HOME

Anschlag auf Mallorca: "Wir haben eine Zäsur erlebt"

Der Bombenanschlag auf die Guardia Civil in Mallorca ist ein traumatisches Ereignis für die Inselbewohner. Hans Freiherr von Rotenhan, Spanienkenner und seit 31 Jahren auf Mallorca, erzählt im stern.de-Interview, wie schwer die Mallorquiner getroffen sind. Ihr lange sicher geglaubtes Inselparadies ist keines mehr.

Herr von Rotenhan, die Insel steht unter Schock, seit gestern eine Bombe explodierte. Wie empfinden Sie die Situation?

Vor 18 Jahren, auf den Tag genau, gab es schon einmal einen Anschlag. Damals ging in der Innenstadt von Palma eine Bombe hoch, eine Frau erlitt Brandwunden. Im August 1995 wurden zwei Eta-Mitglieder festgenommen, weil sie ein Attentat auf den König verüben wollten. Und 2004 wurde wieder ein Eta-Mitglied verhaftet. Der Mann hatte sich in einem Appartement am Hafen eingemietet. Der Anschlag wurde nicht ausgeführt, weil eine Tatwaffe nicht rechtzeitig eintraf. So sagt es zumindest die Polizei.

Haben Sie mit einem solchen Anschlag gerechnet?

Wir waren daran gewöhnt, dass hier nie etwas passiert. Mallorca hatte in den vergangenen Jahren immer vom Unglück anderer Ferienziele profitiert. Die Anschläge in Tunis und Ägypten, Waldbrände in Griechenland, Unwetter in Südfrankreich und fundamentalistische Politik in der Türkei: Mallorca war immer die sichere Alternative, wenn es anderswo Probleme gab.

Glauben Sie, dass Mallorca nun ernsthafte Probleme bekommt?

Ich will es nicht hoffen, aber es könnte sein. In diesem Jahr kommen drei Dinge zusammen: ein starker Rückgang des Tourismus, die Schweinegrippe und jetzt der nationale Terrorismus. Den hatten wir immer aus der Ferne beobachtet, aber nie daran gedacht, dass es uns treffen könnte.

Warum?

Wir dachten, es ist schwer herzukommen und noch schwerer wegzukommen. Alle hier, selbst die Sicherheitsbehörden, gingen davon aus, dass der logistische Aufwand und das Risiko zu hoch seien. Zumal dann, wenn das Dasein der königlichen Familie einen erhöhten Polizeieinsatz mit sich bringt. Die Königin ist schon eine Woche da, man hat sie schon mehrmals beim Einkaufen gesehen. Der Rest der Familie soll heute kommen. Ausgerechnet heute, am 50. Jahrestag der Gründung der baskischen Untergrundbewegung Eta.

Denken Sie, dieser Anschlag galt auch dem König?

Irgendwo schon, der Tatort liegt sieben Kilometer von der Sommerresidenz des Königs entfernt. Der Aufenthalt der königlichen Familie bedeutet jedes Jahr das gesellschaftliche Großereignis, dem fiebern zumindest die Presse und die Tourismusindustrie entgegen. Es gibt ja keinen besseren Werbeträger für die Insel: Der König kommt hierher, und geht nicht etwa auf die Kanaren. Oder nach Marbella.

Wenn die Insel in diesen Tagen so gesichert sein soll. Wie konnte es dann zu diesem Attentat kommen?

Die Sicherheitsvorkehrungen der königlichen Famillie obliegen der Policia Nacional. Das ist die Nationalpolizei. Die Guardia Civil, deren Beamte gestern getötet wurden, ist für die Sicherheit außerhalb der Städte zuständig. Die Polizeistation der Guardia Civil in Palma Nova, wo jetzt der Anschlag geschah, wird gerade umgebaut. Und deshalb mussten die Autos wohl auf der Straße abgestellt werden. Offensichtlich fühlten sich die Beamten so sicher, dass sie nicht kontrollierten, ob unter den Autos Bomben angebracht waren. Das ist sonst, auf dem Festland, Standard. Das Tragische ist: Das Auto war gestern Vormittag ja schon mal bewegt worden, damit wurde Patrouille gefahren. Man geht davon aus, dass der Sprengsatz am Mittwochabend unter dem Auto angebracht worden ist.

Und dann ferngezündet wurde?

Ich glaube es fast nicht. Es ist anzunehmen, dass die Terroristen im Moment des Anschlages schon gar nicht mehr auf der Insel waren. Die Zündung des Sprengsatzes war offensichtlich an den Anlasser des Autos gekoppelt. Das bedeutet: Als der Wagen am Morgen zum ersten Mal bewegt worden war, hat der Zündmechanismus offenbar nicht funktioniert. Und nun sind ein 27 und ein 28 Jahre alter Polizeibeamter tot. Das Tragische ist, dass der Jüngere, Diego Salva Lezaun, erst vor wenigen Tagen wieder seinen Dienst angetreten hatte. Er hatte vor Monaten einen schweren Motorradunfall und das nachfolgende Koma überlebt. Der Mann ist übrigens der Sohn eines berühmten Urologen hier in Palma.

Wie fühlen Sie sich jetzt, wo das Undenkbare geschehen ist?

Wir haben nie gewagt, dies zu denken. Dass es der Eta offensichtlich möglich ist, auf den Inseln zuzuschlagen. Wir haben nun hier auch so ein Gefühl, wie wir es sonst nur kennen, wenn wir nach Madrid kommen: Jederzeit kann eine Bombe hochgehen.

Was sagen Ihre Freunde und Mitarbeiter?

Meine Sekretärin hat heute morgen gesagt, wir müssen von der Insel weggehen. Mein Bankdirektor sagte, wir müssen uns an den Terror gewöhnen, der sei nun Realität. Ich kenne zwei baskische Anwälte in Palma, die haben immer erzählt, es ist so gut, aus dem Haus zu gehen, ohne nach rechts und links schauen zu müssen. Ein Freund aus Peru, der an den Terror dort gewohnt war, ist jetzt auch wie vor den Kopf geschlagen. Die Unschuld ist vorbei. Aber es ist jetzt eigentlich noch viel zu früh, sich festzulegen, was die Wirkung dieses Attentates ist.

Was will die Eta?

Die Basken sind das älteste Volk Europas. Ihre Sprache ist mit keiner europäischen Sprache verwandt. Aber bis in die Zeit des Romantizismus, im vorletzten Jahrhundert, als sich in Europa der Nationalismus etablierte, gab es kein besonderes baskisches Nationalgefühl. Der baskische Nationalismus wurde von einem Mann namens Sabino Aranda Ende des 19.Jahrhunderts initiiert. Er war Lehrer und Mitbegründer der baskischen Nationalpartei PNV. Diese Partei stellte bis vor einem halben Jahr den Ministerpräsidenten des Baskenlandes. Und deren Funktionäre sagen bis heute: "Die Eta-Leute sind unsere verirrten Brüder".

Wir hatten bis gestern den Eindruck, dass die spanische Regierung den Terrorismus so langsam in den Griff bekommt...

...richtig. Einige aus dem Führungskader waren in den letzten Monaten festgenommen worden. Ministerpräsident Zapatero rühmt sich gerade dieser Erfolge. Aber man darf nicht vergessen, dass die Eta heute noch bei den regionalen nationalistischen Bewegungen Spaniens, mit einer gewissen Sympathie rechnen kann. Sie wird von vielen Spaniern noch immer als Anti-Franco-Bewegung gesehen. Aber Franco ist vorbei.

Bedeutet dies, dass dieses Attentat bei vielen Spaniern eine klammheimliche Freude auslöst?

Ja, ich glaube das. Weil der Nationalismus in Spanien nicht als eine landesübergreifende Bewegung angesehen wird. Die Spanier sehen sich als Land der Nationen, als Basken, Katalanen, Galizier, Andalusier, als Mallorquiner. Wenn man das Land von Madrid aus anschaut, dann ist Spanien eine Einheit. Wenn man aber von Barcelona oder Bilbao guckt, wird die Situation als Zwangsehe empfunden.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Nationalisten?

Auf etwa 20 Prozent, im Baskenland, in Katalonien, in Galizien, hier auf Mallorca. Über Spanien verteilt, sind das mindestens zwei Millionen Menschen. Das ist eine andere Basis, als die vergleichsweise wenigen sogenannten Symphatisanten, als in Deutschland die RAF bombte. Diese Dimension wird in der Bundesrepublik total verkannt.

Wie macht sich diese Symphatie im Alltagsgeschehen bemerkbar?

Es wurde, zum Beispiel, noch keine Attentat verübt gegen die autonome Polizei des Baskenlands, gegen die autonome Polizei Kataloniens. Man muss sich mal vorstellen: Als Carod-Rovira, der Chef der Republikanischen Nationalistischen Partei Kataloniens, vor cirka acht Jahren in die autonome Regierung Kataloniens eintrat, ist er kurz nach Amtsantritt ins benachbarte Perpignan gereist, um dort in Frankreich mit Vertretern der Eta ein Abkommen zu schliessen, damit deren Leute keine Attentate in Katalonien verüben. Unvorstellbar.

Und wir Deutschen denken, Mallorca sei schon so assimiliert, dass es als 17. Bundesland durchgeht...

Vonwegen. Die wenigsten Deutschen haben sich je mit der spanischen, geschweige der mallorquinischen Geschichte auseinandergesetzt. Muss man ja auch nicht. Aber klar ist: Wir haben gestern eine Zäsur erlebt. Es gibt jetzt ein Vorher und Nachher.

Interview: Nina Poelchau und Uli Hauser