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Gefährlicher Untergrund: Wenn sich die Erde plötzlich öffnet

Krater wie der im thüringischen Schmalkalden können auch in anderen Gegenden in Deutschland entstehen. Bricht die Erde ein, kann dies natürliche Ursachen haben. Mitunter ist das Problem aber auch menschengemacht.

Von Lea Wolz

Die Szenerie mutet gespenstisch an: Wie ein riesiger Schlund klafft das Erdloch. 40 mal 40 Meter groß ist der Krater, der in der Nacht zu Montag im thüringischen Örtchen Schmalkalden entstanden ist. 20 Meter geht es in die Tiefe hinab. Was die Anwohner in Angst und Schrecken versetzt hat, ist keine Seltenheit. Immer wieder reißt in Thüringen die Erde urplötzlich auf.

Anfang März brach in Nordhausen ein Erdloch auf und verschlang einen Laster mit seinem Fahrer. In Tiefenort bildete sich im Januar ein zwei Meter tiefes Loch neben der Straße und machte die Häuser in der Umgebung unbewohnbar. Zehn bis zwanzig dieser sogenannten Erdfälle im Jahr seien normal, sagte Thüringens Umweltminister Jürgen Reinholz (CDU) damals. Besonders betroffen sind in dem Bundesland vor allem der Schiefergebirgsrand zwischen Saalfeld und Gera und die Karstlandschaft im Kyffhäuserkreis. Aber auch die Gegend südlich des Harzes und das Gebiet vom westlichen Ende des Thüringer Waldes Richtung Bad Salzungen sind für diese geologischen Phänomene bekannt. Durch einen Erdfall ist zum Beispiel der Burgsee in Bad Salzungen entstanden.

Der Durchmesser solcher Krater ist ganz unterschiedlich - er reicht von mehreren Metern bis zu einigen hunderten. "Erdfälle können auch riesige Ausmaße annehmen", sagt der Geologe Lutz Katzschmann von der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie. "Die Äbtissinnen-Grube bei Bad Frankenhausen ist so entstanden." Der Erdfall am Rand des Kyffhäusers ist circa 40 Meter tief und hat einen Durchmesser von über hundert Metern. Der größte Erdfall Europas ereignete sich vor rund hundert Jahren im Heiligen Feld bei Rheine, sagt Stefan Henscheid vom Geologischen Dienst Nordrhein-Westfalen. "Der Krater war zehn bis 15 Meter tief und hatte einen Durchmesser von 300 Metern."

Präventiv kann man gegen Erdfälle nichts unternehmen. "Da es sich um natürliche Prozesse handelt, ist nicht bekannt, wo sie auftreten", sagt Katzschmann. Doch zumeist ereigneten sie sich diese in unbewohnten Gebieten - auf Feldern, Wiesen oder im Waldbereich. "Erdfälle im Ortsgebiet sind zum Glück relativ selten", sagt der Geologe. Unter anderem, da Siedlungen seltener in gefährdeten Gebieten entstanden sind. Daneben gibt es aber auch einfach mehr unbesiedelte Flächen.

Salz, Kalk oder Gips lösen sich

Bricht die Erde ein, kann dies zwei Ursachen haben. Entweder sind geologische Besonderheiten dafür verantwortlich. Oder der Mensch hat durch Bergbau selbst die Erde durchlöchert und ein unterirdisches System an Hohlräumen und Tunneln geschaffen. Als Risikogebiete gelten daher neben Bergbauregionen Landschaften mit wasserlöslichen Gesteinen im Boden, sogenanntem Karst. Durch in Niederschlägen oder im Grundwasser enthaltenes Kohlendioxid lösen sich Salze, Kalk oder Gips und werden ausgespült. "Ein Hohlraum entsteht. Wird die Last darüber zu schwer, bricht der Boden durch", sagt Geologe Katzschmann. Riesige Krater entstehen, die Fachleute als Dolinen bezeichnen.

Der Geologe geht davon aus, dass auch in Schmalkalden aufgelöste Gesteinsschichten im Untergrund den Erdrutsch verursacht haben. Weitere Erdrutsche schließt Katzschmann nicht aus, da es möglicherweise noch weitere Hohlräume gebe. Erdfälle wie dieser seien zwar typisch für Thüringen; in Schmalkalden sei ein solcher Fall bisher allerdings noch nicht vorgekommen.

Die Risikogebiete für Erdfälle liegen nicht nur in Thüringen. Auch in Sachsen-Anhalt, Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder in der Schwäbischen Alb treten immer wieder Erdfälle auf. In Bayern gelten zum Beispiel die Muschelkalk- und Malmgebiete in Franken oder der Berchtesgadener Raum mit seinen Salz- und Gipsvorkommen des Haselgebirges laut Bayerischen Landesamt für Umwelt als typische Erdfallgebiete. "In Nordrhein-Westfalen sind bis jetzt 2684 Erdfälle registriert", sagt Henscheid vom Geologischen Dienst des Bundeslandes. In Sachsen-Anhalt sind Erdfälle durch die zahlreichen Salzlagerstätten und Karstgebiete ebenfalls kein unbekanntes Phänomen.

Ein Boden wie ein Schweizer Käse

Auch im Ruhrgebiet reißt der Boden immer wieder auf. Dort trägt allerdings der Mensch selbst Schuld daran, denn Jahrhunderte lang wurde dort die Erde ausgehöhlt und Kohle gefördert. Im Siegerland kam es unter anderem 2004 in Siegen-Rosterberg zwischen Häuserzeilen zu einem sogenannten Tagesbruch. "2082 solche Ereignisse haben wir dokumentiert", sagt Henscheid. "25.806 Schächte sind archiviert, doch es gibt sicher noch zahllose, die nicht verzeichnet sind." Auch hinsichtlich der Erdfälle ist er sich sicher: "So etwas wie in Schmalkalden kann auch in Nordrhein-Westfalen jederzeit passieren." Panik sei allerdings nicht angebracht. Grundbesitzern und Bauherren rät er, sich umfassend zu informieren. Dafür bietet der Geologische Dienst zusammen mit der Bezirksregierung Arnsberg seit Dezember 2009 auf einer Internetseite Informationen über die möglichen Gefahren im Untergrund an. Die Auskünfte kosten allerdings.

Ein Warnsystem kann erst dann eingerichtet werden, wenn sich die Erde einmal aufgetan hat. "So genannte Erdfallpegel werden dafür in die Erde versenkt", sagt Geologe Katzschmann. Bewegt sich der Boden in der Tiefe, lösen diese Gewichte Alarm aus. In Tiefenort sei ein solches Warnsystem 2001 nach einem Erdfall installiert worden, im Frühjahr dieses Jahres sendete es laut Katzschmann Signale. "Etwa eine halbe Stunde blieb den Bewohnern dann, um ihre Häuser zu verlassen." Auch in Schmalkalden werde über ein solches System nachgedacht. Dort solle der Krater nun aber erst einmal mit Kies verfüllt werden, damit keine akute Gefahr für die Anwohner mehr ausgehe.