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Sahara-Hitze in Deutschland: Kein Hitzerekord - Unwetter im Anflug

Die Temperaturen steuerten auf einen Höchstwert zu. Der Samstag war der heißeste Tag des Jahres. Der Rekord von 40,2 Grad von 1983 und 2003 fiel aber nicht. Der Hitze-Tag im Rückblick:

Sehenswürdigkeit geschlossen: Der Reichstag wurde wegen Hitze gesperrt

Die Reichstagskuppel in Berlin hat sich in der Hitze derart aufgeheizt, dass sie geschlossen werden musste

+++ Keine Rekordtemperatur im Glutofen Deutschland - jetzt steigende Unwettergefahr +++

Im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim wurden am Samstag 39,2 Grad gemessen, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach mitteilte. Der bisherige Tageshöchstwert liegt damit weiter bei 40,2 Grad. Dennoch war der 4. Juli der bisher heißeste Tag des Jahres. Mit den extrem hohen Temperaturen steigt nun aber die Gefahr schwerer Unwetter. Vor allem der Westhälfte Deutschlands drohen Hagel, schwere Sturmböen und starke Regenfälle.

+++ 60 Grad in der Kuppel: Reichstag gesperrt +++

Die ersten Sehenswürdigkeiten der Republik kapitulieren vor der Hitze: In Berlin sollen laut einem Bericht von der "Bild"-Zeitung in der aufgeheizten Kuppel des Reichstags bis zu 60 Grad herrschen - sie wurde zum Sperrgebiet erklärt.

+++ "Es ist deutlich häufiger extrem heiß" +++

Seit wann häufen sich die Hitzeperioden eigentlich? Wissenschaftler Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagt: "Das ist ein Trend, der seit etwa 1980 zu beobachten ist. Seitdem sehen wir ja auch eine stetige globale Erwärmung. Das Wettergeschehen erzeugt normalerweise allein durch Zufall eine bestimmte Anzahl von Rekorden. Aber wenn wie jetzt eine langfristige Erwärmung hinzukommt, dann ist es deutlich häufiger extrem heiß. Man kann statistisch ausrechnen, wie häufig das der Fall sein sollte - und die Prognose entspricht auch genau der beobachteten Zunahme von solchen extremen Hitzeperioden."

+++ BVB-Fans trotzen Hitze im Stadion +++

Die Fans von Borussia Dortmund haben dem Fußball-Bundesligisten bei der Vorbereitung in die neue Saison einen großen Empfang bereitet. Rund 35 000 Zuschauer kamen am Samstag zur offiziellen Saisoneröffnung des BVB und trotzten der Hitze. Bei Temperaturen an der 40-Grad-Marke präsentierten sich der neue Trainer Thomas Tuchel und seine Mannschaft im Rahmen eines Familienfestes im Dortmunder Signal Iduna Park dem Publikum. "Wir wollen aus diesem Stadion eine Festung machen", sagte Tuchel.
Am Nachmittag absolvierten die Dortmunder Profis ein Benefizspiel gegen ein Team der Deutschen Sporthilfe, bestehend aus Olympiasiegern und Nationalspielern aus anderen Sportarten.

+++ Hitze lässt Ozonbelastung steigen +++

Die hohen Temperaturen ließen zudem vielerorts die Ozonbelastung steigen, auch in Hessen. An rund einem Drittel der Messstellen sei am Freitag die Alarmschwelle von 240 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft überschritten worden, teilte das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie am Samstag mit. Schon bei über 180 Mikrogramm sollten Aktivitäten im Freien vermieden oder stark reduziert werden. Erhöhte Ozonkonzentrationen können die Atemwege reizen.

+++ Nach Superhitze drohen Hagel und Tornados +++

Erst die Mega-Hitze, dann knallt's: Mit den extrem hohen Temperaturen steigt die Gefahr schwerer Unwetter. Vor allem der Westhälfte Deutschlands drohten Hagel, schwere Sturmböen und starke Regenfälle. Die Unwetter zogen bereits am Samstag von Frankreich und den Benelux-Staaten heran, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach vorhersagte. Noch größer ist das Risiko am Sonntag; sogar Tornados sind laut DWD möglich. Die Meteorologen hielten am Samstag einen neuen Hitzerekord für möglich. Zur Abkühlung stürmten Jung und Alt die Freibäder und Seen, an den Küsten herrschte Massenandrang.

+++  Hitze-Brand verursacht Sendeausfall bei Arte +++

Ein durch die Hitze verursachter Brand hat einen  stundenlangen Komplettausfall der Sendungen des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte ausgelöst. Die Panne in einem elektrischen Schaltraum habe über fünf Stunden ab sieben Uhr morgens gedauert, sagte die Sprecherin des Senders Claude Savin am Samstag in Straßburg. Der Sendebetrieb konnte um 12.30 Uhr wieder aufgenommen werden. "Die Panne war so schwer, weil auch das Notstromaggregat betroffen war", sagte Savin. Verschont blieben die Webseite des Senders und die Mediathek Arte+7, so dass die Zuschauer die verpassten Sendungen des Vormittags doch noch anschauen können. Bereits am Donnerstag hatte es in Köln einen halbstündigen Sendeausfall beim Nachrichtensender n-tv gegeben, wofür möglicherweise auch die Außentemperaturen verantwortlich waren.

+++ Sänger klappen bei Chorfestival zusammen +++

Wegen Verdachts auf Hitzekollaps sind am Samstag mehrere jugendliche Teilnehmer des Deutschen Chorfestivals in Trier ins Krankenhaus gebracht worden. Die jungen Leute seien etwa bei einer Probe im Trierer Dom zusammengeklappt, bestätigte ein Feuerwehrsprecher einen Online-Bericht des "Trierischen Volksfreunds". Bis zum frühen Nachmittag seien sechs Jugendliche vorsorglich ins Krankenhaus gebracht worden. Insgesamt sind rund 3000 Sänger und Sängerinnen zu dem mehrtägigen Chorfestival nach Trier gekommen. Auch abgesehen davon habe der Rettungsdienst wegen Menschen mit Hitzeproblemen in der Stadt alle Hände voll zu tun, sagte der Sprecher.

+++  Gurkenpflücker kommen nicht hinterher +++

Die heißen Temperaturen treiben Gurkenpflückern im Spreewald die Schweißperlen auf die Stirn. Der Klassiker aus der Region wächst jetzt besonders stark. "Schnell ist gar kein Ausdruck", sagt der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft "Unterspreewald", Uwe Schieban am Samstag. Teilweise werde doppelt so viel geerntet wie an einem Tag mit moderaten Temperaturen. "Wir kommen gar nicht mehr hinterher." Die Gurkenernte startete offiziell Mitte Juni.

+++ Reifenherstellter gibt Entwarnung +++

Ob nun Sonnenbrand oder vertrocknete Beete: Die aktuelle Hitzewelle bietet Anlass zur Sorge. Aber  zumindest an einem Punkt gibt es Entwarnung, und zwar vom Reifenhersteller Continental: "Das Schmelzen von Reifen kann grundsätzlich ausgeschlossen werden, da das Gummi seinen festen Zustand - wie bei der Vulkanisation - erst bei Temperaturen von mehr als 150 Grad Celsius verliert", teilte der Dax-Konzern aus Hannover auf Anfrage mit. Die Pneus mit ihren modernen Gummi-Mischungen seien von sich aus als  sogenannte Elastomere "sehr temperaturbeständige Produkte".

+++ AfD-Mitglieder kollabieren bei Parteitag +++

Für ihren außerordentlichen Bundesparteitag in Essen hat sich die AfD das bisher heißeste Wochenende des Jahres ausgesucht. Trotz Klimaanlage schwitzten die mehr als 3000 Parteimitglieder am Samstag in der  Grugahalle kräftig. Zahlreiche AfD-ler benutzten Papiere mit der gedruckten Tagesordnung, um sich Luft zuzufächeln. Bei 33 Grad Außentemperatur lag die Durchschnittstemperatur im Saal am Mittag bei 27,3 Grad Celsius. Zwei Mitglieder der AfD kollabierten nach Angaben von Pressesprecher Christian Lüth am Morgen vor der Halle, wo sich wegen strenger Sicherheitskontrollen in der prallen Sonne lange Warteschlangen gebildet hatten. Rainer Erkens, Koordinator der AfD-Bundesgeschäftsstelle, sagte: "Vermutlich sind einige ältere Mitglieder wegen der großen Hitze gar nicht erst angereist."

+++ Stau mit Ansage: Auf der A7 stecken tausende Urlauber fest +++

Die Sperrung war seit Wochen geplant: Wegen Abrissarbeiten an einer Brücke ist die Autobahn A7 ab Hamburg-Nordwest komplett gesperrt. Sämtliche Fahrzeuge müssen über die Stadt umgeleitet werden. Bereits am Morgen bildete sich ein mehrere Kilometer langer Stau in Richtung Norden. Noch härter hat es allerdings die Fahrer auf der A1 Richtung Lübeck getroffen. Viele sind auf diese Route ausgewichen. Auf über 40 Kilometern heißt es Stop and Go. Besonders betroffen sind Urlauber und Ausflügler, die Abkühlung an Nord- und Ostsee suchen. Für sie heißt es: Geduld haben, ausreichend Flüssigkeit mitnehmen.

 

+++ Fluggäste müssen stundenlang in Hitze warten +++

Etwa 340 Passagiere des Flughafens Dortmund mussten in großer Hitze mehrere Stunden ausharren, weil der Flugbetrieb wegen Bergungsarbeiten unterbrochen wurde. Sie wurden während der Wartezeit vom Flughafenpersonal betreut und mit Wasser versorgt. Grund war die Notlandung eines kleinen, zweimotorigen Flugzeugs des Typs Partenavia P68 aus Sylt, bei dem das Bug-Fahrwerk nur teilweise ausgefahren werden konnte. Der Pilot und die beiden Passagiere konnten die Maschine nach der Notlandung unverletzt verlassen.

+++ Hitzewarnung auch in Italien +++

Auch in Italien schwitzen die Menschen bei ungewöhnlich hohen Temperaturen. Das Gesundheitsministerium gab für das Wochenende eine Hitzewarnung für mehrere Städte heraus, darunter Bologna, Florenz, Bozen, Mailand, Turin, Perugia und Rom. Die Temperaturen sollten bis zu 38 Grad klettern. Die Menschen suchten in Scharen Abkühlung in öffentlichen Brunnen, Strände waren überfüllt. Der Agrarverband Coldiretti meldete einen rasanten Anstieg beim Verkauf von Wasser und frischen Früchten, um sich gegen die Hitze zu wappnen.

+++ Mutter schließt versehentlich Baby im Auto ein +++

Aus Versehen hat eine Mutter in Rheinland-Pfalz ihr vier Monate altes Baby im Auto eingeschlossen. Wegen der großen Hitze riet der ADAC den besorgten Eltern, direkt ein Fenster einzuschlagen und nicht auf die Pannenhilfe zu warten, wie die Polizei in Bad Kreuznach am Samstag mitteilte. Die Frau hatte am Freitag in Langenlonsheim den Säugling in den Kindersitz gesetzt und die Tür geschlossen. Der Zündschlüssel befand sich aber noch im Auto. Weil plötzlich die automatische Türverriegelung das Auto verschloss, schlug schließlich der Vater des Kindes mit einem Hammer ein Fenster ein. Das Baby blieb unverletzt.

+++ Waldbrandgefahr steigt +++

Angesichts der Hitzewelle müssen Wanderer und Ausflügler mit gesperrten Waldgebieten rechnen. In Thüringen zum Beispiel könne die Waldbrandgefahr in den nächsten Tagen auf die höchste Warnstufe 5 steigen, teilte der Thüringenforst mit.

+++ Arzt der Fußball-Nationalmannschaft gibt Tipps gegen die Hitze +++

"Trinken, trinken, trinken" und eine helle Baseballkappe sind die Tipps vom Arzt der Fußball-Nationalmannschaft gegen die große Hitze. Die Flüssigkeitszufuhr sei an heißen Tagen das A und O, sagte Tim Meyer auf der DFB-Homepage. Er rät zu Saftschorlen, Tees oder isotonischen Getränken. Alkohol sei dagegen kontraproduktiv, da er die Flüssigkeitsbilanz eher verschlechtere und die Urinabgabe anrege, sagte Meyer.Mit einer Kopfbedeckung könne die Sonnenstrahlung reduziert werden. Eine weitere Möglichkeit zur Kühlung seien Eiswickel, feuchte Handtücher oder Bäder.

Badegäste stehen im Strandbad in Meersburg (Baden-Württemberg) auf einem Sprungturm

Ab ins kühle Nass: Am Samstag könnte der Hitze-Rekord fallen.

+++ Ansturm auf Badeorte +++

Am bislang heißesten Wochenende in diesem Jahr erwarten die Badeorte an Nord- und Ostsee einen Ansturm von Ausflüglern und Kurzurlaubern. Eine Sprecherin der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein riet von Spontanreisen ab. Ohne Buchung könne die Quartiersuche mühsam werden. "Wir erwarten am Wochenende volle Strände, volle Parkplätze, volle Lokale und Geschäfte", sagte der Tourismusdirektor des ostholsteinischen Ostseebades Grömitz, Olaf Dose-Miekley. Er rechnet am Samstag und Sonntag mit je rund 30 000 Gästen - der Ort selbst hat nur 5500 Einwohner. Beim Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern hieß es: "Der Motor läuft jetzt auf Hochtouren."

Volle Strände am Ostseebad Grömitz

Voller Strand am Ostseebad Grömitz

+++ Am heißesten war es in Baden-Württemberg +++

Mit 37,7 Grad war am Freitag Bad Mergentheim in Baden-Württemberg der heißeste Ort Deutschlands. Bundesweit auf Platz zwei folgte Saarbrücken mit 37,6 Grad, wie ein DWD-Sprecher in Offenbach sagte. Kitzingen in Bayern landete mit 37,4 Grad auf Platz drei.

+++ Klimaanlage selber basteln +++

Ein Laken in kaltes Wasser tunken und vor das geöffnete Fenster hängen - so kommt gekühlte Luft ins Zimmer.
Oder für Leute, die wenigstens einen Ventilator haben: flache Schale mit Eis direkt davor stellen. Der  Ventilatorwind verteilt die vom Eis verdunstende kühle Luft.

+++ Festivals stocken Wasservorräte auf +++

Großveranstaltungen stocken ihre Wasservorräte auf. So finden am Wochenende in Nordrhein-Westfalen zahlreiche Reggae- und Rockveranstaltungen statt. Die Veranstalter des Christopher Street Day in Köln erwarten am Sonntag 800 000 Teilnehmer und Schaulustige.

+++ Wassermangel droht +++

In einigen Regionen droht Wasserknappheit. Der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) forderte Verbraucher auf, Leitungswasser sparsam zu verwenden

+++ Vier Tote nach Badeunfällen in NRW +++

Allein in Nordrhein-Westfalen wurden in den vergangenen Tagen vier Tote nach Badeunfällen gezählt, am Donnerstag ein 20-Jähriger an einem See in Leverkusen. In Brandenburg starb am Freitag ein 77-Jähriger im Nymphensee bei Brieselang nahe Berlin, in Frankfurt wurde ein 39-Jähriger nach drei Tagen tot aus dem Main geborgen. Die DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft) warnte vor einem vermeintlich wohltuenden Sprung ins kühle Nass direkt nach dem Sonnenbad: "Das kann zu Kreislaufproblemen führen", sagte ein Sprecher. Er rechnet wegen der Hitzewelle mit einem Anstieg der Einsätze zur Rettung Ertrinkender. Freunde sollten einander stets im Blick haben: "Die meisten ertrinken lautlos, etwa zwei bis drei Meter vom Ufer entfernt. Wildes Gefuchtel kommt nur selten vor."

+++ ADAC warnt vor Autofahrer vor Hitze +++

Auch der ADAC warnte vor der Hitze: In manchen Autos herrschten Verhältnisse wie in einer Sauna. "Bei direkter Sonneneinstrahlung kann sich ein Auto auf über 60 Grad aufheizen", sagte ADAC-Sprecherin Andrea Piechotta in München. "Autofahrer werden dann rasch müde und unkonzentriert." Der Automobilclub rät daher, bei Sonnenparkplätzen die Windschutzscheibe abzudecken und vor dem Losfahren erstmal alle Türen zu öffnen, um das Auto kräftig durchzulüften. Auch in den ersten Fahrminuten sollten zunächst nur die Fenster geöffnet werden - erst dann solle die Klimaanlage aktiviert werden.

+++  Teils kräftige Gewitter zwischen Eifel und Nordseeküste erwartet  +++

Das Wochenende bringt nicht nur die größte Hitze, sondern auch wachsende Schwüle und viele Gewitter. Zwischen Eifel und Nordseeküste könnten sich zum Samstagabend teils kräftige Gewitter entwickeln. Am Sonntag wächst die Gewittergefahr. Bereits am Freitag verursachten etwa in Niedersachsen Blitze, Donner und Starkregen erhebliche Schäden. In Wangelnstedt brannte eine Scheune nieder. Das Feuer tötete Hühner, Tauben und Kaninchen. Ein angrenzendes Wohnhaus wurde beschädigt. Drei Bewohner erlitten Rauchgasvergiftungen.

+++ Fällt heute der Hitze-Rekord? +++

Die Temperaturen in Deutschland steuern auf einen Rekord zu. Der Samstag werde der heißeste Tag des Jahres, sagte Meteorologe Adrian Leyser vom Deutschen Wetterdienst (DWD) am Freitag. Der Rekord von 40,2 Grad - gemessen 1983 und 2003 - könnte fallen. Im Westen und Südwesten seien Werte bis 40 Grad möglich. Aber
auch ohne Rekord sei die Wärmebelastung fast überall stark und mancherorts sogar extrem. Für ganz Deutschland galt weiterhin die DWD-Hitzewarnung. Immer noch ist Hoch "Annelie" verantwortlich, das heiße Saharaluft ins Land leitet. Bis mindestens Dienstag werde sich die Hitze halten, sagte Leyser.

jek/tim/DPA / DPA