Afghanistan Bundeswehr befiehlt Luftschlag - Mehr als 50 Tote


Bei einem von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff auf zwei von den Taliban gekaperte Tanklaster sind Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Inzwischen wird an der Darstellung des Bundesverteidigungsministerium gezweifelt, dass unter den Toten keine Zivilisten sind.

Durch einen von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff auf zwei von den Taliban gekaperte Tanklaster sind in Nordafghanistan Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Eine Eskalation dieses Ausmaßes hat es in dem Verantwortungsbereich der Deutschen in Afghanistan laut Bundesverteidigungsministerium noch nicht gegeben.

An der Darstellung des Ministeriums, es seien keine Zivilisten ums Leben gekommen, kamen Zweifel auf. Einem Zeitungsbericht zufolge, wird die Bundeswehr von der Nato gedrängt, ihre Informationspolitik diesbezüglich zu ändern. Einzelheiten darüber, ob und wie viele Zivilisten bei dem Bombardement der Tanklaster in der Nacht zum Freitag in der Provinz Kundus starben, sind aber noch unklar.

Karsai: "Unschuldige Zivilisten"

Das Verteidigungsministerium in Berlin sprach von mehr als 50 getöteten Aufständischen und erklärte: "Unbeteiligte sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen." Der afghanische Präsident Hamid Karsai ließ in Kabul mitteilen, es seien "rund 90 Menschen getötet oder verletzt" worden. Er äußerte sein "tiefes Bedauern" und erklärte: "Unschuldige Zivilisten sollten bei Militäroperationen nicht getötet oder verwundet werden."

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen kündigte eine Untersuchung an. Ein Team von Ermittlern unter der Leitung eines Admirals der Nato-geführten Schutztruppe ISAF sei bereits an den Ort des Geschehens geschickt worden. "Das afghanische Volk muss wissen, dass uns alles daran liegt, es zu schützen, und dass wir diesen Vorfall umfassend und umgehend untersuchen werden", sagte Rasmussen in Brüssel. "Es ist möglich, dass es auch zivile Opfer gab, aber das ist noch nicht klar."

Nato-Bomber kamen nachts

Nach Angaben der Bundeswehr hatten Taliban-Kämpfer in der Nähe von Kundus einen Kontrollposten errichtet und dort gegen 01.50 Uhr Ortszeit zwei beladene Tanklastzüge in ihre Gewalt gebracht. Die Taliban hätten den Treibstoff in den Unruhedistrikt Char Darah bringen und selbst nutzen wollen. Bei der Durchquerung des Flusses Kundus sechs Kilometer vom deutschen Wiederaufbauteam entfernt seien sie mit den Fahrzeugen in einer Sandbank steckengeblieben. Von der Bundeswehr angeforderte Nato-Flugzeuge hätten sie dann um 02.30 Uhr bombardiert.

Der Angehörige eines Opfers aus dem betroffenen Dorf Hadschi Amanullah sagte: "In der Gegend waren auch Taliban, aber mehr Opfer gibt es unter Zivilisten." Der Mann namens Nadschibullah berichtete, auch sein Cousin sei tot. Insgesamt seien "mehr als 150 Menschen getötet oder verletzt" worden.

Opfer "schwer verbrannt"

Die Bewohner seien aus ihren Häusern gekommen, als sie den Lärm der Tanklastwagen hörten, und nicht, um sich Benzin zu holen. Der Polizeichef von Kundus sagte, eine "Anzahl Zivilisten" sei getötet worden. Ein Taliban-Sprecher nannte die Zahl 150. Der Gouverneur der Provinz Kundus sagte: "Das Problem ist, dass all diese Menschen rund um die Tanklastwagen schwer verbrannt wurden und es unmöglich ist, sie zu identifizieren." Unter den Toten seien vier oder fünf Anführer der Taliban gewesen. Der Treibstoff sei für die Bundeswehr gewesen.

Die Internationale Schutztruppe ISAF und afghanische Stellen richteten eine Untersuchungskommission ein. "Die Isaf bedauert jeden unnötigen Verlust von Menschenleben und ist zutiefst besorgt über das Leid, das diese Aktion unseren afghanischen Freunden bereitet haben könnte", teilte ISAF-Sprecher Eric Tremblay mit. EU-Chefdiplomat Javier Solana sagte: "Es tut mir für die Familien der Menschen, die bei der Explosion der Benzintankwagen getötet wurden, sehr leid."

Nato drängt auf andere Informationspolitik

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin sagte unter Berufung auf das vor dem Angriff erstellte "operative Lagebild": "Sie können davon ausgehen, dass der Angriff angeordnet wurde, weil keine unbeteiligten Zivilpersonen durch den Angriff hätten zu Schaden kommen können." Und: "Bei anwesenden Zivilisten hätte der Luftangriff nicht stattfinden dürfen." Der Schutz von Zivilisten habe für die Bundeswehr oberste Priorität. Bei dem deutschen Befehlshaber handele es sich um einen "ausgesprochen besonnenen Offizier, der alles andere als ein Hasardeur ist". Den Journalisten "im warmen Sessel in Berlin" möge die kurze Zeit zwischen Kaperung und Luftangriff ein Hinweis sein, ob "mitten in der Nacht größere Menschenmengen" zusammenkommen könnten.

Aus Nato-Kreisen hieß es dagegen laut "Kölnischer Rundschau" und "Stuttgarter Zeitung", diese Darstellung sei nicht aufrechtzuerhalten. Die Nato dränge die Bundeswehr zu einer anderen Informationspolitik. Es widerspreche allen Erfahrungen, dass sich 50 Aufständische um zwei liegengebliebene Tanklaster versammelten, heißt es in den Berichten unter Berufung auf andere Quellen.

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verteidigte in einem Interview mit den "Badischen Neuesten Nachrichten" (Samstag) den Bundeswehr-Befehl für den Luftangriff. "Gerade im Raum Kundus herrscht eine besonders kritische Situation", sagte Jung in Karlsruhe. Bei den Taliban habe man es mit einem brutalen, aber leider auch mit einem intelligenten Gegner zu tun.

DPA DPA

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