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Neiße- und Spree-Flut: Brandenburg löst Katastrophenalarm aus

Die Neiße-Flut hat Brandenburg erreicht. Die Behörden des Landes lösten am Abend Katastrophenalarm aus. Erste Ortschaften wurden evakuiert. Sie sind besonders gefährdet. Ein veralteter Deich ist aufgeweicht, Wasser sickert bereits durch.

Die Flutwelle mit rasant steigenden Wasserständen an Neiße und Spree hat Brandenburg erreicht. Die Behörden lösten am Montagabend in den Landkreisen Spree-Neiße und in der Stadt Cottbus Katastrophenalarm aus, wie ein Sprecher des Landeskrisenstabes in Potsdam sagte. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) warnte, die Situation sei höchst angespannt. Als erste brandenburgische Orte wurden Klein Bademeusel, Pusack und Bahren evakuiert. Es handele sich um eine vorsorgliche Maßnahme, weil der vorgelagerte Deich entlang der Neiße brüchig geworden sei und bereits Wasser durchdringe, erklärte eine Sprecherin der Katastrophenschutzbehörde im Kreis Spree-Neiße.

Das rund 70 Einwohner zählende Klein Bademeusel ist ein Ortsteil der Stadt Forst. Der schützende Deich ist wie alle übrigen Dämme an Neiße und Spree alt und bisher nicht erneuert worden. In der betroffenen Region sind Feuerwehrleute damit beschäftigt, Sickerstellen abzudichten. Die Einsatzkräfte rechneten damit, dass sich das Hochwasser bei Klein Bademeusel bis zu sieben Stunden hält. Nach Angaben des Katastrophenschutzes lief dort die zunächst einzige Evakuierungsaktion. Binnen 12 bis 18 Stunden könnte das Hochwasser den Landkreis durchquert haben.

Talsperre kann Spree-Hochwasser aufnehmen

In Klein Bademeusel, Bahren und Pusack nördlich von Bad Muskau, wo das Unesco-Welterbe Fürst-Pückler-Park unter Wasser steht, sind etwa 100 Menschen von der Evakuierung betroffen, so die Behörden. Wegen einer Lücke im Deich an einem Flussabzweig sei vor allem in Pusack gefährdet, erläuterte Ministerpräsident Platzeck. In Guben 65 Kilometer flussabwärts sei ein Krankenhaus gefährdet. Auch dort seien die Behörden auf eine Evakuierung vorbereitet. Mittlerweile wurden Zehntausende Sandsäcke in der Region vorbereitet.

Auch an der in der sächsischen Oberlausitz entspringenden Spree erwarten die Fachleute eine Flut wie zuletzt vor fast 30 Jahren. Dort könne aber viel Wasser in der Talsperre Spremberg zwischengespeichert werden, sagte der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude. In den vergangenen Wochen war der Speicher wegen Bauarbeiten deutlich entleert worden. Der Stauraum kann jetzt helfen, Wasser nur dosiert in Richtung Spreewald abzugeben.

Spreewald schützt Berlin vor Hochwasser

Trotzdem werde in den kommenden Tagen mehr als das Zehnfache der derzeitigen Wassermenge die Spree hinab fließen, kündigte Freude an. Es sei damit zu rechnen, dass Felder und Gärten überflutet werden. Für Berlin sei allerdings nur ein geringer Anstieg des Pegels zu erwarten, weil zwischen Spremberg und der Hauptstadt der Spreewald wie ein natürlicher Speicher wirke. Dort könne viel Wasser ablaufen, zudem könne auch der Müggelsee im Südosten Berlins noch viel aufnehmen.

Entwarnung gaben die Experten auch für die Oder, wo die Neiße in Ratzdorf südlich von Eisenhüttenstadt einmündet. Der Fluss, der erst im Frühsommer über die Ufer getreten war, führe derzeit sehr wenig Wasser und könne viel aus der Neiße aufnehmen, hieß es.

Tillich will Informationsfluss untersuchen

Unterdessen legt der Freistaat Sachsen, wo der Katastrophenalarm am Abend in weiten Teilen des Landkreises Görlitz wieder aufgehoben wurde, für die Opfer des Hochwassers ein Darlehensprogramm im Umfang von 100 Millionen Euro auf. Das Kabinett will das noch an diesem Dienstag beschließen. Das kündigte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) am Montag nach einem Treffen mit seinen Ministerkollegen an. Der Regierungschef schätzte, dass sich die Schäden der am Samstag über Teile Sachsens hereingebrochenen Flut in einem dreistelligen Millionenbereich bewegen werden. Auch der Bund, andere Bundesländer und die Bahn hätten bereits ihre Unterstützung angeboten.

Tillich kündigte außerdem eine umfassende Untersuchung der Informationsketten nach dem Staudammbruch in Polen an. "Wir werden das aufklären", sagte er. Die Wassermassen hatten die Neiße innerhalb kürzester Zeit massiv und quasi ohne Vorwarnung anschwellen lassen, betroffen war vor allem das nahegelegene Görlitz. Die Behörden in Sachsen seien zunächst nur über eine erhöhte Abflussmenge aus der Talsperre, nicht aber über einen Dammbruch informiert worden, sagte der Regierungschef. Das habe Zeit gekostet.

Insgesamt gesehen hätten die Informationsketten gut funktioniert, jedoch habe man mit den extrem kurzen Vorlaufzeiten nicht immer und überall Schritt halten können. "Es ist nichts gut genug, um nicht noch besser gemacht zu werden", sagte Tillich.

dho/DPA/APN / DPA