HOME

Stern Logo Geschichte

Genetik: Der Habsburger Kiefer – wie Inzucht das spanische Weltreich zugrunde richtete

Mit glücklichen Heiraten schufen die Habsburger aus Österreich ein Weltreich. Damit das Gebilde fortbestand, heirateten sie 200 Jahre lang untereinander – mit schrecklichen Folgen.

Philipp IV. und Karl II. zeigen den Habsburger Kiefer.

Philipp IV. und Karl II. zeigen den Habsburger Kiefer.

Commons

"Kriege führen mögen andere, du, glückliches Österreich, heirate" – mit diesem Wahlspruch heirateten die Habsburger ein Weltreich zusammen, in dem die Sonne niemals unterging. Den Beginn machte der bitterarme Maximilian I, dem es gelang die reichste Erbin Europas, die Erzherzogin Maria von Burgund, zu ehelichen.

Wie bei allen Häusern des Hochadels bestimmten strategische Überlegungen die Ehen. Die Habsburger waren hier Meister und wurden auch vom Glück begünstigt. Ländereien, Schätze und Macht mehrten sich unaufhörlich.

Der Aufstieg wurde aber von einem auffälligen körperlichen Verfall der Sippe begleitet. Während Maximilian I, der "letzte Ritter", noch ein auffallend attraktiver Bursche war, ging es mit der Schönheit der Herrscherfamilie rasch bergab. Ihr markantes Merkmal war der sogenannte "Habsburger Kiefer", er verstärkte sich von Generation zu Generation. Der Unterkiefer drängte nach vorn, dazu gesellten sich eine auffällige gewölbte Unterlippe und eine weit nach unten reichende lange Nase. Selbst in den geschönten Herrscherporträts der Zeit sind die Merkmale sichtbar, in der Realität wird der Eindruck noch weit unharmonischer gewesen sein, als in den idealisierten Gemälden.

Eine neue Untersuchung stützt die Thesen, dass diese Kopfform eine Folge fortgesetzter Inzucht sei. Neu ist die Beobachtung nicht. In den Romanen "Goya" von Lion Feuchtwanger und "Die Jugend und Vollendung des Königs Henri Quatre" von Heinrich Mann, werden die spanischen Herrscher der Familie als degenerierte Sippschaft bloßgestellt.

Ein Weltreich zerfällt

Der Genetiker Román Vilas von der spanischen Universität Santiago de Compostela untersuchte nun 15 Mitglieder des spanischen Familienzweiges. Dieses Land fiel unter die Herrschaft der Familie, als Philipp I. 1496 Johanna von Kastilien geheiratet hatte. Zweihundert Jahre lang herrschten sie über Spanien. Zu Beginn standen herausragende Herrschergestalten, das Ende war mit Karl II. erreicht. Ein unfähiger Herrscher, unfruchtbar und mit großen gesundheitlichen Problemen geschlagen. Als er mit 38 Jahren starb, erlosch die Linie.

Der Verfall der Habsburger hat in Spanien eine Bedeutung, die weit über die Familie hinausgeht, denn parallel zum körperlichen Untergang ihrer Herrscher erlosch auch die Bedeutung des spanischen Weltreiches. Über 20 Generationen hinweg analysierten die Wissenschaftler den Stammbaum. Der durchschnittliche Inzuchtgrad der Habsburger liegt bei .093. Das bedeutet: Neun Prozent der mütterlichen und väterlichen Gene stimmen überein, weil die Eltern gleiche Vorfahren hatten. Zum Vergleich: Bei der Ehe zweier Cousins liegt der Wert bei .0625.

Dann ließen sie Mund- und Kieferchirurgen die erhaltenen Porträts analysieren und auf die degenerativen Merkmale untersuchen. Je stärker das Habsburgergesicht – hervortretender Unterkiefer und eingesunkenes Mittelgesicht – ausgeprägt waren, umso höher war auch der Inzuchtwert.

Das Ende der Dynastie

Bei Philip IV, Karl I (in Deutschland als römischer Kaiser Karl V. bekannt) und Karl II zeigten sich die Symptome am stärksten. Kaiser Karl V., besaß "ein langes, leichenhaftes Gesicht und einen schiefen Mund (der auffällt, wenn er nicht auf der Hut ist)", schrieb der italienische Diplomat Antonio di Beatis 1517.

Der letzte spanische Habsburger, Karl II., litt unter dem Kiefer, einer riesigen Zunge, Epilepsie und anderen Krankheiten. Er besaß einen Inzuchtwert von .25 – das entspricht den Kindern von Brüdern und Schwestern. Die Habsburger selbst taten nichts, um dem Verfall ihrer Blutlinie zu stoppen. Das ist erstaunlich. Denn auch ohne Kenntnis der modernen Genetik war der Zusammenhang von Inzucht und Erbkrankheiten bekannt. Die Habsburger wählten jedoch stets Macht vor Gesundheit. Ihr beherrschender Einfluss über Europa basierte darauf, dass die Zweige der Familie, die die verschiedenen Gebiete beherrschten, durch Ehen immer wieder miteinander verknüpft wurden. Hätte man diese Praxis unterlassen und andere geheiratet, hätten die Fremdehen den Zusammenhalt der Familie geschwächt. Vor allem sollte verhindert werden, dass die Heirat von Frauen, Herrschaftsgebiete über die Erbfolge in die Hand anderer Familien gebracht hätte.

Die Eltern des unglücklichen Karl II. waren Nichte und Onkel, so als wollte man das Unglück herausfordern. Der spanische König Philipp IV. heiratete Maria Anna von Österreich, die eigentlich seinen verstorbenen Sohn heiraten sollte. Wie andere Habsburger auch hatte Philipp IV. mehrere uneheliche Kinder gezeugt – die waren kerngesund. Die Kinder mit Maria Anna kamen dagegen tot zur Welt oder starben kurz nach der Geburt. Karl II. konnte erst mit vier Jahren sprechen, mit acht Jahren lernte er laufen. Die fünfte Generation der Vorfahren zählt eigentlich 32 Köpfe, durch die Heiraten innerhalb der Familie war diese Zahl bei Karl II. auf nur zehn geschrumpft. Der Brite Alexander Stanhope beschrieb den König so: "Er besitzt einen gierigen Magen und schluckt alles einfach runter, was er isst, denn sein Unterkiefer steht so deutlich hervor, dass seine beiden Zahnreihen nicht aufeinandertreffen können".

Spielball fremder Mächte

Das Team von Vilas nimmt an, dass der Habsburger Kiefer durch ein rezessives Gen verursacht wurde. Diese Gene kommen nur zum Tragen, wenn beide Kopien des Gens in einem Menschen das gleiche Merkmal tragen. Besitzt die Person ein "gesundes" Gen, wird die Wirkung unterdrückt – kann aber an die Nachkommen weitergegeben werden. Bei fortlaufender Inzucht erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das rezessive Gen doppelt auftaucht und wirksam wird. Neben den sichtbaren Folgen verringerte die Inzucht zugleich die Überlebenschancen der Nachkommen massiv.

Nach dem Tod des unglücklichen Karls II. kam es zum Spanischen Erbfolgekrieg. Das einst so stolze Spanien wurde zum Spielball fremder Mächte. Auf den Thron kamen schließlich die französischen Bourbonen – ihr Anspruch basierte auf einem Vertrag, den Karl II. unterzeichnet hatte, zu einem Zeitpunkt, an dem der König mit dem Beinamen "der Verhexte" bereits endgültig umnachtet war.

Quelle: Annals of Human Biology