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Internationale Pressestimmen: "Der IS will einen Krieg zwischen Muslimen und Christen in Europa"

Der Anschlag von Berlin mit zwölf Todesopfern erschüttert Deutschland. Die genauen Hintergründe sind zwar noch nicht geklärt, aber vieles deutet auf Terrorismus hin. Die Reaktionen der Weltpresse.

Der Ort des Attentats: Auf dem Breitscheidenplatz in Berlin starben zwölf Menschen

Der Ort des Attentats: Auf dem Breitscheidenplatz in Berlin starben zwölf Menschen

Die internationalen Pressestimmen zum Anschlag von Berlin:

"New York Times" (USA)

"Die populistische Rechte hat keine Zeit darauf verschwendet, Fakten über die Identität des Attentäters von Berlin oder ein Motiv abzuwarten, um Kanzlerin Angela Merkel für ihre menschliche Asylpolitik scharf zu kritisieren und die eigene fremdenfeindliche Agenda zu pushen. Diese gefährliche - wenn auch vorhersehbare - Reaktion spielt direkt in die Hände des Islamischen Staats, der nichts mehr will, als einen Krieg zwischen Christen und Muslimen in Europa zu beginnen. (...) Mit jedem neuen Anschlag, ob auf einen Weihnachtsmarkt oder eine Moschee, wird die Herausforderung für Europa schwieriger, Toleranz, Inklusion, Gleichheit und Vernunft zu verteidigen."

"Der Standard" (Österreich)

"Es wird tausend Schuldzuweisungen geben und tausend Forderungen, was jetzt sofort zu tun sei. Vielleicht sind manche gar nicht schlecht - auch wenn sie von der Opposition kommen. Aber das wird die Herausforderung der kommenden Zeit für Merkel sein: abzuwägen - und dann zu entscheiden. Und sich nicht von den Scharfmachern provozieren zu lassen. (...) Die AfD ist für Merkel dabei nur eine Herausforderung. (...) Viel schwieriger wird für Merkel die Frage sein, ob sie ihre eigenen Truppen angesichts des schrecklichen Ereignisses bei der Stange halten kann. Seit langem schon gärt es auch in der Union, die Konservativen ballen die Faust in der Hosentasche. So mancher wird jetzt eine Gelegenheit sehen, sich nicht so sehr gegen die AfD zu stellen, sondern lieber ein paar ihrer Forderungen zu übernehmen."

"NZZ" (Schweiz)

"Deutschland steht als europäische Führungsmacht und wichtiges Nato-Mitglied weit oben auf der Liste potenzieller Ziele. Diese Bedrohung existiert seit Jahren, unabhängig von der forcierten "Willkommenskultur". Genauso offenkundig ist aber, dass der Zustrom an kaum überprüften Migranten aus dem Nahen Osten und Südasien, von Syrien bis Afghanistan, große Risiken birgt. (...) Das Thema innere Sicherheit in allen seinen Facetten wird die Debatte bis zur Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres bestimmen. Grösser war der Druck auf die Kanzlerin nie, selbst in der Hochphase der Euro-Krise nicht."

"The Telegraph" (Großbritannien)

"Wenn irgendeine Erinnerung nötig ist, warum es richtig für Großbritannien war, die Kontrolle über seine Grenzen wiederzugewinnen, muss man nur nach Deutschland blicken. Ob nun der Horror in dieser Woche in Berlin von jemandem verursacht wurde, der durch Angela Merkels Politik der offenen Tür ins Land gekommen ist - Deutschland hat bereits tödlichen Terror erlitten, der erleichtert wurde durch das Scheitern der EU, seine externen und internen Grenzen zu kontrollieren. Die erste Pflicht eines Staates ist die Sicherheit seiner Bürger; das bedeutet ordentliche Einwanderungskontrollen. Zum Glück wird Großbritannien das bald wieder haben."

"Wedomosti" (Russland)

"Bundeskanzlerin Angela Merkel hat eilig erklärt, dass das Geschehene weder die Flüchtlingspolitik in Deutschland beeinflussen soll noch den Umgang mit denen, die schutzsuchend in dieses Land gekommen sind. Tatsächlich wird es natürlich sowohl die Politik als auch den Umgang (mit den Flüchtlingen) beeinflussen. Die in Deutschland und in ganz Europa erstarkenden populistischen Bewegungen erhalten neue Argumente zugunsten einer Verschärfung des aktuellen "unnötig menschenfreundlichen" Kurses der Machthabenden. Anders als der französische Präsident Francois Hollande wird Merkel vielleicht nicht ihren Posten verlieren, aber sie wird sich wohl im nächsten Jahr bei der Bundestagswahl mit ernsthaften Problemen konfrontiert sehen."

"El País" (Spanien)

"Sofort, und mit verachtungswürdigem Opportunismus, hat die extreme fremdenfeindliche Rechte (...) die Asylpolitik von Angela Merkel für die Angriffe verantwortlich gemacht und sie beschuldigt, Blut an ihren Händen zu haben. (...) Es muss aber ganz deutlich gesagt werden, dass jene mit den blutbefleckten Händen nicht Angela Merkel oder Matteo Renzi sind, um nur einige der Politiker zu nennen, die mit ihrer Politik die Würde der europäischen Werte in der Mitte einer gigantischen Asylkrise aufrecht erhalten haben. Sondern jene, die durch den Tod unschuldiger Landsleute an der Wahlurne profitieren wollen. (...) Wir sind überzeugt, dass Deutschland, eine demokratisch reife Gesellschaft und sich seiner Werte und Verantwortung bewusst ist, sich weder den Terroristen beugt, egal, welchen Preis sie fordern, noch jenen, die den Terror nutzen, um an die Macht zu kommen."

"Aftenposten" (Norwegen)

"Sowohl Putin als auch Erdogan sagen, die Tötung von Karlow sei eine 'Provokation', um die russisch-türkischen Beziehungen zu untergraben. Damit deuten sie an, dass ausländische Kräfte dahinterstehen. Regimefreundliche Kommentatoren in beiden Ländern spekulieren, dass westliche Länder ihre Finger im Spiel haben. Hier geht es darum, den Versuch, Propaganda zu betreiben, zu durchschauen. Sowohl Putin als auch Erdogan sind quasi-demokratische Führer, die meinen, sie seien oft unberechtigter Kritik aus dem Ausland ausgesetzt. Wenn sie nachweisen können, dass Karlow das Opfer einer vom Ausland gesteuerten Verschwörung ist, kann das ein Weg sein, sich gegen die Kritiker zu wehren."

"La Repubblica" (Italien)

"Erst vor zwei Wochen hat der Sprecher des IS es als Priorität bezeichnet, sich auf die Attentate zu konzentrieren, und den Westen gemahnt: "Erinnert euch an diese Worte." Und jetzt scheint die Bedrohung tödliche konkret zu werden. Innerhalb weniger Stunden gab es den Angriff auch auf Touristen in Jordanien, das Blutbad in Berlin, die Ermordung des russischen Botschafters in Ankara und eine Schießerei in Zürich, deren Hintergründe noch im Dunkeln liegen. Es ist schwierig auszumachen, ob die Angriffe unter gleicher Regie geführt wurden, aber wenigstens beim Massaker auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin scheint die Schablone klar, die die aggressive Vorgehensweise belegt: Es war dieselbe wie bei dem Blutbad in Nizza. (...) Der größte Fehler, den wir heute begehen können, ist, auf die Brutalität weniger mit der Diskriminierung zahlreicher hoffnungsloser Asylsuchender zu antworten. Schon seit 15 Jahren wiederholen wir, dass dieser Krieg auch ein Krieg der Kulturen ist, in der lediglich die Verteidigung unserer Werte der Demokratie, des Respekts und der Solidarität eine Barriere gegen den Terror bauen kann."

"Rzeczpospolita" (Polen)

"Der sogenannte Islamische Staat, der in Irak, Syrien und Libyen verliert, muss schnell eine neue Kampffront schaffen, um neue Sympathisanten zu rekrutieren. Es wäre logisch, wenn Russland und der Iran als Feinde angesehen würden. Die beiden Mächte sind heute am meisten in den Umbau des Nahen Ostens engagiert. (...) Doch die sich mehrenden Anschläge in der EU zeigen, dass der IS den Krieg hierher verlegen will. Diese Strategie hat nur wenig mit der letztjährigen Flüchtlingswelle zu tun. Es geht eher um die Unfähigkeit der EU-Länder, gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen. Europa fehlt die gemeinsame Armee und Außenpolitik, es kann nicht einmal einen integrierten Geheimdienst und ein Grenzkontrollsystem aufbauen. Noch ist es dem IS nicht gelungen, einen offenen Konflikt zwischen muslimischen Minderheiten und dem Rest der Gesellschaft auszulösen. Doch die wachsende Unterstützung nationaler Populisten ist in großem Maße Schuld des IS. Wenn diese an die Macht kommen, und es zum Zusammenstoß von Islam und Christentum kommt, wird der Fall von Rakka und Mossul für den IS nur eine vorübergehende Niederlage sein."

"De Tijd" (Belgien)

"Für Merkel ist der Terroranschlag eine Heimsuchung. Ihre Gegner - vor allem die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) - dürften ihn in zehn Monaten bei den Bundestagswahlen ausschlachten. Von "Merkels Toten" war schon in einer ersten Reaktion des AfD-Lagers die Rede. Unvermeidlich wird die Debatte über das Herangehen an die Flüchtlingskrise wieder hohe Wellen schlagen. (...) Dieser Anschlag ist für Deutschland ein Wendepunkt, so wie es die Anschläge vom 22. März für Belgien waren. Die politischen  Folgen sind noch nicht vollständig absehbar, doch ganz sicher wird dieses Unheil politisch benutzt und auch missbraucht werden. Bereits als Merkel am 19. November bekanntgab, dass sie für eine vierte Amtszeit kandidiert, wurde gesagt, dass diese Wahlen für sie wohl die mit Abstand schwierigsten sein werden. Die Prophezeiung scheint wahr zu werden. Der Umgang mit diesem Anschlag und das weitere Vorgehen werden das Urteil der deutschen Wähler im September 2017 stark beeinflussen. Die hellsichtige Kanzlerin weiß das." 

"Magyar Idök" (Ungarn)

"Seit Jahren läutet in Europa der Wecker ohne Unterlass. Aufwachen, alter Kontinent, alte Bevölkerung! Der grüne und reiche Traumstaat der (ideell) Ausgebrannten, der an nichts Glaubenden, der Kinderlosen wird nicht ewig so bleiben können. Da draußen ist eine ganz andere Welt und gewiss, sie wird hierherkommen! Du musst was tun, wenn du das nicht haben willst. (...) In bestimmten westeuropäischen Ländern sind die Werte allzu sehr in die Schieflage geraten. Die politische Korrektheit überschreibt das menschliche Leben. Auf die nüchterne Vernunft hören, gilt schon als Populismus. (...) Der gegenwärtigen EU fehlt der Dynamismus, um auf die Bedrohungslagen und Angriffe schnell und entschieden zu reagieren. Denn jeder ist höchstens vier Jahre an der Regierung. In dieser Zeit soll was geboten werden, aber für das europäische Allgemeinwohl bleibt keine Zeit. (...) Niemand hat eine Vision, was wir tun wollen, um das uns überantwortete Traumland und die dort lebenden Hunderten Millionen zu verteidigen. (...) Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass nun Deutschland oder Europa aufwachen würde. Beide sind fatalerweise zu behäbig und fettleibig geworden, um den Weckruf zu hören."

fin / DPA