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"Was die Welt bewegt": Obamas Pakt mit dem Teufel

Barack Obama, seit drei Monaten im Amt und seit neustem stolzer Hundebesitzer, steckt in einem Dilemma: Um der Wirtschaftskrise Herr zu werden, braucht er die mächtigen Finanzoligarchen von der Wall Street. Gleichzeitig aber will er deren Einfluss beschneiden. Was nun, Mr. President?

Von Katja Gloger

Herzerwärmend, zuckersüß, beinahe so, als ob es diese Krise gar nicht gäbe. Eine Familie tollt beglückt durch den Garten, die Sonne scheint, sie begrüßen ihren neuen Hund, ein ziemlich schwarzes Knäuel mit weißen Pfoten, Bo heißt der freundliche Kerl, ein "PWD", Portugiesischer Wasserhund. Gerade mal sechs Monate alt, und schon zieht er einen lachenden Präsidenten kameragerecht an der Leine hinter sich her. Im Hintergrund blühen rote Tulpen, ein Springbrunnen plätschert, die Kinder strahlen, die Nation ist entzückt - und Barack Obama wäre nicht Präsident Obama, wenn mit dem neuen "First Puppy" nicht auch ein eleganter Polit-Gag verbunden wäre: der Hund ist ein Geschenk von Senator Ted Kennedy, dem schwerkranken Granden des US Senats, politisches Urgestein der Demokraten, der nun sein Lebenswerk mit Obamas Hilfe vollenden will.

Ein Hund für's Weiße Haus - das gehört bei allen US-Präsidenten dazu wie das alljährliche Eierlaufen und die Scharfschützen des Secret Service. So ein Hund ist preiswerte Dauerwerbung für den Präsidenten. Und in diesem Fall fügt sich Bo harmonisch in die Operation "Vertrauen schaffen" des White House. Knapp drei Monate ist der Präsident nun im Amt, von seiner Reise nach Europa hat er jede Menge neues Vertrauen, aber ziemlich wenig konkrete Ergebnisse mitgebracht. Knapp drei Monate im Amt, es herrscht eine Weltenkrise, es gilt, erste Zweifel an seiner Amtsführung zu zerstreuen: Die einen fürchten, der Präsident packe zuviel auf einmal an, die anderen kritisieren, er unternehme einfach nicht genug. Kann er es überhaupt leisten, einen Weg aus der Krise zu finden, ein neues Amerika zu bauen?

Also stellte sich Barack Obama jetzt an ein Pult und tat das, was er sicher gut kann: reden, überzeugen, begeistern. 45 Minuten lang sprach er zur düsteren Wirtschaftslage der Nation, mal wieder "Professor und Priester" zugleich, wie die Washington Post bemerkte. Er sprach, wie anders, von der tiefen Krise, den Herausforderungen und den harten Zeiten, die das Land noch durchmachen werde. Zugleich verkündete er optimistisch die ersten "Hoffnungsschimmer", auch wenn er offenbar der Einzige ist, der sie sieht. Vor allem aber bat er um Geduld - in einer Gesellschaft, die sich bislang über Instant-Erfolg und schnellen Profit identifiziert hatte.

Vor allem aber sprach Barack Obama davon, dass er in seiner Präsidentschaft das Fundament für ein neues Amerika legen wolle. Ein Haus, wie in der Bergpredigt, nunmehr auf Stein gebaut. Das Fundament: eine Gesundheitsreform, eine grüne Revolution, Bildung, Haushaltsdisziplin. Und zu diesem Fundament soll auch gehören: mehr Kontrolle über die Wall Street.

Barack Obama wollte die Zukunft eines neuen amerikanischen Kapitalismus zeichnen. Einen geläuterten, einen der Menschen dient, vielleicht gar sogar einen bescheideneren. Den gibt es, zumindest seiner Meinung nach. Der Mann hat ein Problem.

So mächtig und gierig wie sonst nur in Russland oder Südamerika

Denn in den USA hat sich in den vergangenen Jahren eine Finanzoligarchie etabliert, die so mächtig ist und so gierig wie sonst nur in Ländern wie Russland oder Südamerika. Dies zumindest behauptet Simon Johnson, einst Chefökonom des Internationalen Währungsfonds IMF, in einem Artikel des Monatsmagazin "Atlantic Monthly". Amerikas Oligarchen, die Herrscher der Wall Street, haben mit immer höheren Einsätzen gezockt in dem ganz großen Spiel - immer mehr, immer schneller, bis es zum unvermeidlichen Kollaps des Systems kam. Diese Oligarchen - Amerikas Banker und Finanziers -verhindern nun eine Lösung der Krise, glaubt Johnson. Denn sie verschleiern das wahre Ausmaß der Verluste im Finanzsystem, in den Banken. Vergeben aus Misstrauen keine Kredite mehr, lassen sich mit Steuergeldern "freikaufen", - und die Regierung lässt sich notgedrungen auf großzügige Deals mit Steuerzahlergeldern ein, mit denen sie letztlich das alte Finanzsystem rettet, Amerikas Oligarchien.

Und irgendwie passt eine Zahl in dieses Bild: 1,8 Milliarden Dollar. Dies ist der Gewinn, den die einstige Investmentbank Goldman Sachs für das erste Quartal dieses Jahres meldete. Als einzige amerikanische Großbank verbuchte sie einen derart satten Gewinn. Sicher, ein kleiner Taschenspielertrick half dabei, neue Bilanzregeln, nach denen beträchtliche Verluste aus dem vergangenen Jahr nicht mehr auftauchen mussten. Dennoch lieferte Goldman Sachs eine beeindruckende Zahl - ein Phönix aus der Asche, gerade einmal sechs Monate nach dem Zusammenbruch des Weltfinanzsystems. Ein Sieg aus eigener Kraft, ein Sieg des neuen, amerikanischen Kapitalismus? Wäre da nicht diese Firma, AIG, noch vor kurzem weltgrößter Versicherungsgigant, der im vergangenen Herbst die Welt um ein Haar in den Abgrund gerissen hätte. Der in buchstäblich letzter Minute mit Staatshilfen gerettet wurde - in einer dramatischen Sitzung, an neben Finanzminister Hank Paulson ( einst Chef von Goldman Sachs) auch dessen Nachfolger Lloyd Blankfein teilgenommen hatte. Denn den Herren von Goldman Sachs schuldete AIG viele Milliarden Dollar, vielleicht zu viele, um den Versicherer gehen zu lassen. 13 Milliarden hat AIG inzwischen an Goldman Sachs zurückgezahlt - Gelder, die AIG aus dem staatlichen Rettungsfonds erhalten hatte. 13 Milliarden Dollar Steuergelder.

Geholfen hat nur die Schwäche der anderen

Nein, hieß es in der Siegesmeldung aus der Wall Street, nicht die Staatshilfen hätten geholfen. Sondern allein die Schwäche der anderen. Das Scheitern, das Sterben, das Zögern anderer Banken. Und die Börse belohnte Goldmans Banker, deren Bezahlung ja auch auf Aktienoptionen basiert: der Kurs stieg gegenüber dem Tiefstand im vergangenen November schon wieder um gut 100 Prozent.

Der Präsident muss die Wirtschaft in Schwung bringen, er braucht Geld, ein funktionierendes Bankensystem, Kreditvergabe - und zwar rasch. Das Vertrauen, das er mit seinen wunderbaren Ansprachen in die Nation pumpt, reicht nicht. Es ist ein elendes Dilemma: Barack Obama braucht Amerikas Finanz-Oligarchen, deren Macht er zugleich beschneiden will. Es wäre nicht das erste Mal, das sich so ein Zweckbündnis als Pakt mit dem Teufel erweist.