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stern-Stimme Marie v. d. Benken: Jochen Schropp ist schwul - na und?

Die Fashion-Branche ist eine der wenigen, in denen Homosexuelle unbehelligt ihren Job machen können. Schon bei Schauspielern wird es da kritisch. Warum ist das 2018 überhaupt noch ein Thema?

Jochen Schropp

"Jochen Schropp ist schwul - na und?", meint stern-Stimme Marie von den Benken

DPA

Die Fashion-Branche schmückt sich gerne mit dem Ruf, die offenste, toleranteste und facettenreichste zu sein. Das liegt vor allem daran, dass einige der größten Genies des glamourösen Haute-Couture-Zirkus schwul, lesbisch oder bisexuell sind: Tom Ford, Gianni Versace, Cara Delevingne, Stella Maxwell, Marc Jacobs, Alexander Wang, Yves Saint-Laurent, Thierry Mugler, Cristóbal Balenciaga, Pierre Balmain, Christian Dior, Stefano Gabbana und Domenico Dolce, Jean-Paul Gaultier oder Freja Baha Erichsen. Die Fashion Hall of Fame ist fest in LGBT-Hand - und diese Liste könnte endlos fortgesetzt werden.

Tyra Banks, ehemaliges Supermodel und heute Gastgeberin des US-Vorbilds von Heidi Klums "Germany's Next Topmodel", sagte einmal: "Ohne die schwulen Männer in der Fashion-Branche wäre ich niemals berühmt geworden". Ich würde sogar noch weitergehen. Ohne schwule Männer in der Fashion-Branche gäbe es die Fashion-Branche so gar nicht. Es spielt aber auch keine Rolle, wie hoch man die Bedeutung der homosexuellen Protagonisten der Fashion-Industrie hängt, denn die beiden einzigen Fragen, die man sich stellen sollte, sind meiner Meinung nach:

1. Warum ist Homosexualität in den meisten Branchen nicht zu 100 Prozent akzeptiert?

2. Warum ist es überhaupt notwendig, zwischen homosexuell und nicht homosexuell zu unterscheiden?

Smilies für die Toleranz

Klar, die Fashion-Industrie lebt sehr von Paradiesvögeln, Querdenkern, verrückten Ideen und absurden Inszenierungen. Und ja, vielleicht haben extrovertierte Schwule da einen Vorteil. Aber Homosexualität kommt nicht zwangsläufig mit einer Extraportion Kreativität. Genau so, wie Schönheit nicht mit einem niedrigen IQ einhergeht oder jeder mit braunen Augen Italiener ist. Vorurteile, in der politisch korrekten Zeit von heute gerne auch als Klischees verharmlost, helfen nie. Und die Fashion-Branche ist klein. Was ist mit den schwulen und lesbischen Menschen, die bei Versicherungen arbeiten, in der Kinderbetreuung oder einem anderen eher "normalen" Beruf? Man sollte nicht entweder Designer-Genie oder Supermodel sein müssen, um offen und unbehelligt als homosexueller Mensch leben zu können.

Aber diese Probleme sind real. Da muss man gar nicht so weit von der Fashion-Branche weggehen. Diese Woche outete sich Jochen Schropp im stern als schwul. Eine Schlagzeile, die es gar nicht geben sollte. Jochen Schropp ist ein grandioser Moderator und ein toller Schauspieler. Was sollte sich daran ändern, weil er Männer liebt? Wir sind doch immer so stolz darauf, wie aufgeklärt und tolerant wir sind. Wir hängen Regenbogen-Flaggen aus unseren Fenstern und kommentieren mit applaudierenden Smilies, wenn jemand ein Foto von einem LGBT-Marsch postet. Es sollte uns egal sein, ob Jochen Schropp oder irgendwer anders schwul, lesbisch, hetero oder bi ist. Oder seine größte sexuelle Lust dabei verspürt, sich mit frischen Erdbeeren und Nagellackentferner einzureiben. Wir echauffieren uns über mangelnde Rechte bei anderen und sagen Sätze wie "Wir sind ja nicht im Iran!" wenn es beispielsweise um die Rechte von Schwulen geht.

Ich liebe Jochen Schropp

Schwule werden bei uns nicht eingesperrt oder ausgepeitscht, ja. Hurra. Jochen Schropp wird auf der Straße wahrscheinlich nicht überfallen. Jedenfalls nicht, weil er schwul ist. Aber reicht uns das? Denn dass viele Männer, die in der Öffentlichkeit stehen, schwul sind, es aber bislang nicht zugeben wollten - muss uns das nicht nachdenklich machen? Sexualität sollte keine Rolle bei der Bewertung spielen. Tut sie aber. Und darum musste Jochen Schropp erst 39 Jahre alt werden, bis er sich öffentlich outete. Im Fall von Schroppi, wie ihn seine Kollegen nennen, kann ich die Pein, die man mit sich herumschleppt, weil man ein eigentlich unwichtiges, selbstverständliches, jedoch in unserer Gesellschaft immer noch kritisches Thema vermeiden möchte, sogar konkret nachvollziehen.

Ich bin nicht die beste Freundin von Jochen Schropp. Wenn Schroppi Lust hat, mit seinen Freunden abends nett zu kochen, bin ich nicht auf seiner WhatsApp-Liste (äh, Jochen, warum eigentlich nicht? Ich bin eine exzellente Köchin! Und dann auch noch vegan!). Ich schreibe diese Zeilen nicht, weil ich mal eine Lanze für einen Buddy brechen möchte. Ich schreibe sie, weil das Outing von Schroppi mir innerhalb von Sekunden bewusst gemacht hat, wie weit unser Weg noch ist.

Jochen Schropp ist schwul - na und?

Ich habe Jochen Schropp im vergangenen Sommer näher kennen gelernt. Wir arbeiteten drei Wochen lang bis in die Nacht am selben TV-Projekt. Er moderierte, ich gehörte zum Autorenteam. Jeden Abend Live-Sendung, den ganzen Tag Moderations-Texte schreiben und mit der Produktion, dem Sender, den Moderatoren abstimmen. Texte verfassen, die gleichzeitig dem Format gerecht werden, dem Publikum und den Moderatoren. Eine intensive Zeit. Tage voller Diskussionen um Formulierungen, Kämpfe um jeden Gag. Tage, an denen man zusammenwächst. Erlebnisse, die Spuren hinterlassen. Eine wichtige davon ist Jochen Schropp. Als Moderator ist er eine Maschine. Nicht, weil er verlässlich und monoton wie ein Roboter alles wegmoderieren würde. Im Gegenteil. Er ist ein Moderator, der sich mit dem Format identifiziert und aktiv an dem wichtigen Prozess mitarbeitet, aus Autorenteam und Moderatoren eine Einheit zu formen.

Jochen Schropps Superheldenname ist "Moderations Man"

Eine Maschine deswegen, weil man ihm 20 Sekunden vor der Livesendung Textänderungen geben kann und er sie souverän rüber bringt, als hätte er sie tagelang immer und immer wieder durchgelesen und verinnerlicht. Ein Talent, das ich nicht mal im Ansatz habe und sehr bewundere. Schroppi ist darüber hinaus ein wirklich außergewöhnlich lustiger Mensch. Die meisten Gags, die uns vom Sender oder den Produzenten aus den Texten rausgestrichen wurden, mochte er. Für einige kämpfte er sogar in den Moderations-Konferenzen, in denen wir täglich vor der Generalprobe die Texte durchgingen.

Und klar, bei manchen sagte er auch "Finde ich nicht lustig, mache ich nicht". Genau so sollte es ein. Für mich als Greenhorn in der TV-Autoren-Szene war es eine sehr glückliche Fügung, mit Schroppi in diese neue Teilkarriere zu starten. Irgendwann gab es einen blöden Zotenwitz über Schwule im Skript. Ich weiß wirklich nicht mehr genau, wie er ging. Es entfachte erst eine Diskussion, ob das lustig sei und dann darüber, dass Schroppi zwar schwul sei (dann würde der Gag passen), aber eben nicht geoutet. Es waren nur ein paar Minuten, die aber viel über die Branche verrieten. Und auch schon ein bisschen die Zerrissenheit andeuteten, die Schroppi zehn Monate später im stern-Interview beschreiben würde.

Schwiegermamas Liebling (aber hetero bitte)

Mich hat das damals nachdenklich gemacht. Nicht, weil Schroppi diesen Witz nicht machen wollte. Ich würde mich auch nicht live auf Sat.1 mittels eines schlechten Witzes outen. Sondern weil ich erstmals damit konfrontiert wurde, dass ein hochtalentierter, beeindruckend menschlicher Künstler wie Jochen Schropp einen elementaren Teil seines Lebens verheimlichen muss, weil andernfalls womöglich seine Karriere leidet. Genau das Thema, das Schroppi nun auch im stern angesprochen hat. Als Schauspieler ist er als der gutaussehende, strahlende Herzensbrecher und Liebling der Schwiegermütter etabliert. Als Schwuler muss er jetzt um diese Rollen fürchten. Hallo 2018 in Deutschland!

Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren. Ich freue mich total über den gigantischen positiven Zuspruch, den Schroppi dieser Tage für sein mutiges Interview bekommt und dieser Text reiht sich auf eine bestimmte Art und Weise ja auch in diese Applaus-Orgie ein. Aber ich möchte eigentlich nicht, dass es überhaupt Erwähnung finden müsste, ob Jochen Schropp schwul ist oder nicht. Stellt Euch mal dieses Leben vor. Aus Furcht, als Schwuler weniger Jobs zu bekommen, einer existenziellen Angst, können Menschen wie Jochen Schropp kein normales Privatleben führen. Wenn du prominent bist, kannst du ja nicht mal händchenhaltend mit deinem Freund essen gehen oder auf Parties knutschen. Zack, landest du in der Boulevard-Presse. Alles, was für uns normal ist, war für Schroppi nicht möglich. Möchten wir eine Gesellschaft sein, in der so was nötig ist? Ich persönlich nicht.

#TeamSchroppi

In ein paar Wochen ist Fashion Week. Ich hoffe, Schroppi ist zu der Zeit in Berlin und auf einigen Shows, Parties oder Events unterwegs. Dann kann ich ihn stalken und ihm erzählen, dass ich jetzt ein Drehbuch schreibe, in dem ein heterosexueller Traummann alle Frauenherzen bricht. Und dass ich es nur unter einer Bedingung an eine Produktionsfirma verkaufe: Wenn er die Hauptrolle spielt. #TeamSchroppi.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

Volker Beck mit Ehepartner