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Informationswirrwarr um Anonymous-Aktion: Hacker stoppen angeblich Racheakt gegen Drogenkartell

Das mexikanische Drogenkartell "Los Zetas" hat offenbar ein Mitglied der Hackergruppe Anonymous freigelassen. Diese hatten gedroht, Informationen über das Kartell zu veröffentlichen. Netzaktivisten zweifeln jedoch am Wahrheitsgehalt der Geschichte.

Von Jens Wiesner und Linda Richter

Die Geschichte klingt fast zu gut, um wahr zu sein: Eine kleine Gruppe von Netzaktivisten erringt einen Sieg über das mächtige Drogenkartell "Los Zetas". Vor einem Monat war ein Mitglied der Hackergruppe Anonymous von den Zetas entführt worden, daraufhin hatten die Netzaktivisten den Drogenbaronen ein Ultimatum gesetzt. In einem Video vom 6. Oktober drohten sie, Informationen über die Mitglieder der Mafiaorganisation zu veröffentlichen. Den 5. November setzten sie als Frist fest. Und tatsächlich: Einen Tag vor Ablauf des Ultimatums meldete sich ein Anonymous-Mitglied mit der frohen Botschaft: Der Entführte sei wieder frei, die Racheaktion mit dem Namen "OpCartel" abgeblasen.

Haben die Hacker also einen Sieg gegen die gefürchtete mexikanische Drogenmafia errungen? Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Geschichte sind zumindest angebracht, denn bislang gibt es keine gesichterte Informationen zu dem Fall.

"Uns stehen zum jetzigen Zeitpunkt nicht genügend Fakten zur Verfügung, um irgendeinen Schluss zu ziehen", zitiert die New York Times Fred Burton, einen Analysten der US-Sicherheitsberatungsfirma Stratfor, der der Aktion "OpCartel" skeptisch gegenübersteht.

Anonymous: viele Gesichter, viele Widersprüche

So kursieren derzeit widersprüchliche Informationen zur Identität des Entführten im Netz. Einige Anonymous-Aktivisten sprachen von einem etwa 20-jährigen Mexikaner, der am Donnerstagnachmittag freigelassen worden sei, andere sagten, es handele sich um eine Frau. In einem spanischsprachigen Blog, erklärte ein Mitglied der Gruppierung kurz nach Bekanntgabe der Freilassung, die Aktion "OpCartel" sei abgebrochen worden. Das Kartell habe gedroht, dass die Familie des Entführten sonst dafür büßen würde. Außerdem sollten für jeden veröffentlichten Namen zehn unschuldige Zivilisten sterben.

Barrett Brown, der als ehemaliger "Sprecher" von Anonymous gilt und sich als Teil von "OpCartel" bezeichnet, bestätigte das Ende der Aktion gegenüber dem britischen Guardian. Im Gegensatz zu den mexikanischen Hackern zeigt der Texaner offen sein Gesicht und spricht mit Journalisten über den Fall. Brown gilt in der Gruppierung jedoch als umstritten: Erst vor kurzem soll der Texaner einen hochdotierten Vertrag über ein Enthüllungsbuch mit Amazon abgeschlossen haben. Der Titel: "Anonymous: Tales From Inside The Accidental Cyberwar".

Allein als Sprecher von Anonymous aufzutreten ist schwierig. Hinter dem Namen verbirgt sich nicht eine einzelne, fest organisierte Hackergruppe, sondern eine breit angelegte, nach eigenen Angaben führungslose Bewegung. Ihre Mitglieder, die in der Öffentlichkeit mit einer Guy-Fawkes-Maske auftreten, setzen sich für den freien Datenfluss, Redefreiheit und gegen Zensur ein.

Social Networks als Waffe im Drogenkrieg

Die angebliche Entführung bildet den Höhepunkt des digitalen Kampfes gegen die Drogenmafia in Veracruz. Bereits im August verteilten Anonymous-Aktivisten Flyer, in denen sie die lokale Regierung der Korruption bezichtigten. Regierungsmitgliedern wird dort seit Langem eine Verbindung mit der Mafia nachgesat. Anfang September wurden die Leichen zweier Onlineaktivisten an einer Brücke hängend gefunden. Bei ihnen fand man die Nachricht, dass sie aufgrund ihrer Online-Kritiken an den Zetas getötet wurden.

Das Internet füllt in Zeiten, in denen Morde den Alltag bestimmen, eine wichtige Informationslücke. Und es wird gefürchtet. Ende September verabschiedete der Staat Veracruz ein Gesetz, dass es verbietet Soziale Netzwerke zu nutzen, um "die öffentliche Ordnung zu gefährden". Anfang Oktober postete Anonymous dann das Video über die angeblichen Entführung. Ob diese sich tatsächlich ereignet hat oder nicht, erreicht haben die Aktivsten in jedem Fall eins: Ein Jahr vor den Wahlen in Mexiko blickt die Welt ein weiteres Mal auf das Land. Und den Krieg gegen die Drogenmafia, den die Regierung unter Felipe Caldern 2006 begann. Etwa 45.000 Menschen haben seitdem durch die Gewalt ihr Leben verloren haben.

mit Agenturen