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Hurrikan-Berichterstattung: "Sandy" Superstar

Wenn eine Mega-City wie New York von einer Katastrophe bedroht ist, schaut alle Welt hin. Droht vergleichbares Unheil einem unbekannteren Ort, wird kaum darüber berichtet. Der Tunnelblick des Westens.

Ein Kommentar von Frank Ochmann

Es kam wie befürchtet. Mit Windgeschwindigkeiten von zeitweise über 200 Kilometern pro Stunde wurden meterhohe Wellen aufgepeitscht und brachen ins Land ein. Hunderttausende Menschen flohen oder hatten zuvor schon die gefährdeten Gebiete verlassen müsen. Tote und Verletzte sind dennoch zu beklagen. Die Besatzungen von mehr als 1000 Schiffen gerieten in Seenot. Dutzende Flüge und vieler Orts auch die Stromversorgung fielen aus. Allein von Orkanböen wurden Tausende Häuser demoliert. Schließlich hielten auch manche Deiche dem immensen Druck von See her nicht mehr stand.

Wie hoch der entstandene Schaden ist, lässt sich so kurz nach der Katastrophe noch nicht beziffern. Seit 2005 hat in der Region jedenfalls kein Sturm schlimmer gewütet. "Son Tinh" heißt er und war auf seinem Höhepunkt ein Taifun der Stufe drei. Nach schweren Verwüstungen auf den Philippinen suchte er vergangenen Sonntag und Montag Vietnam heim, später südliche Teile Chinas. Doch von diesem Desaster hat bei uns kaum jemand etwas mitbekommen. Denn als Wind und Wellen mit voller Wucht die Küste am Golf von Tonkin trafen, war schon fast die gesamte Aufmerksamkeit in den Medien auf die Sandsackbarrieren in Manhattan gerichtet. Die waren zwar noch trocken. Doch "Sandy" war eben ein wirklicher Star unter den Stürmen und "Son Tinh" nur ein Nobody.

Als New York nach einigen Stunden das Schlimmste hinter sich hatte, trat Bürgermeister Michael Bloomberg vor die Mikrofone und gab weitgehend Entwarnung. Ein, zwei Tage werde die Stadt brauchen, um sich einigermaßen zu erholen, sagte er. Vielleicht auch bis zum Wochenende. Doch dem einen oder anderen Korrespondenten war das nicht Katastrophe genug, als er sich eine Straße suchte, in der er bei der nächsten Live-Schalte mindestens bis zu den Knien im Wasser stehen konnte. Was sich am Morgen danach in der Stadt zeige, wirke womöglich erstaunlich ruhig und gar nicht so schlimm, sagte ein Reporter fast entschuldigend im deutschen Fernsehen. So seien sie halt, die coolen New Yorker. Das wahre Ausmaß der Schäden sei so aber nicht zu erfassen. Wochen, wenn nicht Monate werde es ganz sicher dauern, um alles aufzuräumen.

Die Welt im Tunnelblick

Auch ich habe seit dem Wochenende beim Thema Sturm vor allem Richtung Manhattan geschaut und nicht nach Vietnam. Denn anders als etwa Nam Dinh City kenne ich New York City von eigenen Besuchen. Und dort oder in der Nähe leben Menschen, an deren Wohlergehen mir persönlich liegt. Kolleginnen und Kollegen vor allem, Deutsche wie Amerikaner. Aber kann das rechtfertigen, das Maß zu verlieren und die Welt mit Tunnelblick wahrzunehmen? Darf die Produktion von Stresshormonen über die Medien gesteigert werden, als hinge mindestens der mittelfristige Fortgang der Welt vom Wasserstand in Battery Park ab?

Doch genau so werden künstliche Aufgeregtheiten für ein warm und trocken sitzendes Publikum inszeniert. Und reicht dann das reale Elend im harten Wettbewerb der Bilder nicht mehr aus und war der "Supersturm" zwar schlimm, aber doch nicht so imposant wie in den Tagen zuvor mit Eifer prophezeit, kann als emotionaler Verstärker immer noch der Klimawandel dazugeschaltet werden. Wer sich also schon entspannt, soll wenigstens bei der Androhung kommenden Unheils erzittern. Dass sich das nach einigen klimatischen Modellrechnungen womöglich gerade durch ein Ausbleiben saisonaler Stürme ankündigt, spielt keine Rolle, ist akademische Haarspalterei, nicht das bevorzugte, möglichst leicht verdauliche Hirnfutter für die Massen.

Mit Journalismus hat das selbstverständlich nicht mehr viel zu tun, was bedauerlich, wenn nicht ärgerlich ist. Im schlimmeren Fall bedient diese Art von Berichterstattung aber auch noch jene Katastrophen-Voyeure, die auf der Autobahn in die Bremsen steigen, weil sie nicht verpassen wollen, wie nach einem Unfall auf der Gegenfahrbahn die Leichen weggetragen werden. Und dann wird es widerlich.