HOME

Afghanistan: Verheiratet, noch vor der ersten Periode - drei Frauen berichten über ihr Schicksal

Khadija ist verheiratet, Fawza verwitwet und Soraya geschieden. In ihrem Alltag müssen sie gegen Traditionen, Normen, manchmal sogar gegen ihre eigenen Familien, ankämpfen. Sie tun es alle aus demselben Grund.

Von Stefanie Glinski, Kabul

Fawza wurde zwangsverheiratet bevor sie ihre Tage hatte

Fawza weiß nicht, wie alt sie war, als zwangsverheiratet wurde. Aber es war, bevor sie ihre erste Periode hatte

stern

Khadija sitzt auf dem Teppichboden ihres Wohnzimmers, zwei Kinder in ihren Armen, drei Finger in die Luft haltend: Ihr erster Ehemann war Talibankämpfer, der zweite Polizist. Jetzt ist die 19-Jährige zum dritten Mal verheiratet - der Mann, ein Übersetzer für das amerikanische Militär.

Das alte Lehmhaus, in dem sie sitzt, ist dunkel und kalt, die Decke bröckelt und auch bei Khadija bröckeln die Emotionen, denn die letzten Jahre waren schwer.

"Mit 14 war ich eine Talibanbraut"

Sie war 14 Jahre alt, als sie Ziaullahq heiratete. "Sozusagen war ich damals eine Talibanbraut", sagt die junge Mutter, halbwegs scherzend, aber doch irgendwie ernst.

An Ziaullahq konnte sie sich gewöhnen. "Er war mein Mann, ich hatte ja gar keine andere Wahl", sagt Khadija. "Abends kam er oft spät nach Hause. Ich wusste, dass Menschen töten Teil seines Berufes war, aber darüber sprach er nie mit mir. Er legte sich dann zu mir, sah mich an und fasste mich an. Auch da hatte ich keine andere Wahl - nicht hier in Afghanistan."

An den Tag, als eine Nachbarin an Khadijas Tür klopfte, der Schock in ihr Gesicht geschrieben, kann sie sich gut erinnern. Ziaullahq wurde in einem US-Luftangriff getötet. "Wir waren gerade einmal drei Monate verheiratet. Ich weinte", erinnert sich die junge Frau, die fast von Kopf bis Fuß mit einem schwarzen Tuch bedeckt ist. "Heute lebe ich nur noch für meine Kinder."

Interview mit Jahan Taabs : Das Foto dieser jungen Afghanin ging um die Welt - das ist ihre bewegende Geschichte

Zusammen mit ihren Söhnen Sayed, 2, und Abdul, 1, wohnt sie in einem kleinen Haus in einer ländlichen Gegend in Helmand, einer südlichen Provinz in Afghanistan in der der Krieg weiterhin wütet. Es ist hier nicht untypisch, dass es in einer Familie Talibankämpfter und Regierungssoldaten vorkommen. "Die Familie ist wichtiger als die Politik. Gegenseitig halten wir zusammen, auch wenn wir verschiedene Seiten vertreten", erklärt Khadija, die nach dem Tod ihres Mannes dessen Bruder heiratete - einen Polizisten.

Witwe heiratet den Bruder des Verstorbenen

"Mein erster Mann wurde von den Amerikanern getötet und mein zweiter in einem Angriff von der Taliban", sagt sie, während sie in einer kleinen Schachtel kramt, die sie normalerweise unter ihrem Bett aufbewahrt. Sie zieht ein altes Foto heraus - drei Männer sind darauf - drei Brüder.

"In Afghanistan ist es Tradition, dass eine junge Witwe den Bruder des Verstorbenen heiratet", sagt Shamsullah, Khadijas jetziger Ehemann.

Auch nach dem Tod ihres zweiten Mannes weinte sie. "Damals war ich schwanger. Es machte mich traurig, dass mein Mann unseren Sohn niemals sehen würde."

Ihre jetzige Ehe mit dem 22-jährigen Shamsullah beschreibt Khadija als friedlich. "Aussuchen konnte ich mir die Situation sowieso nicht. Als junge Witwe meine Kinder allein großzuziehen geht hier kaum. Mit Shamsullah habe ich nun einen weiteren Sohn. Das Leben geht schließlich voran."

Ein Bündnis zu einer Seite des Konfliktes verspürt Khadija nicht. "Irgendwie sind sie alle meine Feinde - die Regierung, die Taliban und die Amerikaner, denn sie haben mir so viel Leid zugeschrieben. Trotzdem war ich sozusagen mit allen Seiten des Krieges verheiratet. Jetzt lebe ich für meine beiden Söhne. Ich will, dass sie zur Schule gehen können und ein ruhiges, einfaches Leben haben."

"Einfacher", das soll es auch für Fawzas zwei Töchter sein, die mit ihrer verwitweten Mutter in der Hauptstadt Kabul lebt.

Khadija ist 19 und zum dritten Mal verheiratet

Khadija ist 19 Jahre alt und zum dritten Mal verheiratet: ihr erster Mann war ein Talibankämpfer, der zweite Polizist, der dritte ist ein Übersetzer für das amerikanische Militär.

stern

"Meine Schwiegereltern haben mir gedroht, mir die Kinder zu entreißen wenn ich aus ihrem Haus ausziehe", erzählt Fawza verzweifelt. Vor dem Tod ihres Mannes, der von seinem eigenen Bruder ermordet wurde, waren es die täglichen Vergewaltigungen, die Fawza ertragen musste.

"Ich weiß nicht genau, wie alt ich war, als ich zwangsverheiratet wurde, aber es war noch bevor ich meine Periode bekam", erinnert sie sich. "Während unserer Hochzeitsnacht habe ich mich gewehrt. Ich habe geschrien, doch es hat nichts gebracht. Mein Mann war stärker und anfangs ließ mich der Schmerz und die Angst in Ohnmacht fallen."

Die Schwiegereltern in Afghanistan schlagen sie fast bewusstlos

Jahrelang ertrug sie Vergewaltigung, doch nach dem Tod ihres Mannes begann die körperliche Gewalt, die die 32 heute erträgt. "Meine Schwiegereltern schlagen mich fast bewusstlos, doch ohne meine Töchter werde ich nicht fliehen."

Das Sorgerecht ist in Afghanistan eine Familienangelegenheit, und obwohl Fawzas Töchter bereits im Teenageralter sind, ist es die Familie ihres verstorbenen Mannes, die über die Kinder entscheiden. "Ich lebe nun wie in einem Gefängnis mit meinen Schwiegereltern", sagt Fawza, die meist einen blauen Burka - ein traditionelles afghanisches Gewand, dass selbst das Gesicht einer Frau völlig verdeckt - trägt.

"Wenn ich nach draußen gehe, beschuldigen sie mich, eine Prostituierte zu sein, selbst wenn ich zum Einkaufen auf den Markt gehe", sagt Fawza mit bebender Stimme. Sie sitzt in ihrem kleinen dunklen Wohnzimmer. Von Draußen ist das Hupen der vorbeifahrenden Autos zu hören. Hier drinnen ist es still, die Luft ist schwer. Langsam rollen dicke Tränen aus Fawzas Augen, dann ihre Wangen herunter.

"Ich werde diese Hölle durchstehen, denn ich will das Beste für meine Kinder. Ich will, dass sie zur Schule gehen können und ich will verhindern, dass sie ebenfalls früh heiraten." Im letzten Jahr konnte sie die Hochzeit ihrer 11-jährigen Tochter Bibi verhindern, die von ihren Schwiegereltern organisiert wurde. "Abhauen geht hier nicht. Wir haben nicht einmal unsere Pässe, denn sie wurden uns weggenommen. Für meine Kinder ertrage ich das alles", sagt sie. "Mein Protest ist ein Leiser, doch das ist meine einzige Art zu kämpfen."

Soraya ist alleinerziehende Mutter

Soraya ist alleinerziehende Mutter - in Afghanistan ein fast unbekanntes Szenario 

stern

Den Kampf mit ihrem Mann und dessen Eltern hat Soraya bereits nach drei Jahren aufgegeben. Heute ist sie alleinerziehende Mutter - in Afghanistan ein fast unbekanntes Szenario. So unbekannt, dass sie nicht einmal eine Wohnung für sich und ihren siebenjährigen Sohn mieten kann.

"Die Gespräche mit Vermieten verlaufen immer gleich. 'Wo ist dein Mann? Allein kannst du hier nicht wohnen. Das wollen wir nicht. Was werden die Nachbarn denken?' Das ist ein Skandal", erzählt Soraya, die nun mit ihren Eltern in einer Dreizimmerwohnung im vierten Stock mit dicken Teppichen und schweren Glanzvorhängen wohnt.

"Ich bin eine Rebellin"

Doch was andere Menschen denken, ist Soraya, die seit einem halben Jahr als Tätowiererin arbeitet, meist egal.

"Ich bin eine Rebellin", erzählt die 26-jährige, die ohne Kopftuch und in Leggins aufrecht und mit überschlagenen Beinen auf ihrem Sofa sitzt. Sie ist stark geschminkt und trägt einen Piercing unter der Lippe. Ihr Sohn Rasa sitzt neben ihr.

Als ihre Eltern sie mit 17 Jahren in den Iran schickten, um dort einen Cousin zu heiraten, der dort als afghanischer Flüchtling lebte, war sie noch nicht rebellisch.

"Das war Tradition, also habe ich das gemacht", erzählt sie, irgendwie beschämt. "Ich wusste nicht, dass mein Mann abhängig von Opium und Crystal Meth war. Es ging vom ersten Tag an nicht gut."

Gewalterfahrungen in Afghanistan: Den Krieg im Kopf
Muschtari, 20 Jahre, verheiratet  Mit ihren Freundinnen ist Muschtari (gelber Schal) auf dem Weg zu einem Picknick. Sie wurde gerade aus dem Krankenhaus entlassen. Muschtari wird von Schmerzattacken heimgesucht, die keine klare körperliche Ursache haben, und hat immer wieder psychotische Phasen, in denen sie um sich schlägt und versucht, sich zu verletzen. Die Ärzte vermuten ein Trauma als Ursache. Doch was genau ihr passiert ist, will Muschtari nicht sagen.

Muschtari, 20 Jahre, verheiratet

Mit ihren Freundinnen ist Muschtari (gelber Schal) auf dem Weg zu einem Picknick. Sie wurde gerade aus dem Krankenhaus entlassen. Muschtari wird von Schmerzattacken heimgesucht, die keine klare körperliche Ursache haben, und hat immer wieder psychotische Phasen, in denen sie um sich schlägt und versucht, sich zu verletzen. Die Ärzte vermuten ein Trauma als Ursache. Doch was genau ihr passiert ist, will Muschtari nicht sagen.

An einen Moment erinnert sie sich besonders gut. "Ich kam nach Hause und mein Mann fing an mich zu beschimpfen und zu schlagen. Meine Schwiegereltern waren zu Besuch eingeladen, das wusste er auch. Kurz bevor sie die Tür unserer Wohnung öffneten, riss er mir die Kleidung vom Leib. Ich stand nackt vor ihnen und mein Mann - er lachte. Die Demütigung gefiel ihm."

Drei Jahre dauerte es, bis Soraya ihren Weg zurück nach Afghanistan fand. "Auf einem Heimatbesuch reichte ich die Scheidung ein. Ich wusste, dass ich keinen weiteren Moment im Iran bleiben konnte."

"Ich weiß, dass viele Frauen neben mir stehen werden"

Heiraten will die 26-jährige nicht mehr, obwohl sie derzeit in einer Beziehung ist. "Was ich will ist Veränderung in unserem Land, besonders für meinen Sohn", sagt sie entschlossen. "Wir haben in den letzten Jahren viel Fortschritt gesehen, aber wenn die Taliban zurückkommen, ist eines klar: Ich werde die erste sein, die aufsteht und sich dagegen wehrt - und ich weiß, dass viele andere Frauen neben mir stehen werden."