"State of Denial" Ein Buch lehrt Bush das Fürchten


Ob Entlassungpläne von Verteidigungsminister Rumsfeld oder Irak-Lüge: Starreporter Bob Woodwards neues Enthüllungsbuch elektrisiert das politische Washington. Das Weiße Haus ringt hektisch um Schadensbegrenzung.

Noch bevor das neue Buch des amerikanischen Starreporters Bob Woodward in den Buchläden auslag, rang das Weiße Haus hektisch um Schadensbegrenzung. Nachdem die ersten Auszüge in den vergangenen Tagen das politische Washington elektrisiert hatten, wurde "State of Denial" (etwa: Im Zustand des Leugnens) vorzeitig ausgeliefert und gestern zig-tausendfach in den US-Buchläden angeboten. Präsident George W. Bush ließ noch am selben Tag ein Papier mit der "Entlarvung der Mythen" Woodwards veröffentlichen. Die Nervösität im Weißen Haus ist aber offensichtlich - und verständlich: Denn Bushs angeschlagene Glaubwürdigkeit erhält fünf Wochen vor den US-Kongresswahlen einen neuen, schweren Schlag.

Reporter mit legendärem Ruf

Schließlich hat Pulitzer-Preisträger Woodward nicht nur einen legendären Ruf - immerhin hatte er gemeinsam mit Carl Bernstein den Watergate-Skandal aufgedeckt. Woodward hat seit dem Amtsantritt Bushs auch schon zwei Bücher geschrieben, die dessen Politik kritisch, aber durchaus mit Verständnis analysierten. Nun aber zieht Woodward, der stets über erstklassige Quellen verfügt, eine für den Texaner äußerst düstere Bilanz der vergangenen Jahre.

Der zentrale Vorwurf lautet: Trotz der großen Skepsis von Militärs und Geheimdiensten zeichne Bush immer wieder - und wider besseres Wissen - ein rosiges Bild der Erfolge im Irakkrieg und des "Krieges gegen den Terror". Es gebe "einen großen Unterschied zwischen dem, was das Weiße Haus und das Pentagon über die Lage im Irak wissen und dem, was sie öffentlich sagen", schreibt Woodward. Belegt mit zahlreichen Quellen aus dem US-Machtzentrum, vertieft er die Zweifel der Amerikaner an Bush - und klagt ihn an, Amerika wissentlich in die Irre zu führen.

Rumsfeld besitze "keinerlei Glaubwürdigkeit mehr"

Vor allem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dem Bush sogar den Folterskandal von Abu Ghoreib nachsah, wird von Woodward massiv in Frage gestellt. Selbst der Kommandeur der Irak-Invasion, General John Abizaid, habe demnach schon im Herbst 2005 gemeint, Rumsfeld besitze "keinerlei Glaubwürdigkeit mehr" für eine Siegesstrategie im Irak. Der Ex-Stabschef des Weißen Hauses, Andrew Card, habe - gemeinsam mit First Lady Laura Bush - mehrfach versucht, Bush von einer Ablösung Rumsfelds zu überzeugen. Inzwischen gibt es ein - eher laues - Dementi Cards: "Diskussionen über Kabinettsumbildungen wurden nur in größerem Zusammenhang diskutiert", sagte Card laut der "Washington Post".

Woodward schreibt dem früheren Außenminister Henry Kissinger eine Schlüsselrolle bei der unbeirrten Irak-Politik Bushs zu. "Sieg über die Aufständischen ist die einzige mögliche 'Exit-Strategie'", wird Kissinger zitiert. Die USA dürften nicht wie in Vietnam schwach werden. Die US-Regierung hat ihre Irak-Politik dem Buch zufolge von Anfang an mit Ignoranz verfolgt. Obwohl eine Studie des US- Zentralkommandos zu dem Ergebnis gekommen sei, dass mindestens 450 000 US-Soldaten im Irak gebraucht würden, sei weniger als ein Drittel der erforderlichen Truppen entsandt worden.

"Historische Siege"

Früh schon hätten Irak-Experten wie Ex-General Jay Garner erkannt, dass es falsch sei, die Mitglieder der irakischen Baath-Partei aus allen Regierungsämtern zu jagen, das Militär aufzulösen und keine Übergangsregierung zu etablieren. Während Bush derzeit von "historischen Siegen" und "entscheidenden Momenten in der Geschichte" schwärme, warnten Militärgeheimdienste vor einem "weiteren Anwachsen der Gewalt" im Irak im kommenden Jahr, schreibt Woodward.

Auch innerhalb der US-Regierung habe es große Zweifel an der Irak- Politik gegeben. Der engste Berater von US-Außenministerin Condoleezza Rice, Philip Zelikow, soll schon zu Beginn 2005 in einem Memorandum den Irak als "gescheiterten Staat" bezeichnet und später erneut vor einem katastrophalen Scheitern der USA im Irak gewarnt haben. Woodward berichtet über erhebliche Differenzen zwischen Rice und Rumsfeld - und beschuldigt Rice, zwei Monate vor den Anschlägen vom 11. September 2001 als damalige Sicherheitsberaterin eindringliche Terrorwarnungen der US-Geheimdienste ignoriert zu haben.

Bush-Sprecher Tony Snow meinte abfällig, das Buch sei "wie Zuckerwatte, es schmilzt, wenn man es berührt". Innerhalb der Regierung, der Militärs und der Geheimdienste gebe es immer wieder unterschiedliche Analysen. "Aber der Gedanke, der Präsident weise Ratschläge zurück oder ignoriere sie, ist einfach falsch".

Reuters/DPA DPA Reuters

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