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Myanmar: Katastrophe nach der Katastrophe

Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) und John M. Powell, stellvertretender Exekutivdirektor des UN-Welternährungsprogramms (WFP), haben vor einer drohenden humanitären Katastrophe in Myanmar gewarnt. Komme es nicht bald zu einer Einigung mit der Junta, seien bis zu 1,9 Millionen Menschenleben in Gefahr.

Von Nana Gerritzen

Auch eine Woche nach dem verheerenden Wirbelsturm "Nargis", der mindestens 80.000 Menschen das Leben gekostet hat, behindert die Militärregierung in Myanmar die Arbeit der internationalen Hilfsorganisationen. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz im Bundesentwicklungsministerium drückten die Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) und John M. Powell, Vizechef des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen, ihre Sorge über die Lage in Myanmar aus.

"Wir gehen von 1,5 bis 1,9 Millionen unmittelbar gefährdeten Menschen aus, die dringend unsere Hilfe benötigen – nicht nur Essen, sondern auch sauberes Wasser und Medikamente", sagte Powell. Bisher sei es gelungen, drei Flugzeuge nach Rangun zu schicken. Diese hätten vor allem kalorienreiche Kekse und Reis an Bord gehabt.

Wenige Stunden nach der Pressekonferenz meldete das WFP am Freitagnachmittag, seine Hilfsflüge ausgesetzt zu haben. "Ja, das WFP setzt die Flüge aus", sagte der Birma-Direktor der UN-Organisation, Chris Kaye. Die von der Militärregierung auferlegten Beschränkungen seien nicht hinnehmbar. Das burmesische Außenministerium hatte am Freitag erklärt, es wolle Hilfslieferungen annehmen, aber keine Helfer ins Land lassen. Die Experten der Hilfsorganisation betonen aber, dass vor allem für die Organisation der Verteilung an die Bedürftigen professionelle Unterstützung unabdingbar sei.

"Humanitäre Hilfe in der Größenordnung, in der sie in Myanmar nötig ist, muss professionell organisiert werden", betonte auch Wieczorek-Zeul. Überlasse man die Verteilung der Militärregierung, sei zu befürchten, dass die Hilfe nicht überall dort ankomme, wo sie so dringend benötigt werde.

Die Bundesentwicklungsministerin forderte den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen auf, sich mit der Lage in Birma zu befassen. "Der UN-Sicherheitsrat muss seiner Verantwortung gerecht werden und eine politische Aufforderung an die Junta richten, damit eine Katastrophe nach der Katastrophe verhindert werden kann." Es sei elementar, dass die burmesische Militärjunta die helfenden Hände endlich ins Land lasse, damit dem verheerenden Sturm nicht eine weitere Katastrophe folge.

Nur gemeinsame Hilfe möglich

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte am Mittwoch einen entsprechenden Vorschlag Frankreichs abgelehnt. Man werde die Militärregierung nicht zwingen, zur Versorgung der Opfer des Zyklons internationale Hilfe ins Land zu lassen.

"Wir teilen die Sorge des deutschen Entwicklungsministeriums", sagte Powell. Es müsse sichergestellt werden, dass jedes Leben, das in Myanmar gerettet werden könne, auch tatsächlich gerettet werde. "Es wäre selbstverständlich eine Tragödie, wenn weitere Menschen sterben müssen, weil die Hilfsgüter nicht ins Land gelangen", so der WFP-Vize. Gleichzeitig betonte er aber, das WFP könne nicht gegen, sondern nur gemeinsam mit der Regierung in Rangun erfolgreiche Hilfe leisten.

In einem Exklusivgespräch mit stern.de sagte Powell, dass die Einrichtung einer Luftbrücke, wie vom US-Außenministerium vorgeschlagen, zwar eine Möglichkeit sei, ohne Zustimmung der burmesischen Regierung aber keine Lösung. "Die US-Regierung versucht mit allen Mitteln, zu verhindern, dass weitere Menschen sterben und darin unterstützen wir sie", sagte er. Ob es diplomatisch sinnvoll sei, sich über die Militärregierung hinwegzusetzen sei zu bezweifeln.

Ersten Schätzung zufolge koste ein effektives Hilfsprogramm für die bis 1,9 Millionen in Not geratenen Menschen etwa 106 Millionen Dollar, so Powell. Deutschland beteiligt sich zur Zeit mit zwei Millionen Euro. Zusätzlich zu der Million, die das Auswärtige Amt für humanitäre Hilfe bereitgestellt habe, gebe das Bundesentwicklungsministerium eine Million Euro Nothilfe, so Wieczorek-Zeul.

Die Entwicklungsministerin forderte die deutsche Bevölkerung auf, trotz der prekären Lage in Myanmar weiter für die Zyklon-Opfer zu spenden. Organisationen wie das WFP oder die Welthungerhilfe seien vor Ort und nutzten jeden Gelegenheit, um zu helfen. "Man darf die Menschen nicht dafür bestrafen, dass sie in einem Land leben, in dem seit Jahrzehnten eine Militärregierung herrscht."

  • Nana Gerritzen