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ISS in ernster Gefahr Aus Liebeskummer Loch in Raumfähre gebohrt? US-Astronautin droht Klage aus Russland

Astronautin Serena Auñón-Chancellor
Nasa-Astronautin Serena Auñón-Chancellor: Die russische Raumfahrtagentur beschuldigt sie, ein Loch in eine an die ISS angedockte Sojus-Kapsel gebohrt zu haben.
© Alexey Filippov / Picture Alliance
Es gibt nur wenige Dinge, die im All weniger ratsam sind als in das eigene Raumschiff ein Loch zu bohren. Trotzdem wirft die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos genau das einer US-Astronautin vor. Ihr droht nun sogar eine Klage.

Es ist ein Rätsel, das seit rund drei Jahren ungelöst ist. Wer bohrte Ende August 2018 ein Loch in eine russische Sojus-Raumkapsel, die an die Internationale Raumstation ISS angedockt war? Die russische Raumfahrtagentur Roskosmos will nun nach dreijähriger Untersuchung eine Schuldige ausgemacht haben: die Nasa-Astronautin Serena Auñón-Chancellor, die zur Zeit des Vorfalls Mitglied der ISS-Crew war – übrigens gemeinsam mit dem deutschen Esa-Astronauten Alexander Gerst. Roskosmos hat nach eigenen Angaben die Angelegenheit jetzt den Justizbehörden übergeben, plant also offenbar juristisch gegen die Amerikanerin vorzugehen.

Die Vorwürfe gegen Serena Auñón-Chancellor erreichen damit eine weitere Eskalationsstufe. Schon im August hatte die russische Raumfahrtagentur laut Berichten der amtlichen Nachrichtenagentur Tass die 45-Jährige als Urheberin des rund zwei Millimeter großen Lochs beschuldigt. Selbst ein so kleines Loch in einem Raumschiff ist im Weltall alles andere als eine Trivialität. Es führte zu einem Druckabfall in der gesamten ISS und löste eine fieberhafte Suche danach aus. Letzen Endes war für das provisorische Abdichten der Öffnung sogar ein Außenbordeinsatz zweier russischen Kosmonauten nötig. Hätte die Crew das Leck nicht abdichten können, hätte die ISS innerhalb von zwei Wochen die komplette Atemluft verloren, so dass die Astronaut:innen die Station vorzeitig hätten verlassen müssen. 

Gesamte ISS-Crew war in ernster Gefahr

Die gesamte Besatzung der Station befand sich durch das Leck in ernster Gefahr. Warum sollte ein Crew-Mitglied einen derartigen Sabotage-Akt begehen? Zumal es sich auf diese Weise selbst gefährdet? Die Antwort der russischen Ermittler: Nasa-Astronautin Auñón-Chancellor habe "akute psychische Probleme" gehabt, die in ihr den Wunsch ausgelöst hätten, möglichst rasch zur Erde zurückzukehren. Grund der Probleme sei eine Arm- und Schultergürtelthrombose gewesen, das sogenannte Paget-von-Schroetter-Syndrom. Tatsächlich war bei der Astronautin während ihres ISS-Aufenthalts dieses Syndrom aufgetreten. Populärer ist allerdings die Spekulation, die Astronautin habe sich nach einer unglücklichen Affäre mit einem Crewmitglied "Luft verschaffen" und den vorzeitigen Rückflug erzwingen wollen. Serena Auñón-Chancellor ist verheiratet und hat eine Stieftochter, über die angebliche Affäre wurde nichts Näheres bekannt.

Weitere Indizien sprechen nach Roskosmos-Lesart aber gegen die US-Amerikanerin. So seien insgesamt acht Bohrlöcher in der Sojus gefunden worden, nur eines sei durch die Bordwand gegangen. Typische Anzeichen dafür, dass die Arbeiten in der Schwerelosigkeit und daher ohne richtigen Halt durchgeführt worden seien. Außerdem wiesen diese Umstände darauf hin, dass jemand gebohrt habe, der mit der tragenden Struktur der Raumkapsel nicht vertraut war – ergo: kein russischer Kosmonaut.

Nasa steht hinter Serena Auñón-Chancellor

Von der Astronautin ist keine Stellungnahme zu den Vorfällen bekannt. Die Nasa aber stellte ich schon kurz nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe hinter Auñón-Chancellor und wies alle Vorwürfe zurück. "Serena ist ein äußerst angesehenes Besatzungsmitglied, das ihrem Land gedient und unschätzbare Beiträge für die Agentur [die Nasa, Anm. d. Red.] geleistet hat, äußerte sich die Nasa-Chefin für bemannte Raumfahrt, Kathy Lueders, seinerzeit vor Journalisten und auf Twitter. Sie und die Nasa stünden hinter der Astronautin und hätten keinerlei Zweifel an ihrem professionellen Verhalten. Die Vorwürfe seien unglaubwürdig. 

Mehr noch: Die ISS wird praktisch permanent von der Erde aus überwacht. Daher sei der Nasa bekannt, so heißt es offiziell, wo sich die US-Astronaut:innen an Bord aufgehalten hätten, bevor sich das Leck bemerkbar gemacht hätte. Aufnahmen der Überwachungskameras zeigten, dass keines der Nasa-Mitglieder auf der ISS in der Nähe des russischen Teils der Station gewesen sei, wo die Sojus angedockt war. Roskosmos hält dem entgegen, dass die Kamera, die den Übergang vom amerikanischen zum russischen Sektor überwache, just zum Zeitpunkt, zu dem die Sabotage begangen worden sein soll, nicht funktioniert habe.

Wird der Fall vor Gericht geklärt?

Gefährdete Serena Auñón-Chancellor wirklich aus Liebeskummer sich selbst und alle Crew-Kollegen an Bord der ISS? Ob die Frage tatsächlich vor Gericht geklärt werden wird, ist offen. Nachdem ein Mikrometeorit als Ursache für das Loch ausgeschlossen werden konnte, scheint die wahrscheinlichste Erklärung eigentlich zu sein, dass das mysteriöse Loch vor dem Start der Sojus auf der Erde entstanden ist – etwa durch eine Ungeschicklichkeit eines russischen Monteurs, der das Loch dann notdürftig für den Flug abdichtete. Roskosmos war diesem Verdacht nach eigenen Angaben nachgegangen, hatte diese Möglichkeit später aber verworfen. Die Sojus hätte in einem solchen Zustand die üblichen Tests nicht überstanden, hieß es via Tass. Die genauen Untersuchungsergebnisse machte Roskosmos aber nicht bekannt.

Der Zwist weitet sich zu einem Zeitpunkt aus, in dem die Unstimmigkeiten zwischen den USA und Russland auf der Erde zunehmen, auch das Verhältnis der beiden Raumfahrtbehörden ist zuletzt angespannter geworden – nicht zuletzt durch die Zerstörung eines russischen Satelliten im Erdorbit, dessen Trümmer wenig später die ISS gefährdeten. Wenn sich Nasa-Chef Bill Nelson und Roskosmos-Boss Dmitri Rogozin, wie geplant, in kommenden Jahr persönlich in Moskau treffen, werden sie einiges zu bereden haben.

Quellen: Ria Novosti, Tass, Space.com, Futurezone, "Daily Telegraph", , Twitter Bill Nelson


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