Jahrhundertflut "Noch verheerender als Pfingsten 1999"


Wegen der Überflutungen herrscht in Teilen Bayerns Katastrophenalarm. Auch die Schweiz und Österreich sind betroffen. Ministerpräsident Edmund Stoiber hat sich vor Ort informiert. Und der Kanzler will auch vorbeischauen.

Heftige Regenfälle haben weite Teile Bayerns, Österreichs und der Schweiz in ein Chaos gestürzt. In Südbayern wurden Ortschaften von den Wassermassen überflutet und Brücken fortgerissen, zahllose Straßen und Bahnlinien waren unpassierbar. In fünf Landkreisen herrschte Katastrophenalarm. Garmisch-Partenkirchen war von der Außenwelt abgeschnitten, das öffentliche Leben brach weitgehend zusammen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) will sich am Donnerstag bei einem seit langem geplanten Besuch in Augsburg über die Lage informieren.

Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sagte den Flutopfern bei einem Besuch in Eschenlohe, wo ein Damm gebrochen war, Hilfe zu. Die betroffenen Gemeinden würden nicht allein gelassen, versicherte er. Am Mittwoch will er sich mit den Einsatzkräften in Flutregionen treffen.

Katastrophenalarm herrscht mittlerweile in Kempten, Augsburg, Penzberg im Landkreis Weilheim-Schongau sowie in den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen und Bad Tölz-Wolfratshausen. Hunderte Keller standen allein im Landkreis Garmisch-Partenkirchen unter Wasser, die Autobahn A 95 München-Garmisch war ab Sindelsdorf wegen Überflutung gesperrt. "In Garmisch sind wir in einer Chaos- Phase", sagte Polizeisprecher Bernd Putzer. Selbst Rettungskräfte hätten Schwierigkeiten, zu der Marktgemeinde am Fuß der Zugspitze vorzudringen. Im nahe gelegenen Eschenlohe brach auf einer Länge von 50 Metern ein Damm. Hunderte Helfer versuchten mit Sandsäcken, die Fluten einzudämmen. Auf den Straßen stand teilweise 20 Zentimeter hoch das Wasser. Bereits in der Nacht waren Teile des Ortes evakuiert worden. Auch in Kempten verschärfte sich die Lage. Nach Angaben der Polizei wurde an der Iller mit einem Wasserstand von 6,32 Meter der Pegelstand des verheerenden Pfingsthochwassers von 1999 deutlich übertroffen. Zahlreiche Bundes- und Kreisstraßen standen im Allgäu und Nordschwaben unter Wasser und wurden gesperrt.

Überflutungen auch in Österreich

In Österreich waren zahlreiche Orte im Westen Tirols und Vorarlbergs von der Außenwelt abgeschnitten. Durch dutzende Murenabgänge und Erdrutsche wurde die Telefonverbindung nach Vorarlberg unterbrochen. "Dies ist schlimmer als die Jahrhundert- Katastrophe von 1999", sagte der Ministerpräsident Vorarlbergs, Herbert Sausgruber. Hotels wurden evakuiert. Besonders stark betroffen sind nach Angaben der Einsatzleitung das Tiroler Ober- und Unterland, der Bregenzer Wald und Tirols Landeshauptstadt Innsbruck, wo der Wasserstand des Inns pro Stunde um etwa 25 Zentimeter anstieg. Teilweise fiel die Strom- und Trinkwasserversorgung aus. Tausende Helfer, darunter auch hunderte Soldaten des österreichischen Bundesheeres, waren mit Spezialbooten unterwegs, um Menschen aus ihren überfluteten Häusern zu retten. Rettungshubschrauber flogen ununterbrochen Einsätze. Das Hochwasser in Österreich forderte das zweite Todesopfer. In Längenfeld im Ötztal wurde ein Mann durch eine Steinlawine getötet. Ein weiterer Mensch sei schwer verletzt worden, meldete die Nachrichtenagentur APA. Sechs zum Teil Schwerverletzte gab es in Reuthe in Vorarlberg. Bereits in der Nacht zum Montag war in Gasen (Steiermark) eine Frau beim Abgang einer Mure in ihrem Haus getötet worden.

Während sich in der Schweizer Haupstadt Bern viele Menschen nur noch mit Booten fortbewegen konnten, wurden in Luzern historische Gebäude mit Mauern und Sandsäcken vor den Fluten des ständig steigenden Vierwaldstätter Sees geschützt. Auch in vielen Schweizer Regionen hatten das Fluten die Wasserstände von 1999 bereits überschritten. Und an den großen Seen stiegen sie weiter, obwohl der Regen nachgelassen hatte. Bei Zürich wurde ein Mann tot aus einem Dorfbach geborgen. Im Kanton Graubünden wurde eine Spaziergängerin vermisst. Auch weite Teile von Interlaken wurden überflutet. Die Gemeinden Grindelwald und Lauterbrunnen waren von der Umwelt abgeschnitten. Tausende Bewohner wurden in Sicherheit gebracht. In den Kantonen Uri und Schwyz wurden Autobahnen gesperrt und der Schienenverkehr lahm gelegt. Die Zugstrecke der Gotthardlinie bleibt für mehrere Tage unterbrochen.

Autobahnbrücke droht einzustürzen

In Augsburg drohte eine im Bau befindliche Autobahnbrücke einzustürzen. Die Autobahn A 8 München- Stuttgart wurde deshalb total gesperrt. Der Präsident der Autobahndirektion Südbayern, Paul Lichtenwald, sagte, die Wassermassen hätten die Fundamente der Lechbrücke unter der A8 unterspült. Experten versuchten fieberhaft, die 109 Meter lange Brücke zu stabilisieren. Die akute Einsturzgefahr schien zunächst gebannt. Das hätten zumindest Untersuchungen eines Statikers ergeben, sagte Lichtenwald. Zu den Schäden an dem insgesamt 11 Millionen Euro teuren Bauvorhaben wollte er sich zunächst nicht äußern. Man hoffe aber, den Fertigstellungstermin Ende 2006 zu halten, sagte Lichtenwald. Die A8 musste aber wegen der Einsturzgefahr laut Polizei seit 09.30 Uhr zwischen den Anschlussstellen Augsburg-Ost und -West voll gesperrt werden. Am Mittag staute sich der Verkehr 20 Kilometer in Richtung Stuttgart und 15 Kilometer in Richtung München. Lichtenwald sagte, man hoffe, dass die alte Lechbrücke im Laufe des Nachmittages wieder für den Verkehr freigegeben werde. Bei dem Bauprojekt handelte es sich demnach um die erste Hälfte der neuen sechsspurigen Brücke, die neben der alten vierspurigen errichtet wird. Derzeit werden laut Lichtenwald Wasserbausteine in die Fundamente gekippt, um die Konstruktion zu stabilisieren. Die Brücke habe sich leicht gesenkt, sei aber noch sehr "elastisch", so dass sie auch eine weitere Absenkung auf die Hilfspfeiler in der Flussmitte überstehen könne, sagte der Chef der Autobahndirektion. Dies sei aber bislang noch nicht geschehen.

Die Bahnlinien zwischen Kempten, Immenstadt, Oberstdorf und Oberstaufen wurden wegen Hochwasser- und Murengefahr geschlossen. Auch die Bahnverbindungen zwischen Weilheim und Dießen sowie von Murnau nach Oberammergau und Garmisch-Partenkirchen wurden eingestellt. Der Grenztunnel zwischen Füssen und Österreich wurde ebenfalls gesperrt.

Dramatischere Ausmaße als 1999

Die Flutkatastrophe in Bayern ist nach Angaben von Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) "noch verheerender als das Pfingsthochwasser von 1999". Damals hatten die Überschwemmungen im Süden und Südwesten Deutschlands einen Schaden von mehr als einer Milliarde Euro angerichtet und sechs Menschenleben gekostet. Nach derzeitigem Stand rolle auch auf die Donau eine Hochwasserwelle zu, sagte Schnappauf. Das Ausmaß der Schäden sei noch nicht absehbar. Um ein Überlaufen des Sylvensteinspeichers zu verhindern, wird dort Wasser abgelassen. Das wird nach Angaben Schnappaufs unvermeidlich lokale Überschwemmungen der Isar in der Region von Bad Tölz verursachen. "Wir haben gigantische Wassermassen", sagte Schnappauf. Nach Einschätzung der Hochwasserexperten seien die Niederschläge bereits jetzt größer als 1999. "Wir sind noch am Hochrechnen, wie und wo die Hochwasserwelle in der Donau sich ausbreitet." Eine mögliche Gefährdung Passaus hänge vom Pegel des Inn ab. Auch in Österreich gebe es große Regenfälle. In den Sylvensteinspeicher flössen derzeit 1000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde - was in etwa 4000 Badewannen pro Sekunde entspreche. Ein kontrolliertes Ablassen der Wassermassen sei sinnvoller als ein späteres unkontrolliertes Überschwappen des Stausees. "Die Situation ist wirklich ernst", sagte Schnappauf. Sylvensteinsee, Forggensee und Grüntensee seien mit 100 Millionen Kubikmeter Wasser Stauraum "voll aktiviert". Die Ausgaben für den Hochwasserschutz waren wegen des Sparkurses der Staatsregierung von 131 Millionen Euro im Jahr 2003 auf aktuell zwischen 90 und 100 Millionen Euro in diesem Jahr gekürzt worden. Schnappauf betonte, dass Bayern nach wie vor die höchste Summe aller Bundesländer in den Hochwasserschutz investiere.

Teilweise fielen binnen 24 Stunden zwischen 100 und 150 Liter Regen pro Quadratmeter. Auf der Mindelheimer Hütte im Allgäu maß der Wetterdienst Meteomedia rekordverdächtige 217 Liter, in Oberstaufen waren es 148 Liter und in Garmisch-Partenkirchen 105 Liter.

DPA/AP AP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker