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Politik Das Flüchtlingsbaby Hanana starb mit drei Monaten auf Lesbos - warum lässt Europa das zu?

Mustafa und Fatima mit ihrer Tochter Hanana
Mustafa und Fatima mit ihrer Tochter Hanana. Das Bild zeigt die Afghanen in einem Hilfszentrum auf Lesbos, Hanana war damals 14 Tage alt
© Murat Tueremis
Hanana kam als Kind afghanischer Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos zur Welt. Die Ärzte stellten nach ihrer Geburt einen Herzfehler fest. Man hätte das Baby behandeln können. Aber niemand half, und irgendwann war es zu spät. Hanana starb an ihrem 82. Lebenstag. Warum lässt Europa so etwas zu? 
Von Raphael Geiger

Dieser Artikel ist bereits erschienen. Der stern veröffentlicht den Text erneut im Rahmen der Aktion #weileswichtigist, mit der wir an bestehende Konflikte in der Welt erinnern wollen, die etwa im Schatten der Corona-Pandemie oder der US-Wahlen nur wenig Beachtung gefunden haben. Einen Überblick zu allen Inhalten finden Sie hier.

An einem Julinachmittag sitzt Fatima, eine junge Afghanin von 19 Jahren, an der ­Küste von Athen, angekommen in Europa. ­Verloren in Europa. Ihr Mann, auch erst 23, springt in Unterhose ins Meer, und während er durchs Wasser krault, sitzt sie auf der Kaimauer und blinzelt nur in die griechische Sonne.

„Sie hat uns erkannt“, sagt Fatima, „sie hat verstanden, dass wir ihre Eltern waren.“

Hanana, so hieß ihre Tochter, und wenn sie an einem anderen Ort der Welt geboren wäre, nicht auf der griechischen Insel ­Lesbos, wenn sie die ersten Monate ihres Lebens nicht in einem Zelt im Lager Moria hätte verbringen müssen, dann hätte Hanana in dieser Woche ein halbes Jahr alt werden können.

Warum sie gestorben ist? Mustafa sagt: „Griechenland.“

Mustafa und Fatima mit ihrer Tochter Hanana
Mustafa und Fatima mit ihrer Tochter Hanana. Das Bild zeigt die Afghanen in einem Hilfszentrum auf Lesbos, Hanana war damals 14 Tage alt
© Murat Tueremis

Die längere Antwort erzählt von einem griechischen Versagen, aber auch von einem europäischen. Anders gesagt: von unterlassener Hilfeleistung mit Todes­folge. Europa hätte Hananas Leben retten können. Aber auch das gehört zur Antwort: Das Europa des Jahres 2020 hat sich damit abgefunden, dass Flüchtlinge an seinen Grenzen sterben. Auf dem Mittelmeer, ­irgendwo auf dem Balkan. Und Griechenland, der EU-Außenposten im Südosten, hat sich in einen Irrgarten aus Bürokratie und Willkür verwandelt, in dem sich die Flüchtlinge verlaufen. Sodass sie keinen Weg nach Norden finden. Zu uns.

Kaum jemand nimmt Notiz

Kaum jemand in Europa nimmt überhaupt noch Notiz davon, wenn Flüchtlinge wie Hanana sterben, selbst die Zustände in den griechischen Lagern interessieren kaum noch. Nachrichten sind keine, wenn sie niemand mitbekommt.

Klar, die Schuldigen haben Namen: Orbán, Seehofer. Kyriakos Mitsotakis, der griechische Premierminister. Sie betreiben die Politik der Abschreckung, der geschlossenen Grenzen. Aber was ist mit uns allen? Sind wir damit einverstanden? Oder, falls nicht: Wann ist das passiert, dass wir müde geworden sind, uns damit abgefunden haben, wann ist uns die Empathie verloren gegangen?

Fatima sagt, sie hätten sich nie auf den Weg machen dürfen.

Am 25. Januar kam Hanana im Kranken­haus von Lesbos auf die Welt, um 8.30 Uhr. Die Ärzte stellten ein Loch in ihrem ­Herzen fest. Sie gaben Fatima ein Papier mit: ein Gutachten, dass Hanana zur ­weiteren Behandlung in die Hauptstadt Athen müsse.

Wie alle neu angekommenen Flücht­linge brauchte die Familie eine Genehmigung, um die Insel zu verlassen. Aber die Behörden waren überlastet. Sie hätten ihn einfach wieder weggeschickt, sagt Mustafa. „Sie sagten, es gebe viele Fälle wie unseren.“ Der Afghane, der kaum ­Englisch spricht, stand hilflos vor der griechischen Bürokratie. Nachts sank die Temperatur auf Lesbos auf unter zwei Grad, und irgendwann fing sich Hanana in ihrem unbeheizten Campingzelt einen Lungeninfekt ein.

Als das Fieber kam, war es zu spät

Aber erst als das Fieber stark stieg, bekam sie, was ihr zustand: die höchste Priorität. Im Krankenhaus organisierten sie einen Transport nach Athen. Es war jetzt April. Während Mustafa wie jeden Tag stundenlang in der Essensschlange wartete, stieg Fatima mit dem Baby in ein Ambulanzflugzeug. Tagelang würde Mustafa nichts von ihr hören, sie hatte kein Handy dabei. Von Athen hatte Fatima noch nie gehört. Es war der erste Flug ihres Lebens.

Woran Hanana starb? Fatima sagt: „An Achtlosigkeit.“

In Athen fand sie sich mit Hanana in einer Kinderklinik wieder. Hanana unten auf der Intensivstation, sie getrennt von ihr in einem Zimmer im vierten Stock. Es begann, was Fatima die „schlimmsten Tage ihres Lebens“ nennt. Zehn Minuten am Tag habe sie ihre Tochter sehen dürfen. Gleich am Anfang habe ein Arzt gesagt, Hanana werde sterben. Die Krankenschwestern, mit denen sie zu kommunizieren ver­suchte, hätten sie nur angeschrien.

Schließlich erreichte sie Mustafa auf Lesbos. Der bekam dank der Hilfe einer Griechin, die von dem Fall mitbekam, endlich die Erlaubnis vom Amt: Er durfte nach Athen. Die Griechin bezahlte ihm noch den Flug. Aber er kam zu spät.

Am Abend des 15. April starb Hanana an akutem Lungenversagen, so steht es in ihrer Todesurkunde. Sie wurde 82 Tage alt.

Vielleicht hätte Hanana auch anderswo nicht überlebt, aber in einem Zelt in Moria, mitten im Winter, hatte sie keine Chance. Jemand hätte dafür sorgen müssen, dass das Baby mit dem Herzfehler sofort in eine Klinik nach Athen kommt. Aber das geschah nicht. Fatima und Mustafa waren in Europa mit ihrem kranken Baby. Allein.

Das Flüchtlingslager Moria
Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Gedacht war es für 3000 Menschen, aber viele Tausend mehr harren dort aus, teils in selbst gebauten Hütten und Zelten
© Murat Tueremis

Fahrlässigkeit oder kalkulierte Abschreckung?

Die Frage ist, ob es Fahrlässigkeit war. Oder ob Hananas Tod eines von vielen Schicksalen ist, die zusammen einem Kalkül dienen: der Abschreckung. Und dem Signal, das die griechische Regierung an die Flüchtlinge sendet und mit ihr ganz Europa: Bleibt bloß weg. Hier seid ihr verloren.

Das Klima hat sich verändert, überall in Europa, aber in Griechenland besonders. Weil sich viele Griechen seit Jahren von den anderen EU-Ländern alleingelassen fühlen. Während die Flüchtlingskrise für Deutschland im Frühjahr 2016 endete, hörte sie auf den griechischen Inseln nie auf. Die Zahl der Ankommenden sank zwar, trotzdem halten sich im Moment über 120.000 Flüchtlinge im Land auf. Damit gehört es zu den am stärksten belasteten Ländern Europas, und das nach jahrelanger Wirtschaftskrise. Die neue konservative Regierung, seit vergangenem Jahr im Amt, versprach von Anfang an eine härtere ­Linie. Premier Mitsotakis selbst gilt als liberal, aber seine Partei wird vom rechten Flügel dominiert. Die Menschen auf den Booten heißen jetzt nur noch „Migranten“, und sie abzuwehren gilt als Landesver­teidigung.

Flüchtlinge in einem Boot
Im Boot erreichen Flüchtlinge Lesbos. In anderen Fällen sollen Griechen sie zurück aufs Meer gedrängt haben
© Murat Tueremis

In ihrem Büro beim „Greek Council for Refugees“, einer Hilfsorganisation in der Athener Innenstadt, empfängt Kleio Nikolopoulou, eine Anwältin, die seit Jahren Flüchtlinge bei Asylverfahren begleitet. Immer wieder, sagt sie, habe sie gedacht: Das ist jetzt der Tiefpunkt. „Und dann ­wurde es immer noch schlimmer.“

Sie ist eine von denen, die noch für die Flüchtlinge kämpfen, auch wenn sie sich manchmal fragt, ob es noch einen Sinn hat.

Im Herbst ließ die neue Regierung die besetzten Häuser im linken Athener Stadtteil Exarchia räumen, in denen Hunderte Flüchtlinge eine Bleibe gefunden hatten. Manche kamen in Lager, andere endeten auf der Straße. Im Januar trat ein verschärftes Asylgesetz in Kraft, und kurz darauf ein weiteres, das das Recht auf Asyl zeitweise ganz aussetzte. Auf den Inseln ­entlang der türkischen Küste, darunter Lesbos, sollten geschlossene Lager gebaut werden, das Ziel: schnelle Asylverfahren, schnelle Abschiebungen.

Anfang März, als der türkische Präsident Erdoğan die Öffnung der Grenzen verkündete, war in Athen die Rede von einem „Krieg ohne Kugeln“. Die Griechen hielten die Menschen am Grenzübergang bei Edirne mit Gewalt fern, ein junger Mann aus Pakistan kam dabei ums Leben. Auf Lesbos ging ein Mob aus Rechtsradikalen und wütenden Anwohnern auf Journalisten und Helfer los. Eine Mehrheit der Griechen war überzeugt davon, dass es nun um die Sicherheit des Landes ging. Auch wenn da auf der türkischen Seite keine Panzer standen, sondern Flüchtlinge.

„Ist das unser europäisches Gesicht?“

Das Gefühl sei, sagt Nikolopoulou: „Wir Griechen gegen den Rest der Welt.“ Sie erzählt von Verschwörungstheorien: Erdoğan hole die Leute aus seinen Gefängnissen und schicke sie auf die Schlauchboote, ­hinüber auf die griechischen Inseln. Selbst ihre Familie frage sie inzwischen, ob es sich bei den Flüchtlingen nicht tatsächlich um Kriminelle handle.

„Ist das unser europäisches Gesicht?“, fragt Nikolopoulou.

Kleio Nikolopoulou
Flüchtlingsanwältin Kleio Nikolopoulou
© Murat Tueremis

Seit Mitsotakis im Amt ist, gewinnt sie weniger Fälle. „Ich versuche immer alles“, sagt sie. „Aber am Ende reicht es einfach nicht.“ Weil das System, gegen das sie kämpft, darauf ausgelegt ist, die Menschen verzweifeln zu lassen.

Jeden Morgen um sechs auf dem Victoria-Platz, nicht weit von Nikolopoulous’ Büro, weckt der Reinigungstrupp die schlafenden afghanischen Familien. Schnell stehen sie auf, packen ihre Sachen und ­tragen sie hinüber auf einen Grünstreifen. Dort warten sie, bis die Männer mit ihrer Kärchermaschine fertig sind. Dann gehen sie zurück, rollen die Teppiche wieder aus, bereiten sich wieder ihr improvisiertes Zuhause. Eine von ihnen, eine ältere Mutter, sagt: „Ich schäme mich so vor den Leuten.“

Über den Platz, einen Verkehrsknotenpunkt, strömen Griechen auf dem Weg zur U-Bahn. Ringsum liegen Cafés, Bäckereien, Banken. Daneben Stadtvillen, das Viertel war glamourös. Dass hier Flüchtlinge kampieren, daran haben sich die Athener seit dem Winter 2015 gewöhnt. Manche kommen mit Wasser oder Sesamringen. Die meisten gehen einfach weiter.

Vom Lager direkt auf die Straße

Auf dem Victoria-Platz spürt man das ganze Versagen. Warum leben Flüchtlinge in einer europäischen Hauptstadt auf der Straße? Sie kamen von den Inseln, die Behörden erlaubten ihnen die Weiterreise aufs Festland. Um die Inseln zu entlasten. Angekommen, wussten sie nicht weiter, ­keines der Lager in Athen nahm sie auf. „Ärzte ohne Grenzen“ warnte gerade, die griechische Regierung treibe die Menschen bewusst in die Obdachlosigkeit.

Zwei Wochen zuvor, sagt die afghanische Mutter, habe abends ein Bus am Platz gehalten. Polizisten hätten die Flüchtlinge gezwungen, einzusteigen: Es gehe in ein Lager. Dort angekommen, stellten die Flüchtlinge allerdings fest, worum es sich bei dem Lager handelte: ein Gefängnis. Ein geschlossenes Lager, das sie nie hätten verlassen dürfen. Als sie aus dem Bus ­heraus die Zäune und Wachen sahen, weigerten sie sich auszusteigen. Nach einer Stunde hätten die Polizisten sie alle an einer Landstraße ausgesetzt.

Es ist diese Mischung aus Durchgreifenwollen und Missachtung, die Griechenlands Flüchtlingspolitik prägt. Die Menschen sollen in ein geschlossenes ­Lager – weigern sie sich, setzt man sie eben aus. ­Irgendwo im Nichts.

Kaum einer in der Gruppe konnte die Straßenschilder lesen. In der Dunkelheit liefen sie los, bis sie einen Linienbus fanden, der sie wieder Richtung Athen brachte, und einen weiteren, mit dem sie zurück zum Victoria-Platz gelangten. Die Busfahrer, immerhin, nahmen sie gratis mit. Mitten in der Nacht schlugen sie wieder ihr Lager auf. Obdachlos, aber nicht eingesperrt.

Was ist passiert mit der griechischen ­Gesellschaft, dass so ein Vorgehen Zu­stimmung findet?

Der Rest schaut weg

Es ist, als hätten die Rechten den längeren Atem gehabt: Über die Jahre schafften sie es, die Debatte zu bestimmen. Ähnlich wie in Deutschland, nur radikaler. Dass die Flüchtlinge durchs Raster fallen, ist die Regel. Vermutlich ist es gewollt. Kleio Nikolopoulou, die Anwältin, sagt es so: Man könne bei der Regierung eigentlich keinen Plan erkennen. Nur diesen: den Menschen das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Die übrigen Europäer schweigen dazu, weil es ihnen das Problem vom Hals hält.

Flüchtlinge auf dem Athener Victoria-Platz
Auf dem Athener Victoria-Platz leben Flüchtlinge seit Jahren in Obdachlosigkeit
© Murat Tueremis

Nicht mal ein paar Hundert Flüchtlinge aus Griechenland wollte Innenminister Seehofer aufnehmen, obwohl die Länder Berlin und Thüringen sich kürzlich dazu freiwillig entschlossen hatten. Es brauche europäische Lösungen, sagte Seehofer. Das heißt es seit 2015.

Die Müdigkeit, scheint es, hat über das Mitgefühl gesiegt. Die vielen Griechen, die sich seit 2015 in der Flüchtlingshilfe engagieren, während der Staat und die EU wegschauten, dringen kaum noch durch. Sie sind müde vom Kämpfen, vom jahre­langen Argumentieren. Und Journalisten, die über das Thema berichten, riskieren, zum Ziel von Angriffen zu werden.

Auf der Insel Chios steht Yannis Stevis, 65, abends an der Küstenpromenade und schaut übers Meer. Auf der anderen Seite eine Bergsilhouette, knapp 13 Kilometer entfernt: die Türkei. Stevis hat sein Leben als Wirtschaftsjournalist in Athen verbracht, irgendwann zog es ihn zurück auf seine Insel. Er gründete ein Lokalnachrichten-Portal. Ein ruhigeres Leben, dachte er.

Dann geriet er in den Sturm. Am 30. April bekam Stevis Fotos zugeschickt, darauf 14 soeben angekommene Flücht­linge an einem Strand von Chios. Niemand wusste, was aus ihnen geworden war, denn die Behörden meldeten ihre Ankunft nicht. Stevis interviewte Zeugen, die gesehen hatten, wie das Boot ankam. Auf Facebook schrieb er über seinen Verdacht: dass die Küstenwache die Menschen zurück aufs Meer gebracht hatte.

Hananas Grab trägt die Nummer 828

Ein Pushback also, eine Abschiebung aufs Meer, ohne die Angekommenen zu re­gistrieren. Stevis wusste, was er da tat: Er verdächtigte seine Regierung einer ­illegalen Tat. Die reagierte wie erwartet: Sie stritt alles ab. Was er nicht ahnte, war, wie sein Umfeld reagieren würde. Er sagt: „Ich habe Feinde gewonnen. Und Freunde verloren.“

Viele auf der Insel hätten seinen Bericht angezweifelt, trotz aller Indizien: der Fotodateien mit ihren Zeitangaben, der Zeugen. Obwohl klar war, dass eine Gruppe von 14 Flüchtlingen auf Chios nicht einfach verschwindet. Dazu der Bericht der türkischen Küstenwache: Sie hatte am selben Tag eine Gruppe von einem Felsen im Meer gerettet. 14 Menschen, ganz in der Nähe.

Stevis will weiterrecherchieren, den Pushback endgültig nachweisen. Aber die Leute seien so sehr gegen die Flüchtlinge aufgestachelt, sagt er, dass sie nicht mal mehr wissen wollen, was vor sich geht. Eines Morgens fand er den Facebook-Account seines Portals leer vor. Jemand hatte ihn offenbar gehackt und alle Bei­träge gelöscht. Er weiß bis heute nicht, wer dahintersteckt.

Damals, 2015, sagt er, seien die Leute auf Chios solidarisch gewesen. Hätten geholfen. Erst seit dem EU-Türkei-Abkommen, seit die Flüchtlinge monatelang auf der Insel feststecken, habe sich die Stimmung verändert. Das Gefühl: Europa lässt uns ­allein, verschleppt das Problem. Und macht es nur schlimmer. Jetzt, sagt Stevis, suche Premier Mitsotakis auf dem Festland nach Bürgermeistern, die bereit sind, Flücht­linge aufzunehmen. Aber er finde keine. Warum? Weil Mitsotakis selbst jahrelang den Hass auf die Menschen geschürt habe. Der Premier, so Stevis, sei ein Opfer seiner eigenen Rhetorik geworden.

Er findet keinen Ausweg mehr. Sein Land auch nicht. Wir alle nicht.

Stevis redet sich in Rage: Für Erdoğan möge es normal sein, mit Menschen zu spielen, aber Europa dürfe so nicht werden. Es müsse sich kümmern. Humanität ­zeigen. „Was“, fragt er, „unterscheidet uns sonst noch von Erdoğan?“

Heute wegen Kriegen, morgen wegen des Klimas

Später sitzt er mit einem Freund, dem Ex-Vizebürgermeister der Insel, in einem Café. Der spricht von Geografie: Chios ­liege nun mal zwischen Asien und Europa. Es sei kurzsichtig, zu denken, man könne die Menschen mit Abschreckung fernhalten. Ja, im Moment seien die Ankunftszahlen niedrig. Auch wegen der Pushbacks. Aber dass Schlauchboote kommen, sei das Schicksal der Insel. Heute wegen Kriegen, morgen wegen des Klimas.

Am Victoria-Platz halten kurz nach unserem Besuch wieder Busse. Die Flüchtlinge kommen in ein Athener Lager, das so voll ist, dass sie draußen in Zelten campen müssen. Sie kennen das schon aus Moria.

Hananas Eltern am Grab ihrer Tochter in Athen
Hananas Eltern am Grab ihrer Tochter in Athen
© Murat Tueremis

Hananas Grab liegt im Kinderbereich eines Stadtfriedhofs. Jede Woche nehmen ihre Eltern, Fatima und Mustafa, den Bus hierher. Sie leben jetzt in einem Lager an der Küste bei Athen. Sie hatten Glück: Jemand organisierte ihnen dort einen Platz.

Auf dem Weg kommen sie an den anderen Kindergräbern vorbei, auf denen Blumen und Plüschtiere liegen. Auf Hananas Grab liegt nichts, nicht mal ihr Name ist erwähnt, da steht nur ein Stein mit einer Nummer: 828. Mustafa reißt Blüten von den Pflanzen ab, die um die Gräber herum wuchern, und legt sie auf den Stein. ­Fatima streicht mit dem Zeigefinger über die Erde, minutenlang. Auf dem Rückweg nehmen sie sich zum ersten Mal, seit wir sie kennengelernt haben, an der Hand.

Ihren Termin bei der Asylbehörde haben sie im Jahr 2023. Sie hoffen, dass sie einen anderen Weg finden. In ein anderes europä­isches Land. In Griechenland, sagt Fatima, könne sie nie wieder glücklich sein.

Nur Hanana, geboren auf Lesbos, wird dann in Athen bleiben.

In den griechischen Flüchtlingslagern warten Kinder auf teils lebenswichtige Operationen. Die Organisation „Be an Angel“ will ihnen diese ermöglichen. Die Stiftung stern leitet Ihre Hilfe weiter. Bitte spenden Sie an: IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 – BIC DEUTDEHH – Stichwort „Flüchtlingskinder Griechenland“; www.stiftungstern.de

Erschienen in stern 34/2020

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