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10 Jahre nach Mord: Filmemacher findet verräterischen Schriftzug im Fall Michèle Kiesewetter

Vor zehn Jahren wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet, seit 2011 glaubt man, dass der NSU dahinter steckt. Vieles an dem Fall ist rätselhaft - unter anderem ein Schriftzug, den ein Filmemacher nun auf Archivaufnahmen entdeckt hat.

Dieser Schriftzug am Tatort soll einem Filmemacher aufgefallen sein

Dieser Schriftzug am Tatort soll einem Filmemacher aufgefallen sein

Warum musste die junge Polizistin Michèle Kiesewetter sterben? "Wenn ich das nur wüsste", antwortet auch zehn Jahre nach der Bluttat auf der Heilbronner Theresienwiese einer, der sich intensiv mit dem Fall beschäftigt hat: Für den Vorsitzenden des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags, Clemens Binninger (CDU), sind noch immer viele Fragen ungeklärt. "Es gibt da keine Gewissheiten in diesem Fall." 

Unmittelbar vor der Gedenkfeier für Kiesewetter gibt ein inzwischen übermalter Schriftzug mit den Buchstaben NSU weitere Rätsel auf. Die Bundesanwaltschaft prüft eine TV-Aufnahme von einem Graffito am Tatort, die zwei Tage nach den tödlichen Schüssen auf Kiesewetter entstanden sein soll. Sie zeigt einen "NSU"-Schriftzug auf einer Mauer. Laut der "Bild"-Zeitung hat Filmemacher Clemens Riha die drei in schwarzer Farbe auf eine Wand geschriebenen Buchstaben beim Sichten von Archivmaterial des SWR identifiziert. Riha ist für die ARD-Dokumentation "Tod einer Polizistin - das kurze Leben der Michèle Kiesewetter" verantwortlich, die am Montagabend ausgestrahlt werden sollte. Ein Sprecher des Generalbundesanwalts in Karlsruhe sagte, der Medienbericht sei bekannt: "Wir werden dem noch nachgehen". 

Wäre der Schriftzug tatsächlich kurz nach der Bluttat als eine Art Bekennersignatur angebracht und von den Ermittlern übersehen worden, würde es sich um einen weiteren Baustein in der Serie von Pannen rund um die NSU-Verbrechen handeln. Auch der Landtags-Untersuchungsausschuss in Stuttgart will sich mit dem Schriftzug befassen. Der Grünen-Obmann im Ausschuss, Jürgen Filius, sagte: "Wir wollen insbesondere der Frage nachgehen, warum die Ermittler nach dem Auffliegen des Terror-Trios 2011 bei der Suche nach NSU-Bezügen auf das Graffiti nicht aufmerksam wurden." Es sei zu klären, ob vergleichbare Schriftzüge auch in der Umgebung anderer Tatorte aufgefallen seien.

War Michèle Kiesewetter ein Zufallsopfer?

Noch immer unklar ist, ob der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) Kiesewetter als Zufallsopfer und Repräsentantin des Staates umgebracht hat. Diese These des Generalbundesanwalts zieht Binninger in Zweifel. Es spreche vieles dafür, dass die Beamtin gezielt ermordet wurde. "Die Zusammenhänge, Zeitabläufe und andere Details sind so außergewöhnlich, dass ich nicht mehr an Zufall glauben kann." Es gibt bis heute allerdings keine konkreten Anhaltspunkte für persönliche Beziehungen zwischen den Tätern und dem Opfer, die alle aus Thüringen stammen.

Jedoch ist es für die Chefin des Thüringer NSU-Ausschusses, Dorothea Marx (SPD), offenkundig, dass Kiesewetter und ihr bei der Thüringer Polizei tätiger Onkel bei Ermittlungen eingesetzt waren, die über das Milieu organisierter Kriminalität Verbindungen zur Neonazi-Szene und nach Baden-Württemberg aufwiesen. Nach Überzeugung von Marx wird die Aufklärung der NSU-Verbrechen "immer noch und immer wieder von Behörden und Verantwortlichen torpediert". 

Warum haben sich die Täter für Heilbronn entschieden?

Kiesewetter, Beamtin der Böblinger Bereitschaftspolizei, hatte sich nach einem Besuch in der Heimat für den 25. April 2007 eigentlich frei nehmen wollen. Wenige Tage zuvor entschied sie jedoch, sich für den Dienst in Heilbronn zu melden. Während der Mittagspause im Streifenwagen auf der dortigen Theresienwiese wurde sie aus nächster Nähe erschossen. Ihr Kollege erhielt ebenfalls einen Kopfschuss, überlebte die Attacke aber. An die Tat kann er sich nicht erinnern. 

Zu den Merkwürdigkeiten zählt für Binninger, dass die Täter sich in Zwickau entschieden haben, mit einem Wohnmobil nach Heilbronn zu fahren, um zwei Polizisten auf der Theresienwiese umzubringen - zumal die örtliche Polizei dort nie Pause macht. Zu diesem Zeitpunkt liefen auf dem Gelände überdies Vorbereitungen für ein Fest. "Es gibt 230.000 Polizisten in Deutschland und die Täter landen ausgerechnet bei dieser Streife in Heilbronn?", fragt er.

Dienstpistolen im ausgebrannten Wohnmobil entdeckt

Für den Chef des Stuttgarter Untersuchungsausschusses, Wolfgang Drexler, ist es wichtig, die rechtsextremistische Szene in Heilbronn und im ganzen nordwürttembergischen Raum zu beleuchten. Mehr als 30 Kontakte - Treffen, Briefe, Telefonate - vor allem in den Raum Ludwigsburg seien belegt. 

Dass die Heilbronner Bluttat zur Serie von Morden des NSU an neun Migranten gehört, stellte sich erst 2011 heraus. Am 7. November jenes Jahres teilte das Landeskriminalamt Baden-Württemberg mit, dass die Dienstpistolen der Polizistin und ihres Kollegen in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach entdeckt wurden, das die Rechtsextremisten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gemietet hatten. Zuvor hatten Ermittler auf Basis einer am Dienstwagen gefundenen DNA-Spur eine vermeintliche Serientäterin gejagt. Die "Frau ohne Gesicht" entpuppte sich 2009 als Mitarbeiterin eines Produzenten von Wattestäbchen, die Ermittler bei der Spurensuche nutzen. Im Gegensatz zu ihr hinterließen Mundlos und Böhnhardt am Tatort keine DNA-Spuren.

Wem gehören die DNA-Spuren?

Für Binninger (Wahlkreis Böblingen) ist das unverständlich. Beide Täter müssen ihm zufolge mit ihren blutenden Opfern Körperkontakt gehabt haben. Ihre Hautschuppen, Schweiß oder Speichel hätten gefunden werden müssen, ist er überzeugt. Stattdessen seien auf dem Rücken des schwer verletzten Mannes zwei DNA-Spuren gefunden worden, die bis heute nicht zugeordnet werden können. Nicht nur deshalb geht er von mehr als zwei Tätern vor Ort aus. Zeugen wollen zwei blutverschmierte Männer in der Nähe des Tatortes gesehen haben.

Wird es je volle Aufklärung geben? Binninger ist skeptisch. Eventuell brächten die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft gegen unbekannt neue Erkenntnisse. Dass Zschäpe das Rätsel um den Polizistinnenmord löst, sei unwahrscheinlich: "Da erwarte ich nichts mehr."

Julia Giertz / DPA