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"Kontraste"-Reportage: Wie kriminelle Großfamilien ihre Geschäfte in Deutschland betreiben

Ihr Geschäft sind Drogen, Raub, Schutzgelderpressung, Mord: Kriminelle Familien-Clans sind längst ein Teil der Organisierten Kriminalität in Deutschland. Das TV-Magazin "Kontraste" liefert in einer Reportage interessante Einblicke.

"Kontraste"-Reportage: Wie kriminelle Großfamilien ihre Geschäfte in Deutschland betreiben

Großfamilie Omeirat und Rapper in der Dortmunder Nordstadt - aus der "Kontraste"-Reportage "Die Clans - Wie arabische Großfamilien in Deutschland herrschen"

Sie kamen ab Mitte der Achtziger als Flüchtlinge vor dem libanesischen Bürgerkrieg nach – jetzt leben sie in einer Parallelwelt aus Ehre, Verbrechen und Gewalt. Arabische Großfamilien beherrschen in Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ganze Straßenzüge und Stadtviertel. Ihr Geschäft sind Drogen, Raub, Schutzgelderpressung, Mord - überhaupt alles, mit dem sich illegal gutes Geld verdienen lässt. Lange haben Politik und Polizei tatenlos zugeschaut und die Krake wachsen lassen. Jetzt ändert sich das, der Staat beginnt sich zu wehren.

Dem Phänomen der Organisierten Kriminalität widmete das Politmagazin " " eine halbstündige Reportage, die am Donnerstagabend ausgestrahlt wurde und weiterhin in der Mediathek abrufbar ist. Sie liefert erhellende wie erschreckende Einblicke in eine Welt, die vollkommen nach eigenen Regeln funktioniert. Viel von dem, was man erfährt, ist bekannt, doch so anschaulich sah man es selten.

Berlin-Neukölln im Visier der Familien-Clans

Am stärksten sind die arabischen Großfamilien in Berlin-Neukölln vertreten, rund tausend Personen zählt man im Stadtteil rund um die Sonnenallee dazu. Dort befindet sich der Frisörladen, dessen Besitzer den Mut hatte, die zu rufen, nachdem ein Trupp aus 20 Mann mit Äxten und Messern bewaffnet seinen Laden überfallen hatte. Er streitet vor der Kamera ab, dass der Überfall etwas mit Schutzgelderpressung zu tun hatte: "Nein, Schutzgeld. Schutzgeld nicht", sagt er mehrfach und schüttelt langsam den Kopf. Aber die Reporter berichten, was man nur "unter der Hand" in der Gegend erzählt: Zahlreiche Geschäfte in Neukölln zahlen Schutzgeld. Der Frisör fügt hinzu: Er wünsche sich, dass die deutsche Polizei schneller und wirksamer arbeite. Er sähe die Jungs, die den Laden überfallen hätten, jeden Tag auf der Straße.

Neben dem Frisör, dessen Schicksal zu Beginn des Filmes geschildert wird, hat das "Kontraste"-Team mit zahlreichen Akteuren in Deutschland gesprochen: Vor allem mit Mitgliedern von Großfamilien, aber auch mit Staatsanwälten und Beamten. Der Film zeigt zudem kurze Rückblicke auf spektakuläre Raubüberfälle und brutale Morde, um das kriminelle Ausmaß der arabischen und kurdischen Mafia zu verdeutlichen. So entsteht ein eindrucksvolles Panorama des .

Einer der Zeugen, die einen kleinen Einblick in das Innenleben einer geben, ist der Rapper Khaled Miri aus Neukölln. Die Miris sind eine der größten Familien in Deutschland. Der junge Mann mit Bart und Sonnenbrille erzählt zum Beispiel: "Wir wollen den Reichtum haben, den andere haben. Wir wollen die Anerkennung haben, die andere haben". Im Mittelpunkt stehe immer die Familie. Sie bedeute alles, sicherlich auch, weil sie als Geschäftsmodell so erfolgreich ist. Welche Geschäfte das sind, sagt er selbstverständlich nicht, nur über eine Geschäftsfeld gibt er Auskunft, dass in jüngster Zeit dazugekommen ist: die Rap-Musik. Es gebe in Deutschland keinen Rapper, der nicht mit einem Clan verbandelt sei, behauptet Khaled Miri.

Ein Fußballspiel macht deutlich, wie weit die Clan-Kriminalität in die Provinz gesickert ist

Die Reporter spüren den Clans auch an den anderen Standorten nach. Die Dortmunder Nordstadt ist so ein Revier. Hier beherrschen sie den Kokainhandel. Einer der Akteure ist Walid Omeirat. Womit genau er sein Geld verdient, sagt er nicht in die Kamera. Seine muskelbepackten, tätowierten "Partner" stellt er dennoch mit einem gewissen Stolz vor.

Omeirat sponsert ein Kreisliga-Fußball-Team in Oer-Ekenschwick - die Reporter fangen Szenen eines Spiels ein, in dem der Schiedsrichter sich nicht traut, den Kapitän der Erkenschwicker vom Platz zu stellen, obwohl der einem am Boden liegenden Gegenspieler einen Schlag auf den Hinterkopf versetzt hat. "Zehn Spiele, zehn Siege", sagt der Erkenschwicker Kapitän danach. Die Szene macht eindrucksvoll deutlich, wie weit die Clan-Kriminalität in die Provinz gesickert ist.

Interne Konflikte regeln die Großfamilien meist durch einen Friedensrichter, der vor der Kamera bereitwillig über sein Rechtsverständnis plaudert. Der Mann prahlt, Konflikte zu lösen, in denen "ein, zwei Leichen“ auftauchen - und zwar bedeutend schneller, als es die deutsche Polizei könnte. Deutschland brauche ihn, weil er als eine Art Richter für Ruhe sorge. Laut "Kontraste" geht es um rund zehntausend Menschen, die zu den Großfamilien gehören.

Deutschland stellt seine Strategie um

Spannend ist, was die Reporter über die Herkunft vieler Großfamilien herausgefunden haben, die oft als libanesisch bezeichneten werden. Meist war der Libanon nur eine Zwischenstation, ihre Wurzeln haben sie unter anderem in dem Dorf Rajdiye in der türkischen Provinz Mardin, wo sie zur arabischen Minderheit gehören: "Allah sei Dank hat sich unsere Situation über unsere Kinder in Bremen deutlich verbessert. Sie besitzen jetzt einige Hotels hier, und ich bekomme bei meinen Besuchen in Deutschland ein Gehalt, das sich Sozialhilfe nennt", erzählt ein Dorfältester.

Die Reportage begnügt sich nicht damit, den Verbrechen der Clans nachzuspüren. Sie zeigt auch, wie der Staat seine Strategie im Kampf gegen diese Form der Organisierten Kriminalität umgestellt hat. Denn die Familien vernetzen sich bundesweit: "Wir stellen schon fest, dass es Verbindungen gibt zwischen den Familien, innerhalb der Länder, dass man sich austauscht, dass man sich besucht, dass man Geschäftsinteressen austauscht“, sagt ein Staatsanwalt aus NRW. In dem größten Bundesland setzt man deswegen auf eine Null-Toleranz-Strategie. Mit scharfen Kontrollen und Razzien werden die Familien massiv unter Druck gesetzt.  

In Berlin gelang der Staatsanwältin Susann Wettley ein großer Schlag gegen die Großfamilie Al Z. Z., die für den spektakulären Überfall auf das KaDeWe im Jahr 2014 verantwortlich zeichnete. Wettley beklagt den Umstand, dass die Justiz oft das falsche Signal sende: "Wir merken schon, dass wir vielfach nicht ernst genommen werden, was auch einfach daran liegt, dass wir schon Probleme im System haben. (…) Sie bekommen, gerade wenn sie unter 21 Jahren sind, relativ milde Strafen, und dann landen sie häufig im offenen Vollzug."

Was der "Kontraste"-Reportage fehlt

Tatsache ist: Die deutsche Justiz wird nicht ernst genommen. Außerdem fühlen sich die Clans unangreifbar, weil Zeugen oft Angst bekommen und still halten. Allein der böse Ruf reicht häufig aus, um die Leute einzuschüchtern. Auch hier funktioniert das Mafia-System perfekt.

Was der Reportage fehlt, ist ein Hinweis auf die Ursachen für die Entwicklung. Die Menschen, die ab Mitte Achtziger Jahre nach Deutschland kamen, erhielten kein Bleiberecht, weil der Libanon sie nicht als Staatsbürger betrachtete. Deswegen erhielten in Deutschland zunächst kein Bleiberecht und keine Arbeitserlaubnis. So trug der Staat dazu bei, dass sich abgeschottete Strukturen bildeten. Für den Kampf gegen die kriminellen Clans hat das jedoch keine Bedeutung mehr.