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Afghanistan: Anschläge verhindern Öffnung von Wahllokalen

Raketenangriffe und Bombenanschläge der Taliban haben am Samstag die Öffnung von Wahllokalen verhindert oder verzögert, die Parlamentswahl in Afghanistan insgesamt aber nicht verhindert.

Raketenangriffe und Bombenanschläge der Taliban haben am Samstag die Öffnung von Wahllokalen verhindert oder verzögert, die Parlamentswahl in Afghanistan insgesamt aber nicht verhindert. Bei einem Raketenangriff in der östlichen Provinz Ghasni wurden nach Polizeiangaben zwei Menschen getötet, der Gouverneur der Taliban-Hochburg Kandahar entging mit seiner Fahrzeugkolonne einem Bombenanschlag.

Gouverneur Turjalai Wessa rief die Wähler in seiner Provinz nach dem Anschlag auf, sich nicht einschüchtern zu lassen und zur Wahl zu gehen. "Die Lage ist unter Kontrolle", sagte er. "Es gibt nichts, wovor man Angst haben muss. Der Feind will, dass die Wahl scheitert - wenn ihr also die Aufständischen aus eurem Land weg haben wollt, müsst ihr herauskommen und eure Stimme abgeben." Die Wahllokale waren bis 13.30 Uhr geöffnet, die Wahlbeteiligung schien sehr unterschiedlich auszufallen. Bei der Wahl bewerben sich rund 2.500 Kandidaten um 249 Sitze im Parlament.

Die erste Wahl seit der umstrittenen Präsidentenwahl vor einem Jahr gilt in mehrfacher Hinsicht als Gradmesser der politischen und sicherheitspolitischen Entwicklung Afghanistans. Auf dem Prüfstand steht die Fähigkeit der afghanischen Regierung, landesweit eine faire und sichere Wahl abhalten zu können. Die Abstimmung gilt zudem als wichtiger Indikator für die Bereitschaft der afghanischen Bürger, trotz Gewaltdrohungen der Taliban ihre Stimme abzugeben. Und sie zeigt zudem die Fähigkeit der Aufständischen auf, die Wahl zu stören oder zu verhindern.

Westlich von Kandahar bildeten sich im Bezirk Schari Schlangen von Wählern vor Wahllokalen. Im Schari-Bezirk gründete Taliban-Führer Mullah Omar vor 16 Jahren die radikalislamische Organisation.

Nach amtlichen Angaben schlugen in Kabul sowie den Städten Ghasni, Gardes und Dschalalabad im Osten, Kandahar und Nimros im Süden und Baghlan im Norden Raketen ein. Explosionen in Wahlzentren in Kabul, Dschalalabad und der östlichen Provinz Chost verzögerten die Öffnung der Wahllokale, es wurde aber niemand verletzt.

Viele Wahllokale öffneten ohne Zwischenfall. Manche wie im Bezirk Surch Rud in der Provinz Nangarhar, wurden von bewaffneten Taliban an der Öffnung gehindert. Soldaten der NATO und der afghanischen Streitkräfte vertrieben nach amtlichen Angaben die Taliban; zwei Wahllokale wurden mit mehrstündiger Verspätung geöffnet. In Chost explodierte nach Polizeiangaben in der Nähe eines Wahllokals ein Sprengsatz; nach einer Stunde sei die Wahl fortgesetzt worden. In der nördlichen Provinz Sar-i-Pul vertrieben Aufständische Sicherheitskräfte und Wahlhelfer eines Wahllokals, schlugen Fenster ein und zerstörten die Wahlurne, sagte Polizeichef Bulal Neram. Es habe aber keine Verletzten gegeben.

Das Innenministerium in Kabul zog eine positive Bilanz des Wahlverlaufs. Die Gewalt sei "unbedeutend", sagte Ministeriumssprecher Semeri Baschari. Wahllokale seien in großer Zahl geöffnet."

Die Wahlbeteiligung war sehr unterschiedlich: Vor einer Moschee in Kabul, die als Wahllokal diente, warteten am Morgen rund 100 Männer darauf, ihre Stimme abzugeben. Anderswo in der Hauptstadt waren nur wenige Wähler in den Wahllokalen zu sehen. Die Raketenangriffe in Ghasni schreckten offenbar viele Wähler davon ab, zur Wahl zu gehen. Ein Sprecher der gleichnamigen Provinz sagte, die ersten Wähler seien erst am späten Vormittag gekommen.

Vor einer Grundschule in Kabul warteten rund 20 Männer eine Stunde vor Öffnung des Wahllokals auf ihre Stimmabgabe. "Ich bin gekommen, weil ich Wohlstand und Stabilität für Afghanistan will", sagte der 50-jährige Mohammed Husman, ein Angestellter im Öffentlichen Dienst. "Ich mache mir Sorgen wegen Betrugs und der Sicherheitslage besorgt. Ich hoffe, meine Stimme geht an die Person, die ich gewählt habe."

Einen Tag zuvor hatte Präsident Hamid Karsai die Bevölkerung aufgerufen, sich ungeachtet der Drohungen der Taliban an der Wahl zu beteiligen. Er gab seine Stimme am Samstag in einer Oberschule in der Hauptstadt ab. Die Wahl sei sehr wichtig, sagte Karsai am Freitag vor Journalisten. Er hoffe, dass jeder daran mitwirke. Karsai erklärte weiter, die Taliban sollten ihrem Land dienen und an der Wahl teilnehmen, Afghanistan aufbauen und zu Stabilität beitragen. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden landesweit verstärkt.

Der Zivilbeauftragter der NATO in Afghanistan, Mark Sedwill, sagte, auch bei der Parlamentswahl sei wie bei der Präsidentenwahl vor einem Jahr mit Unregelmäßigkeiten zu rechnen. "Die wirklich wichtige Frage ist das Ausmaß davon und ob es das Ergebnis beeinflusst. Und ob es sich auf die Glaubwürdigkeit der Wahl auswirkt, nicht in unseren Augen, sondern denen des afghanischen Volkes."

APN / APN