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Sant’Egidio: Glaube. Liebe. Und Hoffnung

Sie sind so etwas wie das Fußvolk von Papst Franziskus und kämpfen seit 50 Jahren gegen Gleichgültigkeit. Die Laiengemeinschaft Sant’Egidio hat in Rom einen Ort erschaffen, in dem Menschen Frieden finden. Gerade in diesen Zeiten eine frohe Botschaft.

Sant'Egidio hilft oft unorthodox

Sant'Egidio hilft oft unorthodox - wie hier mit Feldbetten für Obdachlose in der Kirche San Callisto im römischen Stadtteil Trastevere

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Ja, in der Welt von heute tobt die Wut. In der Welt von heute tobt der Hass. Aber da ist dieser Mensch ganz in Weiß, er steht gebeugt, ein kleiner Mann, gebrechlich fast. Er spricht von Liebe. Der Mann steht am Altar in einer jahrtausendalten Kirche, wo Christen seit Menschengedenken den Sieg des Guten über das Böse feiern. Das, was sie frohe Botschaft nennen. Es ist Papst Franziskus, der da redet. In der Basilika di Santa Maria in Trastevere am Ufer des Tiber. Leise und eindringlich spricht er. Und auch von Revolution. Der menschlichen Gabe, "Mitleid und Zärtlichkeit" statt "Feindschaft und Gleichgültigkeit" wachsen zu lassen.

Die Menschen in der überfüllten Kirche klatschen. Populisten schüren in diesen Tagen die Angst in Italien, und Faschisten marschieren. Dagegen steht Franziskus, jener Pontifex maximus des christlichen Abendlands, auf das sich die Hetzer von heute so gern berufen. Der Papst unterstellt den Angstmachern eine "Psychose". Und da sind die Leute von Sant'Egidio, deren mehr als 70.000 Mitglieder sich in 73 Ländern um eine bessere Welt bemühen.

Laien, die den Armen und Schwachen helfen

Franziskus ist in die Kirche der Gemeinschaft gekommen, um sich für ihren Einsatz zu bedanken. Es sind Laien, die den Armen und Schwachen helfen. Rechtsanwälte und Ärzte, Handwerker und Hausfrauen, Schüler und Studenten, die nicht einverstanden sind mit den Verhältnissen. Und die daran arbeiten und dafür beten, sie zu ändern. Durch Glauben. Und Liebe. Und Hoffnung.

Das klingt pathetisch und naiv: Aber wo wäre die Menschheit ohne Träumer? Ohne jede Vorstellung davon, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen? Denn das tun die Leute von Sant'Egidio: Sie schaffen es seit 50 Jahren, aus Feinden Freunde zu machen.

Mehrfach wurden die Gemeinschaft und ihr Gründer Andrea Riccardi für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, Papst Franziskus ist ihr prominentester Förderer. "Wir versuchen zu organisieren, was möglich ist", sagt Generalsekretär Cesare Zucconi, 55. "Und dann versuchen wir das Unmögliche."

Friedensverhandlungen im Kloster: 1992 mit der Regierung und Rebellen aus Mosambik

Friedensverhandlungen im Kloster: 1992 mit der Regierung und Rebellen aus Mosambik. Das Abkommen hält bis heute

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Ob in Guatemala oder Guinea, im Niger oder in Liberia: Immer wieder gelang es der Gemeinschaft, unüberwindbar geglaubte Konflikte zu einem für alle Beteiligten friedlichen Ende zu bringen. Der Frieden von Mosambik nach 15 Jahren grausamstem Bürgerkrieg wurde von Sant'Egidio vermittelt, 1992, der erste große Erfolg. Dass in der Elfenbeinküste heute die Waffen schweigen, ist auch ein Verdienst der Gemeinschaft.

Sie arbeiten hart am Frieden

Derzeit kümmern sich die Römer um den Frieden in der Zentralafrikanischen Republik, einem der ärmsten Länder der Welt. Dort engagieren sich die Christen seit nunmehr 15 Jahren. Als Papst Franziskus vor drei Jahren dorthin reisen wollte, erklärten Blauhelme im Vorfeld die Sicherheitslage für fast ausweglos. Nachdem die Leute von Sant'Egidio mit einer der vielen Rebellengruppen verhandelt hatten – sie kontrollierte die Straße zum Flughafen – wurde der päpstliche Konvoi, biblisch fast, zum Abschied von begeisterten Jugendlichen mit Palmwedeln auf Mopeds begleitet. "Wie dieser Besuch ablief" , sagt Cesare Zucconi, "war ein Zeichen der Hoffnung, dass sich auch im schlimmsten Elend die Dinge zum Besseren ändern lassen." Noch gibt es keinen Frieden in dem Land, "aber wir arbeiten weiter hart daran", sagt er.

Papst Franziskus begrüßt während seines Besuchs bei Sant'Egidio einen 15-jährigen Jungen aus Syrien

Papst Franziskus begrüßt während seines Besuchs bei Sant'Egidio zum 50. Jubiläum in diesem Jahr einen 15-jährigen Jungen aus Syrien

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Unter der Vermittlung von Sant'Egidio treffen sich Menschen, die gegenseitig Tausende haben umbringen lassen. "Wir sprechen auch mit Mördern, wir sprechen mit Leuten, die unvorstellbar grausam waren", sagt Mauro Garofalo, einer der Verhandler. "Das ist schwer auszuhalten, aber für Frieden lohnt sich alles."

Das ehemalige Kloster der Gemeinschaft in Rom ist neutrale Zone. Nach oft monatelangen, manchmal jahrelangen Vorbereitungen können hier Warlords, Rebellen und Kriegstreiber miteinander reden, Menschen, die sich womöglich sonst umbringen würden. Das Anwesen wurde Ende der 1960er Jahre von Abiturienten im beliebten Stadtteil Trastevere besetzt. Ratten lebten in den verfallenen Räumen, bevor wieder Leben einzog. Das von hohen Klausurmauern beschützte Ensemble ist heute wieder ein grünes Idyll. Mit einer mächtigen Bananenstaude in der Mitte eines winzigen Gartens, in dem man sich gar nicht aus dem Weg gehen kann. Und einer kleinen Kirche, einem vor allem im Mittelalter geachteten Mann geweiht: Egidio, einem der 14 Nothelfer, noch heute von Katholiken verehrt.

Grandezza und das gute italienische Essen

"Natürlich helfen ein bisschen Grandezza und das gute italienische Essen", sagt Cesare, "wenn die Männer aus dem Krieg kommen und hier Schönheit genießen können." Wo Menschen das Leben feiern, nicht den Tod. "Sie sehen in Rom, wie gut das Leben sein kann", sagt Zucconi. "Diese Erfahrung hilft."

Die Mitglieder von Sant'Egidio sehen sich nicht als Diplomaten und Konkurrenten staatlicher Institutionen. Doch wer weltweit etwas von Diplomatie versteht, kommt an ihnen nicht vorbei. Der frühere UN-Chef Boutros Boutros-Ghali sprach von der "italienischen Methode". Für Papst Franziskus, dem derzeit womöglich letzten Global Player der Humanität, sind die einstigen Klosterbesetzer willkommene Straßenkämpfer: Frieden schaffen ohne Waffen.

Die Zentrale der Gemeinschaft in Rom

Die Zentrale der Gemeinschaft in Rom

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Die Römer gelten als Meister der kleinen und großen Gesten und setzen auf das Beste im Menschen, nicht auf das Böse. "Wir zählen auf die Kraft des Wortes", sagt Cesare Zucconi. "Und darauf, die Herzen zu erreichen."

Das versuchen die UN auch. Friedenstruppen hier, Blauhelme da. Aber es ist kompliziert zwischen Staaten, es gibt Regeln und Hierarchien, und es dauert, bis sich Minister als Menschen begegnen. Die Leute von Sant’ Egidio sind da anders: Sie haben auch keinen Auftrag zu erfüllen. Ihr Alltag ist Versuch, ist Irrtum. Sie reden von Mensch zu Mensch, von Mann zu Mann, von Frau zu Frau. Und schauen, was möglich ist. Und dann streicheln sie verletzte Seelen, wenn dieses Bild erlaubt ist.

Der schmale Grat zwischen Erfolg und Desaster

Mauro Garofalo wollte schon mit 16 Jahren auch einer dieser Seelenstreichler werden, als er von dem Wunder in Mosambik hörte. Der ehemalige Archäologe trinkt noch schnell einen Espresso im Stehen, bevor er von seinem Job erzählt. Dem Auf und Ab der Gefühle, den Zeiten des Bangens und Balgens. Nie zu wissen, wer wen benutzt und warum. Auf jenem schmalen Grat zwischen Erfolg und Desaster. Es gibt klare Regeln, Leute wie Garofalo sind alles andere als Träumer: keine Höflichkeiten in den Verhandlungen, noch nicht einmal eine Kaffeepause, bis die Parteien sich endlich annähern.

Garofalo wird oft gefragt, ob man seinen Job lernen könne. Und er, der so gut reden und noch besser schweigen kann, weiß nie eine Antwort darauf. "Eigentlich kann doch jeder versuchen, mit dem anderen klarzukommen. Es geht im Leben doch um Wertschätzung. Und dass der eine den anderen nicht erniedrigt." So einfach. Und so schwer. "Ich habe jedenfalls", sagt Garofalo, "mehr Zeit im Busch verbracht als in Rom in Cafés."

Derzeit leiden Millionen Menschen unter 31 Kriegen und sogenannten bewaffneten Konflikten, vom großen Krieg der Reichen gegen die Armen und des Nordens gegen den Süden ist hier erst mal gar nicht die Rede.

Aber wenn es einen Hort der Hoffnung gibt, dann ist es das Haus des Egidio. Längst hat die Gemeinschaft ihren Stadtteil zu einem Zentrum des Miteinanders gemacht: Flüchtlinge erhalten Sprachunterricht, Obdachlose schlafen in Betten in der Kirche, Behinderte erhalten Kunstunterricht in ehemals herrschaftlichen Räumen. Sie kämpfen im Zeitalter der Emotionen und der Hysterie gegen das Gespenst der Gleichgültigkeit und für eine Globalisierung der Solidarität.

Auf der Suche nach Sinn

Tobias Müller aus Berlin war früher Unternehmensberater

Tobias Müller aus Berlin war früher Unternehmensberater. Heute findet er mehr Sinn darin, Gerechtigkeit zu organisieren

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In Deutschland arbeitet die Gemeinschaft in Würzburg, München, Mönchengladbach und seit über zehn Jahren in Berlin. Dort, wo die Menschen nicht mehr wissen, an wen sie glauben sollen. Oder woran. Tobias Müller ging es so. Nach dem Abitur machte er schnell Karriere und jettete als Unternehmensberater um die Welt. Ein smarter, freundlicher Typ. Sehr bald aber erfüllte ihn seine Arbeit nicht mehr; Leere, wo er Fülle vermutet hatte. Auf der Suche nach Sinn traf er Leute, die ihm mehr erzählten über die Gemeinschaft. Seitdem ist er dabei. "So viele Menschen leben nur noch für sich, und alle reden von Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung" , sagt Tobias Müller. "Aber die Wahrheit ist, dass keiner ohne den anderen auskommt."

Aufgewachsen in einem Plattenbau in Hohenschönhausen, tiefstes Ostberlin, hatte Müller mit Kirche nicht viel zu tun; er ist nicht getauft. Doch heute sagt er: "Ich glaube fest an das Gute, ich glaube an Gott." Tobias Müller pendelt zwischen Berlin und Rom. Die Freunde dort wollen, dass er bei den nächsten Friedensverhandlungen dabei ist, für den Sudan oder die Zentralafrikanische Republik. Tobias Müller lernt, Menschen ohne Vorurteile zu begegnen, er liest alles über Sitten und Gebräuche eines anderen Landes. "Eine Methode aber haben wir nicht" , sagt Cesare Zucconi, sein Mentor. "Man sollte sich nicht zu schade sein, in die Kleidung eines anderen zu schlüpfen, wie wir in Italien sagen." – "Die Challenge" , sagt Müller in einem seltenen Moment von Manager-Sprech, "ist ja, seine Feinde zu lieben."

Sein Chef, so kann man sagen, organisiert derweil in Rom die Anfragen aus aller Welt, das Elend wird ja nicht weniger. "Wir sind keine Optimisten", sagt Cesare Zucconi, "aber wir glauben, dass sich was ändern kann. Pessimismus ist ein einfacher Weg. Er kostet nichts." In Syrien zum Beispiel habe Sant'Egidio trotz aller Bemühungen wenig ausrichten können. "Hier sind zu viele am Werk, die den Krieg nähren."

Mehr Flüchtlinge aufgenommen als einige Staaten

Aber trotzdem wurde, nach einem Jahr des Suchens, ein Weg gefunden, unbürokratisch zu helfen. Denn das europäische Recht erlaubt Staaten, humanitäre Visa zu gewähren. Die Gemeinschaft von Sant'Egidio konnte Diplomaten und Regierungsleute in Rom und Brüssel gewinnen, genau dies zu tun: Papiere ausstellen. So gelang, dass Sant'Egidio bisher mehr Flüchtlinge aufgenommen hat als einige europäische Staaten zusammen, inzwischen sind es 2500.

Eine Mitarbeiterin in Beirut sucht in den Lagern in Libanon nach Menschen, die jeden Schutz verdient haben, aber bisher niemanden fanden, der ihnen half. Wenn alles geregelt ist, steigen die Flüchtlinge in den Flieger und landen in Rom. Sie müssen nicht übers Meer und ihr Leben riskieren. Und behalten ihre Würde.

Sie sind willkommen. Und erwünscht. Vom ersten Tag an. Am zweiten Tag gehen die Kinder in die Schule. Dieses Modell des sogenannten humanitären Korridors entwickelt sich in Europa zum Vorbild. Frankreich und Belgien machen nun auch mit, Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron waren bereits zu Besuch.

"Würden uns mehr Regierungen unterstützen, könnte Sant'Egidio dreimal so vielen Menschen helfen", sagt Cesare Zucconi, "wir haben eine Warteliste für Helfer." Und dann, im Garten des Klosters, zitiert er 1500 Jahre alte Sätze des heiligen Augustinus: "Ihr sagt, wir haben üble und elende Zeiten. Lebt recht, denn durch ein gutes Leben ändert ihr die Zeiten."

Oder wie die Italiener sagen: Andiamo. Gehen wir es an.