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Wetterchaos: Weihnachten im Zug

An so einen Eisregen kann sich in Norddeutschland niemand erinnern. Die Folgen: Viele Züge blieben stecken, einer brauchte für die Strecke Hamburg-Dortmund 16 Stunden.

Für Hunderte von Bahnfahrern ist die Zugfahrt in die Weihnachtstage zu einem unerwartet strapaziösen Abenteuer geworden. Zwischen Hamburg und Hannover stellte die Bahn am Dienstagnachmittag den Verkehr wegen vereister und gebrochener Oberleitungen und umgestürzter Bäume ein. In Göttingen und Kassel, Osnabrück und Hamburg wurde der betroffene Fernverkehr unterbrochen. Trotzdem verbrachten hunderte Menschen den Heiligabend nach Angaben von Reisenden in einem überfüllten Intercity zwischen Hamburg und Dortmund. «In der Zeit, in der wir gebraucht haben, fliegen andere nach Brasilien», sagte ein Frau.

Züge bekamenkeinen Saft

Statt rund 3 Stunden war die Bahnkundin nach eigenen Angaben die ganze Christnacht hindurch 16 Stunden zwischen Hamburg und Dortmund unterwegs. «Das Eis auf den Oberleitungen war fingerdick», sagte Bahnsprecher Hans-Jürgen Frohns. Die Züge bekamen keinen Saft. Weichen vereisten. Unter der Eislast zusammengebrochene Bäume lagen auf den Gleisen. «Schon in Bremen standen wir dreieinhalb Stunden, weil die Bahn keine Dieselloks herbeigeschafft hatte», kritisierte die Bahnkundin. Dann sei es in minimalem Tempo weitergegangen - «meterweise».

Galgenhumor in den Abteilen

Langsam entwickelte sich im vollen Zug weihnachtlicher Galgenhumor. Die Vorräte in den Speisewagen waren erschöpft. Zwei junge Ärzte köpften den für den Vater im Rheinland mitgenommenen Rotwein. Andere Reisende teilte nach mehreren Stunden wegen Lokschadens, Eisbruchs und Warterei auf andere Zug-Verspätete sogar ihren Hummer mit den anderen, wie sie berichteten. Eine Frau holte ihre Violine hervor und gab ein Ständchen, während der Zugführer Kontakt zum Bundesgrenzschutz aufnahm.

Würstchen vom THW

Im Hamburg-Dortmund-Zug rückte nachts das Technische Hilfswerk mit Würstchen und Apfelsaftschorle an, erzählte die Bahnkundin. Langsam sank die Stimmung im vollen Zug. Bahnmitarbeiter organisierten Windeln für ein Baby. Die Stunden zogen sich wie Kaugummi hin, bis am Morgen allmählich Ruhrgebiet und Rheinland nahten - und somit milde, eisfreie Regionen. Nach Auskunft der Bahn hatten mehrere Mitarbeiter freiwillig ihre Schichten verlängert, um zu helfen. Das Unternehmen habe rund 100 Hotelgutscheine an Betroffene ausgegeben. In Hannover sei die DB Lounge nachts geöffnet gewesen.

Lage normalisiert sich

Auch am 1. Weihnachtstag blieb der Bahnverkehr in Niedersachsen gestört. Nicht nur zwischen Bremen und Osnabrück, sondern auch zwischen Bremen und Bremerhaven verkehrten keine Züge. Reisende mussten Umleitungen und abermals längere Fahrtzeiten in Kauf nehmen. «Alles, was wir an Leuten haben, ist unterwegs», sagte Bahnsprecher Frohns. Die Helfer räumten die Bäume von den Gleisen und kümmerten sich um die Oberleitungen. Zuletzt sei der Fernverkehr zwischen Bremen und Osnabrück am Mittwochmittag wieder aufgenommen worden. Die Bahn erwartete, dass am Nachmittag die Lage wieder normal sei. Der ebenso unterbrochene S-Bahn-Verkehr war schon am Morgen wieder aufgenommen worden.

Züge bekamen keinen Saft

«An einen Eisregen mit derartigen Auswirkungen kann sich niemand erinnern», sagte Konzernbevollmächtigte der Bahn für Niedersachsen und Bremen, Hans-Jürgen Meyer. «Trotz der schwierigen Umstände sind wir - dort wo es ging - gefahren.» Meyer bedankte sich für das «Verständnis» der Reisenden - «auch wenn sich sicher viele den Heiligen Abend anders vorgestellt haben.»