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Flüchtlingslager Moria Mirsana und Mustafa sind dem Feuer knapp entkommen. Nun hoffen sie, dass Europa Erbarmen hat

Mirsana und Mustafa
Mirsana, 4, und Mustafa, 5, schlafen auf einer Decke am Straßenrand. Das Feuer im Camp Moria hat auch ihre Familie obdachlos gemacht
© Murat Türemis
Zwei Kinder aus Afghanistan sind dem Feuer im Lager Moria knapp entkommen. Nun hoffen Mirsana, Mustafa und ihre Familie, dass Europa ihnen endlich eine Zukunft bietet. Das ist ihre Geschichte.
Von Jonas Breng

Genau lässt sich der Moment nicht mehr bestimmen, in dem aus Ahmad Schakib ein Fremder im eigenen Leben wurde. War es der Tag, als eine Autobombe seinen besten Freund tötete? Oder der, als er beschloss, mit seiner Familie zu fliehen, aus Angst, die Taliban könnten auch ihr etwas antun? Vielleicht begann es aber auch erst, als sie das Mittelmeer schon erreicht hatten und Schakib zusehen musste, wie seine Frau und die Kinder auf der Überfahrt nach Lesbos fast ertrunken wären.

Fest steht bloß, dass Schakib, wie er selbst sagt, heute ein anderer ist. Spätestens seit dem Feuer Mitte vergangener Woche. Es kam in der Nacht. Über die Ägäis-Insel wehte ein kräftiger Spätsommerwind.

Einige Tage danach sitzt Schakib vor einem Zelt an der Landstraße, die dorthin führt, wo bis zum Dienstag vergangener Woche noch das Flüchtlingslager Moria stand. Seine langen Arme bewegt er wie in Zeitlupe. Vor zehn Monaten hatte er mit seiner Familie hier Zuflucht gesucht. „Ich habe versucht, in der Hölle ein Zuhause zu bauen“, sagt der Vater. „Jetzt ist das Haus weg. Aber die Hölle ist noch da.“

Er spricht die Worte ruhig aus. Ohne Empörung. Das Feuer, so könnte man sagen, hat nicht nur Schakibs Hütte zerstört. Sondern auch seine Wut. Übrig geblieben ist nur eines: „Müdigkeit. Müdigkeit. Müdigkeit.“

Ahmad Shakib mit seiner Frau Shukria und den Kindern Mirsana und Mustafa
Ahmad Schakib aus dem afghanischen Herat steht mit seiner Frau Schukria und den Kindern Mirsana und Mustafa vor Zelten, die sie von einer Hilfsorganisation bekamen
© Murat Türemis

Wie erstarrt hockt Schakib unter einer Konstruktion aus Bambus und Planen, die er gebaut hat, um seine Familie vor der Sonne zu schützen. Neben ihm auf einer Wolldecke liegt sein Sohn, Mustafa, fünf Jahre alt. „Papa, ich habe Hunger“, sagt Mustafa und zieht Schakib am Hemd. Mustafa ist ein zurückhaltender Junge, der Fußball und Kuchen mag. Seinem Vater weicht er nicht von der Seite, denn er hat starke Schmerzen.

In den Unterlagen der Ärzte, die Schakib vor sich ausgebreitet hat, ist vermerkt, dass Mustafa längst hätte operiert werden müssen. Er hat ein Problem mit seinen Hoden. Vor Kurzem haben sie Blut in seinem Urin gefunden. Doch monatelang durfte die Familie wegen der Corona-Quarantäne das Lager nicht verlassen. Jetzt, nach dem Feuer, versperren Polizei und Militär den Weg zur Behandlung in der nahen Stadt. „Wir machen uns große Sorgen, aber wir kommen hier nicht weg“, sagt Schakib.

Die Wut wächst

In den vergangenen Tagen ist Schakib zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern durch die Olivenhaine rund um das verbrannte Lager geirrt. Nachts schliefen sie im Freien, zwischen den Tüten mit ein paar Habseligkeiten, die Schakib noch retten konnte, bevor die Flammen ihre Hütte zerstörten. Dann schenkte eine Hilfsorganisation ihnen zwei Zelte. Schakib entschied, sie in der Nähe des Supermarkts aufzubauen. So würden sie zumindest etwas zu essen kaufen können, dachte er. Doch der Supermarkt ist seit Tagen geschlossen. Schakib schaut seinen Sohn an, als wären ihm die Worte ausgegangen.

Seit das Feuer sie in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche aus Moria vertrieben hat, leben die Flüchtlinge auf Lesbos nicht nur ohne ein festes Dach über dem Kopf. Sie haben außerdem mit dem Hunger und der fehlenden medizinischen Versorgung zu kämpfen. Auch Tage nach der Katastrophe bringt die griechische Regierung noch immer nicht ausreichend Lebensmittel in die Sperrzone entlang der Landstraße, in der die meisten der knapp 13.000 ehemaligen Camp-Bewohner nun zusammengepfercht sind.

In den notdürftigen Unterständen und Verschlägen, die sich vor und hinter Schakibs Zelt wie eine endlose Karawane schlängeln, herrscht Unruhe. Militär und Polizei haben die Straße von beiden Seiten abgeriegelt. Niemand darf hinaus. Seit Tagen gibt es Proteste gegen die Einkesselung und die katastrophale Versorgung. Die Stimmung wird zusehends aggressiver. Ein Video, in unmittelbarer Nähe von Schakibs Zelt gedreht, zeigt Hunderte rennende und schreiende Menschen. Wütende Flüchtlinge haben vor einer Polizeibarrikade ein Feuer entfacht. Die Polizisten verschießen Tränengas und rücken mit Gummiknüppeln auf die Menge vor. Schakib und seine Familie versteckten sich im Zelt und versuchten, ihre Gesichter mit Pappfetzen vor dem Reizgas zu schützen.

Die Polizei hält Flüchtlinge auf 
Lesbos in Schach
Die Polizei hält Flüchtlinge auf Lesbos in Schach. Die jungen Männer fordern eine bessere Versorgung. Nach dem Brand im Lager litten viele Ex-Bewohner Hunger
© Murat Türemis

Auch jetzt beobachtet der Vater durch das Fliegengitter seines Zeltes, wie draußen ein neuer Protestmarsch entsteht. Wieder ziehen draußen junge Männer und Frauen vorbei. „Nieder mit dem Gefängnis“, „Schluss mit Moria“, schreien sie und recken Plakate in die Höhe. Ein junger Eritreer mit Baseballkappe ruft Schakib zu: „Komm, Bruder, mach mit!“ Doch der Vater schaut durch ihn hindurch, als wäre der Mann unsichtbar.

Dabei war der 34-jährige Schakib bis vor Kurzem noch ein Mensch voller Energie. Er arbeitete als Ingenieur für ein amerikanisches Unternehmen, das in Herat, im Westen Afghanistans, Bürohäuser für die US-Truppen baute. In seiner Nachbarschaft war Schakib beliebt und bekannt. Wenn er in den Supermarkt kam, grüßten ihn die Leute und traten zur Seite. „Hallo, Herr Schakib“, sagten sie. „Friede sei mit Ihnen.“ Schakib war stolz auf den Respekt und die Freundlichkeit, die ihm die Leute erwiesen. Er war stolz auf das große Haus, das er gebaut hatte, auf die zwei Toyotas, die er besaß. Vor allem aber war er stolz auf seine Frau, die trotz der zwei Kinder als Ärztin arbeitete. Bis zu jenem Tag im August 2018, als er den Brief öffnete, in dem er als „amerikanischer Verräter“ beschimpft wurde. Schakib verstand die Drohung. Monate zuvor hatten die Taliban seinen besten Freund mit einer Autobombe getötet. Nur eine Woche nachdem der Brief eingegangen war, packte die Familie ihre Koffer.

Nie wieder Moria, sagen Flüchtlinge und Insulaner

Es war der Anfang einer Odyssee, die Schakib mit knappen und sachlichen Worten beschreibt. Es ist eine Geschichte über Schleuser und Schlauchboote, über Angst und Bedrohung. Von Herat im Westen Afghanistans führte sie über den Iran und die Türkei bis in die Ägäis, diesen östlichen Rand Europas, hinein in die Hölle von Moria, der Schakib und seine Familie nur mit knapper Not entronnen sind.

Nun richtet sich ihre Hoffnung auf einen Namen, den man gerade oft hört entlang der Straße zwischen dem ausgebrannten Lager und der Inselhauptstadt Mytilini: Angela Merkel.

Schakib hat heute Morgen auf dem Handy gelesen, dass Deutschlands Kanzlerin und die EU darüber diskutieren, nicht nur bis zu 150 unbegleitete Jugendliche, sondern auch einige Familien mit Kindern von der Insel nach Deutschland zu evakuieren. Als er davon erzählt, flackern seine Augen, für einen Moment kehrt ein bisschen Zuversicht in sein müdes Gesicht zurück.

„Frau Merkel wirkt wie eine aufrechte Frau. Es wäre uns eine Ehre, wenn wir in Deutschland etwas Gutes tun könnten“, sagt er höflich und streicht sein Hemd glatt wie vor einem Bewerbungsgespräch. Währenddessen donnern Militärhubschrauber der griechischen Armee über ihn hinweg. Sie bringen Zelte und Material für ein neues Lager. Die Arbeiten daran haben schon begonnen. Weil wütende Inselbewohner die Zugangswege mit Lastwagen blockiert haben, muss das Baumaterial durch die Luft angeliefert werden.

Nie wieder Moria! In diesem Punkt sind sich die Flüchtlinge und viele Inselbewohner einig.

„Irgendwann muss dieser Wahnsinn doch enden“

Auch Schukria, Schakibs Frau, will auf keinen Fall zurück. „Irgendwann muss dieser Wahnsinn doch enden. Wir sind seit zehn Monaten hier, und wenn es so weitergeht, sind wir bald kaputt“, sagt sie und streicht über das Gesicht ihrer Tochter Mirsana, die apathisch neben ihr liegt. Albträume plagen die Vierjährige seit Monaten, nachts findet sie kaum Schlaf. Durch das Feuer sei alles noch schlimmer geworden, sagt die Mutter. Das Mädchen habe Fieber und zittere ständig.

Frierend, aber froh, am Leben zu sein, waren die Schakibs im Oktober 2019 auf Lesbos angekommen. Hohe Wellen hatten das Boot auf der kurzen Überfahrt von der türkischen Küste fast zum Kentern gebracht. An Bord war Panik ausgebrochen, denn es gab keine Rettungswesten, und niemand konnte schwimmen.

Dann stand die Familie in Moria vor diesem Meer aus Planen, die sich wie Schimmel die Olivenhänge hinaufzogen. „Papa, warum hast du uns in ein Gefängnis gebracht?“, habe seine Tochter ihn da gefragt, erzählt der Vater. „Hab Geduld“, antwortete er. „Das ist nicht unser Leben.“ Doch dann war es genau das geworden: ihr Leben. Schakib fühlt sich deshalb heute manchmal wie ein Lügner.

Dabei hatte er sich gerade am Anfang noch so viel Mühe gegeben, die Zeit in Moria für seine Familie erträglich zu machen – für die Hütte, die er gleich zu Beginn auf einem der Hügel errichtete, hatte er von den Brettern und Planen, die er auftreiben konnte, nur die besten verwendet. Über Wochen hatte der Ingenieur gehämmert und getüftelt, verworfen und neu aufgebaut.

Dann kam der Winter. Mit der Kälte und dem Dreck kroch auch die Angst durch die Ritzen des selbst gezimmerten Verschlags. Sie ließ die Familie nicht mehr los. Im Lager herrschte das Gesetz der Gewalt. Es gab Kämpfe, Messerstechereien und Vergewaltigungen. Bewaffnete afghanische Banden, sagt Schakib, hätten die Menschen terrorisiert. Nachts lief er mit einem Ast bewaffnet um das Zelt, um seine Familie zu beschützen.

Nie konnte er seine Frau und die Kinder aus den Augen lassen. Nicht während der stundenlangen Warterei an der Essensausgabe. Nicht in den endlosen Schlangen vor den viel zu wenigen Duschen und Toiletten.

Und ab und zu, sagt Schakib, während auf der Landstraße neben ihm eine Einheit Polizisten vorbeiläuft, seien in Moria Menschen auch einfach verschwunden. Auch einer seiner Freunde sei eines Tages plötzlich weg gewesen und nie wieder aufgetaucht. Er glaubt, für das Verschwinden seines Freundes könnte eine der Gangs verantwortlich sein.

Dass die Zustände in Moria dramatisch sind und einen Nährboden für Gewalt und Verbrechen bieten, beklagen Hilfsorganisationen seit Jahren. Doch die Zustände wurde immer nur noch schlimmer. Für knapp 3000 Menschen war das Lager ausgelegt, als es 2015 gegründet wurde. Über die Jahre schwoll es an, bis Anfang 2020 fast 20.000 Menschen hier lebten. Das war der Höchststand. Trotzdem hatte die griechische Regierung nie ein Interesse daran, die Lebensbedingungen der Menschen deutlich zu verbessern. Aus dem Provisorium sollte keine Dauerlösung werden. Moria sollte Menschen abschrecken, nicht anlocken. Darin war man sich einig in Athen, Berlin und Brüssel, auch wenn das kaum jemand offen zugab. Auf Lesbos wuchsen derweil Verzweiflung und Wut, nicht nur unter den Flüchtlingen.

Auch die, die hassen, kommen an ihre Grenzen

Vier Tage nach dem Feuer stapft eine Frau mit offenem blondem Haar durch das ausgebrannte Lager. Außer Lena Hatzimanoli ist es hier menschenleer, die Hügel von Moria sind menschenleer. Nur der Gestank nach Urin und Abfall erinnert noch daran, dass hier bis vor Kurzem Tausende Menschen hausten. Ratten und streunende Katzen klettern durch die Trümmer.

Die 56-jährige Griechin wohnt in Mytilini, der größten Stadt auf Lesbos. An den vergangenen Tagen hat sie geholfen, in der Gegend Straßenblockaden zu organisieren. So wollen einige wütende Inselbewohner verhindern, dass ein neues Lager gebaut wird, jetzt, wo das alte endlich weg ist. Journalisten und NGO-Mitarbeiter sind an den Straßensperren angegriffen worden. Hatzimanoli, von Beruf Programmiererin, weiß, dass manche ihrer Landsleute sie als Faschisten bezeichnen. „Wir sind keine Rassisten“, sagt sie, während sie auf Sandalen über geschmolzenes Plastik und verkohlte Kuscheltiere stapft. „Wir haben nur einfach genug davon, dass diese Leute hier stehlen und vergewaltigen und unser Leben zerstören.“ Die Übergriffe an den Straßensperren streitet sie ab. Aber im Widerstand der Inselbewohner seien „radikale Maßnahmen“ ein legitimes Mittel. Es gehe schließlich um Selbstverteidigung. „Die Verbrecher, die uns das angetan haben, sind Politiker wie Angela Merkel.“

Ins Lager ist Hatzimanoli heute gekommen, um das Ausmaß der Zerstörung anzuprangern. Sie deutet auf die verschmutzten Bäche, in denen knöchelhoch der Müll steht. Auf die verkohlten Olivenbäume, manche über 200 Jahre alt. „Schauen Sie doch, was die mit unserer Insel gemacht haben. Da packt mich die Wut.“

Lena Hatzimanoli und Babis Dalas
Die griechischen Insel­bewohner Lena Hatzimanoli und Babis Dalas wollen, dass die Flüchtlinge von Lesbos verschwinden
© Murat Türemis

Kurz darauf fährt einer von Hatzimanolis Mitstreitern in einem grauen Pick-up vor. Unter seinem Kopf mit dem kurz geschorenen Haar hat Babis Dalas einen Oberkörper wie ein Ringer. Gestern Abend wurde er von den Spezialeinheiten der griechischen Regierung bei einer Straßenblockade vorübergehend festgenommen. Die Polizisten kannten ihn noch von anderen Protesten rund um das Lager, die im Frühjahr eskaliert waren.

Zusammen machen sich Dalas und Hatzimanoli auf den Weg zu einer zerstörten Kirche unweit des Lagers, um deren Renovierung sie sich derzeit kümmern. Mehrmals hätten Flüchtlinge das Gotteshaus verwüstet, erzählen die beiden.

Eine knorrige Eiche wölbt sich über die Kapelle. Die Tür ist aufgebrochen, der Boden übersät mit weggeworfener Kleidung und Müll. Plötzlich kämpft der bullige Grieche mit den Tränen. Er wisse einfach nicht, was er noch machen solle, sagt der Bauarbeiter mit zusammengebissen Zähnen. Für einen Moment wird klar, dass auf Lesbos gerade wirklich alle an ihre Grenzen kommen. Auch die, die hassen.

Sie werden als "Schweine" beschimpft

Am selben Abend, ein paar Kilometer weiter, hüllt die untergehende Sonne die Zelte an der Landstraße nach Moria in orangefarbenes Licht. Schakib, der an diesem Tag noch so gut wie nichts gegessen hat, steht in der Schlange einer NGO, um Fisch und Reis für die Kinder, seine Frau und sich zu besorgen. Mit hasserfüllten Inselbewohnern hat auch seine Familie schon Erfahrung. Als sie nach dem Feuer aus Moria kommend die Straße entlangliefen, sei ein Auto mit drei Männern dicht an ihnen vorbeigefahren. Als „Schweine“ hätten die sie beschimpft. Mehr möchte er von der Begegnung nicht erzählen. „Ich will einfach nur, dass es meinen Kindern bald besser geht“, sagt der Vater.

Für sie hatte er sich heute Nachmittag noch einmal hochgekämpft. Hatte sich aufgebäumt gegen den Hunger und die Hoffnungslosigkeit, die die Menschen von Moria von Tag zu Tag verzweifelter werden lässt. Milch und Medikamente hatte er besorgen wollen in der nahen Stadt. Doch die Soldaten, denen er am Ausgang der Sperrzone an der Landstraße höflich seinen Pass entgegenstreckte, hätten ihn einfach weggejagt. So als wäre Schakib gar kein Mensch. Sondern einfach bloß ein Fremder.

Die Flüchtlinge in den griechischen Lagern brauchen dringend Unterstützung. Wir leiten Ihre Hilfe weiter.

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Stichwort "Lesbos"; www.stiftungstern.de

Erschienen in stern 39/2020

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