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Mode: Ist Pelz wieder tragbar?

Ein Blick auf die Straße zeigt: Die aktuelle Wintermode kommt ohne fell nicht aus. Die Hersteller haben dabei eine moralische Marktlücke entdeckt - den Nutztierpelz.

Es ist die Selbstverständlichkeit, die irritiert. Jetzt, nach Einbruch der Winterkälte, laufen viele Frauen mit Jacken herum, deren Kapuzen pelzgesäumt sind. Andre tragen Mäntel mit Pelzkragen, Westen mit Innenfutter aus Fell oder Stiefel, die am Knie mit Pelzstreifen abschließen. Den Kopf manches Kindes wärmt statt einer Strickmütze ein Fellhut mit Ohrenklappen, sogar flauschige iPod-Taschen sind zu sehen.

Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, ob es sich dabei um echte oder künstliche Pelze handelt. Schaut man sich die aktuellen Verkaufszahlen der Pelzindustrie an, müssen eine Menge echter Felle dabei sein: Binnen fünf Jahren stieg der Umsatz des weltweiten Pelzhandels um 28 Prozent auf 11,7 Milliarden Dollar. Ein Zuwachs, der auch dem neuen Trend zu verdanken ist, Tierfell zunehmend als Accessoires zu verwenden. Das klassische Feindbild aller Pelzgegner, die reiche, meist ältere Dame, die ihren röhrenförmigen Nerzmantel spazieren trägt, ist seltener geworden. Die Kleidung der neuen Klientel signalisiert nicht mehr: "Seht her, ich bin reich." Gesellschaftsfähig sind nun Bekleidungsstücke, deren Lässigkeit in der dosierten Verwendung von Pelz liegt. Kaum eines davon kostet mehr als ein paar hundert Euro.

Auf den Laufstegen von Paris und Mailand gab es in dieser Saison auch bei den Designern ein klares Bekenntnis zum Pelz. Gucci zeigte Mäntel aus pelzbesetztem Leder, bei Celine und Dolce & Gabbana tauchte das Fell als Kragen, als Stiefelbesatz oder feine Applikation auf den Gesäßtaschen von Jeans auf. "Pelz verdient es einfach, von Menschen getragen zu werden", erklärte Jean-Paul Gaultier.

Auf die Rückkehr des Pelzes

in die Modewelt reagiert jetzt auch der deutsche Tierschutzbund. Am vergangenen Montag stellte der Verband in Berlin eine bundesweite Kampagne vor. Im Mittelpunkt steht ein Plakat, das zur Weihnachtszeit die neue Lust auf Fell verderben soll: Einer Frau mit Pelzmütze rinnt Blut über die Stirn. Das Bild soll daran erinnern, dass Fell nicht nur flauschig ist. "Jeder Pelz, egal ob groß oder klein, ist Tiermord", erklärt der Verband.

Glaubt man den Tierschützern, hat sich an der Quälerei bis heute nichts geändert. Glaubt man der Pelzindustrie, ist das inzwischen - zumindest teilweise - anders. Man habe dazugelernt, versichern Pelzfarmer, Händler und Kürschner. Man verstehe, dass sich eine Gesellschaft nicht in Pelzen kleiden mag, aus deren Nähten noch das Blut tropft. Der Pelz komme heute weitgehend aus seriösen Zuchtbetrieben in Europa, sozusagen aus "kontrolliertem Anbau". Außerdem weisen sie darauf hin, dass der Fellanteil von Nutztieren wie Kaninchen und Ziege in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen ist. Heute stammen in Europa fast 40 Prozent der Felle von Tieren, die aus anderen Gründen gezüchtet und sowieso getötet würden. Heute sei es möglich, einen politisch korrekten Pelz zu tragen, sagen die Pelzfreunde.

Ist das wirklich so? Um dies herauszufinden, muss man sich auf eine Frage-und-Antwort-Odyssee begeben, die durch moralisch vermintes Gebiet führt. Noch immer schließen einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge 89 Prozent der Deutschen den Kauf eines echten Pelzmantels für sich aus. Weniger abwegig finden sie offenbar Tierfell als modische Zutat an Kapuzen, Hosen, Stiefeln, Taschen. Und genau dieses Geschäft macht in Europa mittlerweile etwa die Hälfte des gesamten Umsatzes mit Pelzwaren aus: drei Milliarden Euro jährlich. Ist diese kleinteilige Verwendung von Fell, das ohnehin weitgehend von Nutztieren stammt, aus ethischer Sicht weniger verwerflich? Nein, sagt Wolfgang Apel, der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes: "Das ist ein Trick der Pelzindustrie. Eine Frau, die Kaninchenfell trägt, muss wissen, dass andere dann auch wieder ihren Nerz, Fuchs oder Biber aus dem Schrank holen. Das kann wie eine Einstiegsdroge sein."

"Wir waren schon weiter",

sagt Apel. Eine Mitschuld an dem neuen Trend trägt für ihn "Sex and the City". In der Fernsehserie "liefen die Frauen mit kleinen Pelzstolen durch die Stadt oder trugen Taschen mit Fellbesatz". Das habe den Pelz bei jungen Menschen wieder gesellschaftsfähig gemacht. "Man könnte fast glauben, "Sex and the City" war eine PR-Strategie der Pelzindustrie", sagt Apel. Er argumentiert entschieden, bleibt dabei aber sachlicher als die mitunter militant vorgehenden Pelzfeinde der Peta. Die Tierretter-Organisation attackiert bis heute regelmäßig Pelzträger mit Schere und Farbdose. Mitte der 90er Jahre ließ die Organisation Supermodels wie Naomi Campbell und Cindy Crawford im Rahmen von Plakataktionen ("Lieber nackt als im Pelz") auftreten.

Inzwischen steht Crawford auf der anderen Seite unter Vertrag, beim US-Pelzvermarkter Blackglama. Zugleich haben Tierschutzparolen mit ideologischem Unterton an Überzeugungskraft verloren. Viele mag der moralische Imperativ der Peta stören, dass, wer einen Pelz trägt, automatisch ein schlechter Mensch sei. Auch keinen Pelz zu tragen, will man heute selbst entscheiden.

Dass die Diskussion

darüber immer höhere emotionale Wellen schlägt als zum Beispiel die Frage, ob man Schuhe oder Gürtel aus Tierleder tragen darf, begründen Psychologen mit den komplexen Signalen eines Pelzes. Kein Produkt, für das ein Tier sterben musste, ob für Wiener Schnitzel oder Lederschuh, offenbart so drastisch seine Herkunft wie ein Fellmantel oder eine Stola, an deren Ende einen noch die leeren Augen eines Rotfuchses anstarren. Hinzu kommt das soziale Signal eines Pelzmantels, das seinem Träger beweist: Ich bin oben. In der neuen Mode aber weichen beide Botschaften auf. Pelz als textile Beigabe wirkt nicht mehr reich, sondern bloß cool.

Die Pelzindustrie hat die moralische Marktlücke bei einer neuen, jungen Käuferschicht erkannt. "Viele Kunden wollen nicht mehr das Fell gequälter Tiere tragen", sagt Susanne Kolb-Wachtel, Sprecherin des Deutschen Pelzinstituts, eines Zusammenschlusses von 600 deutschen Pelzhändlern. "Sie bestehen deshalb auf Nutztierpelz. Denn sie sagen: Was ich esse, das kann ich auch tragen."

Diese Unterscheidung ist in der Praxis allerdings nicht leicht zu treffen. Ab wann wird ein Tier zum Nutztier, bei dessen Verwertung das Fell bloß als Nebenprodukt abfällt? Und, wichtiger noch für ein gutes Gewissen: Wer überprüft eigentlich, bei Nutz- wie bei Zuchttier, die möglichst qualfreie Haltung? Bei Hühnern, Schweinen, Schafen gibt es dazu in Europa genaue Richtlinien und Kontrollmechanismen - doch wer nach Herkunft und Haltung von Pelztieren fragt, gerät in ein Dickicht verworrener Handelswege.

In kaum einer anderen Branche wird der Rohstoff weltweit so sehr hin- und hergeschoben wie im Pelzgeschäft. Viermal im Jahr kaufen Großhändler ihre Ware auf Auktionen in Helsinki, Kopenhagen, Toronto, Seattle, New York und St. Petersburg, dort werden Partien von 50 bis zu 1000 Fellen versteigert. Ein männlicher Nerz liegt bei 50 Euro pro Fell, preiswerter ist das Fell des Kaninchens für acht bis neun Euro. Beim Nerz kommen 64 Prozent der Felle aus Skandinavien, führend in der Zucht ist Dänemark. 47 Prozent aller Fuchsfelle sind finnischer Herkunft.

Die Aufkäufer schicken einen Großteil der Felle direkt oder über andere Länder zur Verarbeitung ins Billiglohnland China, um von dort als Kleidungsstück wieder exportiert zu werden. In der chinesischen Zollstatistik war 2003 ein In- und Exportvolumen an Pelzstücken im Wert von fast einer Milliarde Dollar aufgeführt, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 42,5 Prozent. Die Textilien, die zum Teil auch mit Pelz aus chinesischer Produktion versetzt werden, landen in Europa bei den unterschiedlichsten Handelshäusern, von Gucci bis Peek & Cloppenburg.

Spätestens jetzt wird der Markt

mit dem glänzenden Fell trübe. Denn wie, wo und auf welche Weise sich in den Nähfabriken Chinas so genannte artgerechte europäische Pelze mit Fellen chinesischer Tiere vermengt haben, deren Herkunft nebulös bleibt, ist im Nachhinein schwer auszumachen. "Wir bemühen uns, in China ähnliche Zuchtbedingungen wie hier zu schaffen", versichert ein Sprecher der International Fur Trade Federation.

Aber wie soll das funktionieren in einem Land ohne Tierschutz-Richtlinien? Gordon Giers, Geschäftsführer der Textilmarke Closed, muss gestehen: "Wir kaufen in China bei Handelspartnern, denen wir vertrauen. Was aber deren Zulieferer in Sachen artgerechte Haltung treiben, darüber habe ich keine Informationen. Da muss man sich auch nichts vormachen: In China sind die Haltungsbedingungen bestimmt nicht schön anzusehen. Aber wir können uns eine Kontrolle nicht leisten." Die Händlerkette Peek & Cloppenburg garantiert dagegen, dass die Pelzstücke in ihrem Sortiment von geprüften Herstellern stammten. Jeder Lieferant, so eine Sprecherin des Hauses, sei verpflichtet, die Herkunft der Felle zu dokumentieren.

"Aber was nützt es zu wissen, wo die engen Käfige stehen, aus denen die Felle der Nerze und Füchse kommen?", fragt der Präsident des Deutsche Tierschutzbunds. 40 Millionen Tiere werden jedes Jahr getötet, damit ihr Fell zu Mänteln und Taschen verarbeitet werden kann. In Europa gibt es etwa 6500 Zuchtfarmen, die meisten in Skandinavien. Deutschland hat mit etwa 30 Farmen einen vergleichsweise geringen Anteil an der Pelzproduktion, in England ist Pelztierhaltung seit dem Jahr 2003 ganz verboten. Die europäischen Zuchtfarmer haben sich zur "artgerechten Haltung" selbst verpflichtet. Laut dem Präsidenten des Bundesverbands der beamteten Tierärzte, Dr. Heinrich Stöppler, werden alle deutschen Pelzfarmen vom Veterinäramt regelmäßig kontrolliert: "Mindestens zwei- bis dreimal im Jahr, immer unangekündigt."

Was "artgerecht" aber genau bedeute, das habe sich, so der Tierschützer Apel, die Pelzindustrie selbst ausgelegt: "Nerze sind Raubtiere, sie brauchen Auslauf und eine Wasserquelle." Doch in den Käfigen können sie ihre Beute nicht jagen, sondern bekommen einen Brei. Ein noch von der rot-grünen Regierung formuliertes Gesetz zur artgerechten Haltung solcher Tiere liegt seit Jahren auf Eis.

Besser, das räumen selbst die Pelzgegner ein, sei die Aufzucht in Skandinavien, allen voran in Dänemark. "Es gibt dort mehr Personal, das sich um die Tiere kümmert, die Hygiene und Pflege sind besser als in Deutschland", so der Fachautor und wissenschaftliche Berater der Peta, Edmund Haferbeck.

Rund 2000 Nerze hält zum Beispiel Jan Elnif auf einer Zuchtfarm bei Kopenhagen. Elnif arbeitet unter dem Dachverband der Saga, einem der größten Pelzvermarkter Europas und Lieferant vieler Modemacher in Paris und Mailand. Saga-Farmen gelten als Musterbetriebe: In standardisierten Käfigboxen von 40 mal 90 Zentimeter Größe wachsen jeweils zwei 30 bis 40 Zentimeter lange Nerze auf. Bis zu 20 Stunden täglich dösen sie in kleinen Nestkästen, nach etwa sechs Monaten werden sie getötet: mit Kohlenmonoxid.

Grausam? Ja, so grausam wie jede andere Tiertötung auf einem Schlachthof. Auf Pelzfarmen wie der des Dänen Elnif kommen sich Tierschützer und Pelzzüchter noch am nächsten: Die Tiere dort führen ein besseres Leben als ihre Artgenossen, die irgendwo in Osteuropa oder China unter Qualen gezüchtet werden.

Wer sich also beim

Weihnachts-Shopping in eine Jacke mit Fellfutter verguckt hat, sollte auf das Etikett achten. Das Deutsche Pelzinstitut hat seinen Mitgliedern empfohlen, die Herkunft ihrer Ware eindeutig zu kennzeichnen. 400 000 Etiketten mit 52 verschiedenen Tiernamen habe man 2005 verkauft, so Sprecherin Kolb-Wachtel. Mit einem genetischen Spektrometer, entwickelt von der Universität Saarbrücken, seien an nur einem Tierhaar - bis zu 9000 Haare gibt es auf einem Quadratzentimeter Pelz - sowohl die Tierart, das Alter wie die Herkunft nachweisbar.

Viele Händler geizen allerdings noch mit den Nachweisen. Laut einer Umfrage der deutschen Textilwirtschaft legen nur zwölf Prozent der Einzelhändler Wert auf die Herkunft ihrer Pelzartikel - vor allem bei hochwertigen Stücken, etwa edlen Pelzmänteln. Deren Kürschner bevorzugen schon aus ökonomischem Interesse Felle aus möglichst schonender Aufzucht: Tiere, die ein gestresstes Leben in zu engen Käfigen verbringen, produzieren qualitativ minderwertige Pelze.

Fehlt ein Etikett

, kann immerhin noch der Preis ein Indiz sein. Eine Jacke, die mit qualitativ hochwertigem Fell besetzt oder gefüttert ist, sollte mindestens 120 bis 150 Euro kosten; "alles, was darunter liegt, kann nicht seriös hergestellt worden sein", so Pelzverband-Sprecherin Susanne Kolb-Wachtel. Oder, wie Tierschützer Apel sagt: "Dass kann dann alles sein - eben auch Hund oder Katze."

So bleibt, am Ende der Odyssee, noch immer die Frage: Gibt es einen Pelz ohne schlechtes Gewissen? Die Antwort lautet nein, wenn man generell der Meinung ist, Tiere sollten nicht geboren werden, um nach einem kurzen Käfigleben als Mantelkragen oder Stiefelsaum zu enden. Allen anderen lässt auch die neue Pelzmode keine andere Wahl, als sich genau nach deren Herkunft zu erkundigen. Wem das zu weit geht, der sollte sich bei Lammbraten oder Kaninchenkeule im Restaurant auch nicht darüber empören, dass die Frau am Nebentisch die entsprechende Jacke trägt. Es kommt eben ganz darauf an. Auf das eigene Gewissen.

Cathrin Dobelmann/Jochen Siemens/ Katrin Wilkens

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