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Geiseldrama vor Somalia: Piraten kapern weiteres Schiff

Die Piraten im Golf von Aden werden immer dreister: Während das Geiseldrama um den US-Kapitän der "Maersk Alabama", Richard Phillips, sich mehr und mehr zuspitzt, hat eine weitere Gruppe von Seeräubern einen Schlepper mit 16 Besatzungsmitgliedern an Bord in ihre Gewalt gebracht.

Vier Tage nach dem gescheiterten Überfall auf das US-Containerschiff "Maersk Alabama" haben somalische Piraten am Samstag einen italienischen Schlepper gekapert. Zunächst hatte es geheißen, es handele sich um ein amerikanisches Schiff. An Bord der "Buccaneer" (Freibeuter), die der Reederei Micoperi Marine Contractors in Ravenna gehört, sind 16 Besatzungsmitglieder. Dabei soll es sich um zehn Italiener, fünf Rumänen und einen Kroaten handeln. Das Außenministerium in Rom sagte, es werde in dem Fall international abgestimmt vorgegangen. Die italienische Fregatte "Maestrale" soll auf dem Weg in die Krisenregion sein.

Der 75-Meter-Schlepper war Medienberichten zufolge auf dem Weg von Singapur nach Suez, als er am Samstagmorgen im vielbefahrenen Golf von Aden angegriffen wurde. Er habe zwei Lastkähne auf dem Haken gehabt, sagte der Vorsitzende des ostafrikanischen Seefahrerhilfsverbands, Andrew Mwangura. "Der Vorfall zeigt, dass die Piraten immer dreister und gewalttätiger werden", erklärte Mwangura. Wie der britische Sender BBC unter Berufung auf Schifffahrtskreise meldete, blieb die Besatzung bei dem Überfall unverletzt.

Offiziere an Bord eines portugiesischen Kriegsschiffes berichteten von einem Notruf, den der Schlepper abgesetzt habe. Sechs Minuten später sei die Verbindung jedoch abgebrochen. Die portugiesische Corte-Real sei zu weit entfernt gewesen, um der Schlepper-Besatzung zu Hilfe eilen zu können.

Im fall des Entführten US-Kapitäns Richard Phillips durch Piraten haben sich unterdessen Stammesführer in Somalia als Vermittler angeboten. Die Stammesführer sowie Verwandte der Geiselnehmer wollten sich dafür einsetzen, dass die Geiselnahme ohne Waffengewalt und ohne Lösegeld beendet werde, erklärte Mwangura. Die Leitung der Vermittlungsmission übernehme ein in der Region angesehener somalischer Stammeschef. Die Gruppe habe sich bereits auf den Weg nach Garacad gemacht, einer Piratenhochburg in der halbautonomen Provinz Puntland im Osten Somalias. Von dort aus wollten sich die Vermittler in einem Boot dem Rettungsboot nähern, auf dem die Piraten den 53-jährigen Phillips festhalten.

Kompagnons der Kidnapper war es am Samstag zunächst nicht gelungen, ihren Komplizen mit einem gekaperten deutschen Container-Schiff zur Hilfe zu kommen. "Wir sind wieder an der Küste. Wir haben das Rettungsboot nicht finden können", sagte einer der Piraten an Bord der "Hansa Stavanger" am Samstag. "Wir hätten uns fast verirrt." Nach Angaben des Nachrichtensenders CNN wurden die Seeräuber durch die US-Kriegsschiffe nahe dem Rettungsboot und deren militärische Überlegenheit abgeschreckt. Die Piraten hätten die "Hansa Stavanger" mit fünf Deutschen und 19 weiteren Besatzungsmitgliedern an Bord wieder zurück in den somalischen Hafen Eyl gesteuert, berichtete CNN unter Berufung auf einen somalischen Journalisten. Die Nachrichtenagentur AP meldet, zwei Kriegsschiffe der US-Marine hätten versucht, den Piraten den Weg zu versperren. Weitere entführte Frachter und sogenannte Mutterschiffe der Seeräuber seien auf dem Weg in die Region.

Die US-Marine ist mit dem Kriegsschiff "USS Bainbridge" und der Fregatte "USS Halyburton" mit Hubschraubern an Bord vor Ort. Ein drittes Militärschiff, die "USS Boxer", mit zwei dutzend Helikoptern, einem mobilen Krankenhaus und mehr als 1.000 Mann Besatzung ist laut Pentagon auf dem Weg in die Gewässer 500 Kilometer vor der somalischen Küste.

Die Piraten haben nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums Kapitän Phillips nach dessen Fluchtversuch gefesselt. Der 53-Jährige hatte am Freitag mit einem Hechtsprung von dem Schiff fliehen wollen. Nach neuesten Angaben folgte ihm jedoch ein Seeräuber und zwang ihn zurück aufs Schiff. Bei der Aktion feuerten die Piraten nach US-Angaben auch Schüsse ab. Phillips werde von seinen Kidnappern an Bord des geschlossenen Fiberglasbootes streng bewacht.

Den Seeräubern dürfte es nicht nur um Lösegeld, sondern vor allem um freies Geleit gehen. Auf dem Rettungsboot ist ihnen das Benzin ausgegangen. FBI-Experten sind in die Verhandlungen mit den Piraten eingeschaltet. Die "Maersk Alabama" war am Mittwoch von Piraten angegriffen worden. Der Mannschaft gelang es jedoch, die Kontrolle über das Schiff zurückzugewinnen. Der Kapitän wurde als einziges Besatzungsmitglied entführt.

Piraten-Geisel von französischen Soldaten getötet?

Nach der gewaltsamen Befreiung des vor Somalia entführten französischen Segelbootes "Tanit" hat Frankreichs Verteidigungsminister Hervé Morin unterdessen nicht ausgeschlossen, dass die dabei getötete Geisel durch Schüsse französischer Sicherheitskräfte starb. Angesichts des Feuergefechtes zwischen Piraten und Spezialkräften der französischen Armee am Freitag könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Tod des Mannes durch Schüsse der französischen Seite herbeigeführt worden sei, erklärte Morin dem Radiosender Europe 1. Eine Untersuchung des Vorfalls sowie eine Autopsie des Opfers solle Klarheit verschaffen.

Bei dem Todesopfer der Militäraktion handelte es sich um den Besitzer der "Tanit" und den Vater des einzigen Kindes an Bord des Segelbootes. Die vier anderen Geiseln überstanden den Einsatz körperlich unversehrt. Bei der Befreiungsaktion wurden auch zwei Piraten getötet, drei weitere festgenommen.

mad/DPA/AP/AFP/Reuters / AP / DPA / Reuters