dagegen ist ein Raubtier." Er versuche immer, seine Persönlichkeit anderen aufzuzwingen. In jedem Gespräch will er dominieren. Das heißt aber auch, er hält sich in Chats nicht schüchtern zurück, sondern geht ran. Den mörderischen Doppelsinn seiner Sätze bemerkten die Tinderkontakte natürlich nicht. So war Raubtier Bateman effektiver.

Unter den 5900 für attraktiv befunden Profilen konnte das Programm am Ende 300 Erfolge landen. Ethan findet, das ist ein guter Wert. Ohne eigene Anstrengung hatte er nun 300 Telefonnummern aus der Gruppe der attraktivsten Tinder-Userinnen in seiner Nähe, die auf ein Date mit ihm warteten.

Großer Erfolg eines begrenzten Programmes

Tatsächlich ist das erstaunlich. Die Grenzen des Bots sind offensichtlich. Die Zeilen sind gut, aber der Chatbot kann keine Fotos erkennen und darauf Bezug nehmen. Auch dürfte es ihm nicht möglich sein, mehrere Chats mit einer Person inhaltlich wirklich zu verknüpfen. Auch entwickelte Bots sind vergesslich, wenn ihnen Dinge anvertraut werden. Und dann war das nur ein erster Probelauf. Sollte so ein Programm professionell entwickelt werden, würde es selbstständig aus seinen Erfolgen und Misserfolgen bei Tausenden von Personen lernen und die Datingstrategie immer weiter optimieren. Und natürlich würde man die Database mit weiteren Charakteren füttern. Wer weiß, vielleicht wäre in Deutschland "Flirten wie Til Schweiger" ein Erfolg.

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