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Germanwings-Absturz: Hätten psychologische Tests die Katastrophe verhindert?

War der Copilot des Unglücksfliegers von Germanwings psychisch krank? Und hätte man es vorher feststellen können - etwa mit regelmäßigen Psychotests? Experten sind skeptisch.

Von Niels Kruse

"Tatort" Cockpit: Gegen Piloten, die vorsätzlich täuschen, ist leider kein Kraut gewachsen

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Hatte Andreas L. Probleme? Und falls ja, welche? Vieles deutet daraufhin, dass der Copilot der verunglückten Germanwings-Maschine den A320 absichtlich zum Absturz gebracht hat, und das dahinter psychische Probleme stehen - sicher ist das nicht, doch neue Ermittlerhinweise, die dem "Spiegel" vorliegen, legen die Vermutung nahe, dass L. krank war. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte bereits, dass der Flugzeugführer seine Ausbildung unterbrochen hatte, aber später für völlig flugfähig erklärt wurde. Sollte sich der Verdacht erhärten, dass L. psychisch labil war, muss sich die Airline den Vorwurf gefallen lassen, möglicherweise zu nachlässig mit dem Zustand ihres Piloten umgegangen zu sein. Erste Forderungen nach besseren psychologischer Beurteilungen werden bereits laut.

Generell gehören Piloten wohl zu den medizinisch am besten untersuchten Berufsgruppen. Wer ein Verkehrsflugzeug führt, braucht ein Flugtauglichkeitszeugnis, dass je nach Alter nur zwölf oder sechs Monate gilt, dann muss es erneuert werden. Getestet werden unter anderem Blut- und Urinwerte, EKG-Werte sowie Sehkraft und Lungenfunktion. Auch bei der allerersten Grunduntersuchung vor Aufnahme einer Pilotenausbildung wird besonders umfangreich getestet – auch psychische Vorerkrankungen. Wer etwa einen Selbstmordversuch hinter sich hat, scheidet von vornherein aus. Es sei denn, dem Kandidaten gelingt es, solche Vorfälle zu verheimlichen.

Abstürze, die von depressiven Piloten verursacht wurden, gab es zwar, "aber sie sind Einzelfälle", sagt Jan Richter, der seit Jahren Flugzeugunfälle weltweit dokumentiert. Ein strukturelles Problem jedenfalls sei das nicht. "Fälle, in denen jemand so verzweifelt war, dass er meint, er muss sich das Leben nehmen sind einfach sehr, sehr selten", sagt auch Jörg Handwerg von der Pilotengewerkschaft Cockpit und selbst Flugkapitän. Es sei auch fraglich, in welchem Rahmen hier psychologische Gespräche helfen sollen. Man kann ja nicht jeden Piloten vor jedem Umlauf zu einem psychologischen Gespräch oder Test schicken, so Handwerg.

Untersuchungen nicht vorgesehen

Eine regelmäßige psychologische Untersuchung von Piloten im Dienst gibt es laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr nicht und ist weder üblich noch gesetzlich vorgesehen. Für Mitarbeiter steht dem Unternehmen zufolge bei Bedarf jederzeit hausintern psychologisch geschultes Personal zur Verfügung. Auch sind Piloten aufgrund gesetzlicher Vorschriften generell verpflichtet, etwaiges auffälliges Verhalten von Kollegen während der Dienstzeit zu melden.

Dabei bietet der Pilotenjob vieles, um mehr oder weniger ernste Probleme zu bekommen: unregelmäßige, lange Arbeitszeiten und Abwesenheit von zu Hause, Zeitverschiebungen bei Interkontinentalflügen, Probleme, das Sozialleben zu organisieren. Dennoch: Regelmäßige psychologische Untersuchungen für aktive Piloten seien nur bedingt sinnvoll, sagt Luftfahrtpsychologe Reiner Kemmler. "Die Betroffenen könnten Krankheitszeichen absichtlich herunterspielen oder verbergen, da ihnen ansonsten der Lizenzverlust droht." Allerdings fordert er bereits in der Ausbildung noch stärker auf die psychische Situation der Piloten einzugehen. Handwerg dagegen sagt, dass zumindest die Lufthansa einen der härtesten Aufnahmetests für Piloten weltweit habe. "Es ist schwer sich vorzustellen, wie das noch verbessert werden könnte. Man bekommt ja auch nur eine Momentaufnahme eines Menschen."

Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit

In einem Punkt sind sich die Experten einig: Es kann keine hundertprozentige Sicherheit geben. "Ein Mensch ist ja kein statisches Wesen, sondern er entwickelt sich dynamisch weiter", so Gewerkschafter Handwerg. Konsequenzen aus einem Einzelfall wie dem tragischen Absturz des Germanwings-Airbusses abzuleiten, sei zum einen "überzogen", zum anderen gebe es auch gar keine Verfahren, mögliche psychische Ausnahmesituationen vorherzusagen, sagt Uwe Beiderwellen vom Deutschen Fliegerarzt-Verband. Und gegen Fälle wie den von Andreas L., der für den Tag des Absturzes krankgeschrieben war, sich aber dennoch ins Cockpit setzte, ist ohnehin kein Kraut gewachsen.

Die Rekonstruktion der Katastrophe

- lesen Sie mehr über den Absturz des Germanwings-Airbus im aktualisierten stern - ab Samstag im Handel