9/11 Als Furcht zum Werkzeug wurde


US-Präsident Bush hatte eine einmalige Chance. Doch er verspielte die Sympathie der Welt und machte mit der Angst der Bürger Politik.

Es goss in New York City am Abend des 10. September 2001, dem Tag, als unsere Möbel in Containern aus Deutschland kamen. Ein Gewitter zog über die Stadt und brachte endlich Regen. Die Fans der New York Yankees, des berühmtesten Baseballklubs Amerikas, saßen tropfnass im Stadion in der Bronx und warteten auf den Beginn des Spiels gegen die Boston Red Sox, und viele trugen T-Shirts, auf denen "Boston sucks" stand, "Boston ist beschissen". Ein paar Stunden später stiegen in Boston Mohammed Atta und seine Helfer in zwei Flugzeuge.

Die Sonne schien am 11. September, keine Wolke am Himmel, 30 Grad bereits am frühen Morgen, der Regen hatte nicht die ersehnte Abkühlung gebracht. Im Radio sprachen sie über die Hitze, über das wegen des Unwetters abgesagte Yankees-Spiel, die für den Abend angesetzten Vorwahlen fürs Bürgermeisteramt und eine Praktikantin, die eine Affäre mit einem Kongressabgeordneten hatte und vermisst wurde. "Missing Chandra Levy" war bis dahin die Top-Geschichte des Sommers. "Missing" sollte in den Wochen darauf das dominierende Wort New Yorks werden. "Missing", mehrtausendfach. Missing war das Synonym für Tod.

Der Radiosender WCBS meldete es zuerst: Rauch aus dem World Trade Center. "Sieht aus, als wäre ein Sportflugzeug hineingeflogen. Ich kann ein kleines Loch erkennen", sagte der Verkehrsreporter, der in einem Helikopter saß. "Wir halten Sie auf dem Laufenden." Drei Tage später kam ich nach Hause zum Rasieren, Duschen und Wechseln der Klamotten, in denen feiner, weißer Staub hing und ein süßlich-fauliger Geruch. Freunde und Verwandte und Kollegen riefen ständig an und fragten "Kommt ihr zurück nach Hause, nach Deutschland?", und wir sagten "Wir sind zu Hause." Unsere neuen Nachbarn David und Myra schauten vorbei, und David war sehr besorgt. Er sagte: "Ihr braucht Batterien, Klebeband für die Fenster, falls die Terroristen jetzt Biowaffen benutzen. Tankt euren Wagen auf und lasst Wasser in die Wanne." David sagte noch "Jetzt ist Krieg", und als er gegangen war, schüttelten wir den Kopf. Eine zuvor und danach nie erlebte Stille legte sich über New York. Es war, das mag paradox klingen, eine friedliche, fast besinnliche und nachdenkliche Stille. Sie hielt nicht allzu lange an. Am Union Square versammelten sich Tausende von Menschen, hielten Mahnwachen und diskutierten. Es gab zwei Lager: Jene, die "nuke them" schrien, und die Gemäßigten, die zum Dialog aufriefen. Drei Tage nach den Angriffen kam der Präsident schließlich nach New York. Er schnappte sich ein Megafon und hielt, den pensionierten Feuerwehrmann Bob Beckwith im Arm, eine sehr emotionale Ansprache auf Ground Zero, die dampfenden Trümmer im Hintergrund. Er sprach von Vergeltung und Rache, aber selbst das war okay. George W. Bush hielt später auch eine Rede zur Lage der Nation, und es war eine gute, kraftvolle Rede, denn Bush war in den Tagen nach 9/11 ein guter Präsident, den die Amerikaner verehrten und weite Teile der Welt immerhin achteten. Amerika und George W. hatten alle Sympathien. Es war seine historische Chance.

Er hat sie fahrlässig vertan.

Fünf Jahre sind vergangen seit jenem Dienstagmorgen, an dem sich die Welt aus heiterem Himmel veränderte. Amerika führt seither zwei Kriege und hat keinen gewonnen, Bushs Ansehen und das des Landes ist auf einem historischen Tief. Bushs neokonservative Welterneuerer wollten die "hearts and minds", die Herzen und die Gedanken der arabischen Welt gewinnen - und verloren alles: Glaubwürdigkeit, Respekt, Ehre.

Das ist verdammt traurig und gewiss kein Grund zur Schadenfreude, einer deutschen Spezialität - "haben wir's nicht gewusst?, haben wir's nicht gesagt?" Fünf Jahre nach den Anschlägen fragen uns immer noch vor allem Leute aus Deutschland, wie wir es in diesem Amerika aushalten unter diesem Präsidenten, dem wahlweise: Faschisten, Volldeppen, Kriegstreiber oder Cowboy. Wie einer wie der habe wiedergewählt werden können und dass der Amerikaner nun keine Ausreden mehr hätte. Wer ist der Amerikaner?, fragen wir dann. Gibt es den Deutschen? Besser nicht. Alle in Sippenhaft mit Bush und seiner Clique? Hoch lebe das Klischee. Vor allem bei denen, die nie in den Vereinigten Staaten waren, "da kriegen mich keine zehn Pferde hin!", und Michael Moore als Kronzeugen der Anklage vergöttern. Wer die USA mit den gleichen Parametern beurteilt wie George W. Bush den Rest der Welt - schwarz und weiß, gut und böse -, ist nicht besser.

Die Sache ist dann doch etwas komplizierter.

Denn am Anfang war die Angst, und sie war real und berechtigt, 3000 Tote und Rauch über Downtown, der vom All aus zu sehen war. Das war die Lage nach dem 11. September; die Welt weinte mit Amerika und sogar mit Bush. Das Problem begann erst in dem Moment, als Furcht und Angst zu Werkzeugen wurden. Als mehr als tausend Muslime willkürlich aufgegriffen wurden für Tage, Wochen, Monate, Jahre. Erst im Juli, nach 58 Monaten, kam der Letzte von ihnen frei. Benamar Benatta, dessen Vergehen es gewesen war, ein abgelaufenes Visum zu besitzen und aus Algerien zu stammen.

So begann das alles. Angst rechtfertigte das Beschneiden der Bürgerrechte mit dem "USA Patriot Act", den die Regierung in Windeseile durch den Kongress winkte; kaum einer der 435 Abgeordneten hatte sich die Mühe gemacht, den Gesetzentwurf überhaupt zu lesen. Angst vor Terror gibt der Regierung seither das Plazet, systematisch in E-Mails zu schnüffeln und Telefone abzuhören, Verdächtige zu kidnappen, in Drittländer zu fliegen, dort inhaftieren und foltern zu lassen. Angst erklärt Guantánamo und Abu Ghreib und den dramatisch angeschwollenen Verteidigungshaushalt. Das Angst-Ticket verhalf Bush zur Wiederwahl, und mit einer gebetsmühlenartigen Angst-Rhetorik - "Wir wollen den Beweis für Saddams Massenvernichtungswaffen nicht in Form eines Atompilzes!" - läuteten er und seine Claqueure die Invasion des Irak ein. Dabei stand Saddam Husseins Sturz schon bei George W. Bushs Einzug ins Weiße Haus auf der Agenda. Die erste offizielle Sitzung mit der damaligen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice trug den vielsagenden Titel "Wie der Irak die Region destabilisiert". Das war im Januar 2001, und Attas Leute lernten gerade fliegen.

Das perfide Spiel mit Furcht und Schrecken hat funktioniert. 50 Prozent der Amerikaner glauben immer noch, dass der Irak zum Zeitpunkt der Invasion Massenvernichtungswaffen besaß, und schockierende 64 Prozent, dass Saddam enge Verbindungen zu al Qaeda unterhielt. Grober Unfug. Immerhin, vor ein paar Tagen hielt der US-Präsident eine ungewöhnlich lange Pressekonferenz und erzählte zum x-ten Mal, dass die Welt nun sicherer sei, und erwähnte zum x-ten Mal al Qaeda und den Irak in einem Atemzug, worauf ein Reporter den präsidialen Redeschwall mit der Frage "Was haben die beiden miteinander zu tun?" barsch unterbrach und Bush in einem Moment unerwarteter Ehrlichkeit "nothing" ausstieß. Da war es raus. "Nothing", nichts. Eben.

Und sie versuchen es wieder. Das Heimatschutz-Ministerium veröffentlichte vor kurzem eine Liste mit 77 000 potenziellen Terrorzielen in den USA, darunter eine Popcornfabrik der Amish People in der tiefsten Provinz des ohnehin provinziellen Bundesstaates Indiana, die jährliche Maultierparade von Columbia, Tennessee, und ein Bohnenfestival in Arkansas. New Yorks Times Square und die Freiheitsstatue fehlen vielleicht deshalb, weil New York schon seinen Anschlag hatte und nun Indiana dran ist oder Arkansas. Lachen oder weinen?

Im November sind wieder Wahlen für Senat und Repräsentantenhaus, und um die Republikaner steht es nach dem Irak-Fiasko schlecht. Ergo Angst. Wieder Angst, sie haben sonst nichts. Damals Irak, nun Iran. Führende Republikaner echauffieren sich darüber, dass die atomare Gefahr aus dem Iran kleingeredet werde und legten als Beweis den Report eines zweitrangigen Geheimdienstausschusses vor, der in seinen Übertreibungen und seiner Fehlerhaftigkeit stark den Irak-Lügen ähnelt und vom Nahost-Experten Gary Sick von der Columbia-Universität zerpflückt wird, "als schlampiger Versuch, abermals den Boden für einen Krieg zu bereiten".

Das wird Bush und Cheney und Rumsfeld nicht scheren, Kritik perlt an ihnen ab. Der Militärexperte Sam Gardiner ist sicher, dass die Blaupausen für mindestens einen weiteren Waffengang vorliegen und es nur eine Frage der Zeit ist, wann sie aus den Schubladen geholt werden. Ratio ist ja nicht die ausgewiesene Stärke der Bush-Regierung, die einer kruden Logik folgt, wie der Journalist Ron Suskind in seinem Buch "The One Percent Doctrine" enthüllt. Wenn nur ein Prozent der Indizien auf Bedrohung für Amerika schließen ließe, postulierte Vizepräsident Dick Cheney, sei das schon Gewissheit genug und Freibrief für "response", für "Antwort". Antwort ist ein feineres Wort für Krieg.

Nur, diesmal wär's anders. Diesmal würde das Land nicht blindlings folgen. Diesmal gäbe es Widerstand, und diesmal wäre Widerstand sogar patriotisch. Fünf Jahre und zwei Kriege nach dem 11. September sind die Amerikaner verdammt kriegsmüde und die US-Medien, nach erschütternd langer Besinnungslosigkeit, wieder angemessen kritisch und bissig. Fünf Jahre danach halten zwei Drittel der Bevölkerung des Landes den Irak-Feldzug für falsch und die Amtsführung des Präsidenten für desaströs. Vielleicht muss er sich etwas Neues einfallen lassen. Vielleicht zieht Angst allein nicht mehr. Man gewöhnt sich an sie. Man lernt, mit ihr zu leben, wie die Briten und Spanier mit IRA und ETA.

Selbst unsere Nachbarn David und Myra sind im Lauf der Jahre entspannter geworden. Irgendwann kauften sie kein Klebeband mehr für die Fenster und keine Batterien, und ihr Wagen war auch nicht mehr ständig vollgetankt, und die Wanne wurde zum Baden benutzt. Sie hörten ganz einfach auf, jede Terrorwarnung der Regierung ernst zu nehmen und darauf zu reagieren wie Pawlowsche Hunde. Sie hörten auf, auf Befehl ängstlich zu sein. David und Myra halten es vielmehr wie ihre deutschen Nachbarn: Sie haben jetzt immer eine Flasche Whiskey im Haus.

Michael Streck print

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