HOME

Afghanistan: Plädoyer für Demokratie

Kaum ein Ort in Afghanistan symbolisiert den Aufbruch in die Demokratie besser. Im Stadion von Kabul, Hinrichtungsstätte unter den Taliban, fanden die Abschlusskundgebungen des Wahlkampfes statt.

Trommeln hallen durch das Sportstadion von Kabul, die Menge ruft: "Lang lebe Karsai! Karsai ist unsere Zukunft!" Rund 6.000 Menschen sind zum Wahlkampfabschluss des afghanischen Übergangspräsidenten Hamid Karsai gekommen. Unter den Taliban war das Stadion bis zu deren Sturz im Jahr 2001 die bevorzugte Hinrichtungsstätte - und die Bevölkerung wurde aufgefordert, an diesen grausigen Aufführungen teilzunehmen.

<"Großartige Veränderung"

Die Islamisten richteten ihre Opfer im Stadion mit dem Schwert oder durch Kopfschuss hin. Frauen behielten ihre Burka an; für das Todesurteil reichte mitunter schon der Vorwurf des Ehebruchs. Viele Kriminelle wurden nicht umgebracht, stattdessen wurden ihnen Hände oder Füße abgehackt. "Ich erinnere mich noch an diese Zeit", sagt Abdul Habib schaudernd. Der 60-jährige KFZ-Mechaniker fügt hinzu: "Jetzt ist dies ein Ort der Unterhaltung und ein Platz, an dem wir unsere Kandidaten anhören. Die Regierung von Karsai hat uns diese großartige Veränderung gebracht".

Kaum ein Ort symbolisiert besser den Wechsel vom Regime der Taliban zum Aufbruch in die Demokratie. Die tausenden Einschusslöcher aus den Jahren des Krieges im Beton erinnern die Menschen an das, was auf dem Spiel steht: Karsai ruft seinen Anhängern zu, ihre Stimmabgabe bei der ersten Präsidentschaftswahl des Landes am Samstag werde "den Grundstein in einer Mauer der Demokratie legen, die für Jahrzehnte und Jahrhunderte in unserem Land stehen wird".

Die Narben des Krieges mahnen die Menschen auch an die aktuellen Gefahren: Bei einem im September geplanten Auftritt im Osten des Landes feuerten mutmaßliche Taliban-Rebellen eine Rakete auf den Hubschrauber Karsais, seither blieb Karsai weitgehend in seinem schwer bewachten Präsidentenpalast in der Hauptstadt. Im Stadion bewachen ihn am Mittwoch schwer bewaffnete Leibwächter der US-Armee, afghanische Kommandokämpfer und hunderte Soldaten der afghanischen Armee.

Karsai gilt als haushoher Favorit

Auch die anderen Konkurrenten hielten ihre Wahlkampagne weitgehend hinter verschlossenen Türen ab und bemühten sich vor allem um die Unterstützung der Stammesältesten. Doch Karsai gilt als haushoher Favorit gegen die 17 weiteren Kandidaten: Er hat sich nicht nur die Unterstützung der wichtigsten Führer aus seiner eigenen, größten Volksgruppe des Landes - den Paschtunen - gesichert, sondern verfügt auch in den anderen ethnischen Gruppen über Rückhalt. Karsai sieht sein Hauptziel im Wiederaufbau und in der Beschneidung der Macht der Stammesführer, die noch immer einen Großteil des Landes unter ihrer Kontrolle halten. Für Samstag erwartet er eine Wahlbeteiligung über 50 Prozent, wie er der Wochenzeitung "Die Zeit" sagte. Sein Land werde noch "rund ein Jahrzehnt lang" internationale Hilfe benötigen.

Eine der letzten Veranstaltungen des Wahlkampfes wird Usbeken-General Abdul Raschid Dostum abhalten, auch er wollte am Mittwoch im Stadion auftreten. Laut afghanischem Wahlgesetz wird der Wahlkampf am Donnerstag und Freitag ausgesetzt. Karsais schärfster Rivale, Junus Kanuni, sprach bereits am Dienstag vor 2.000 Menschen im Sportstadion von Kabul.

Paul Haven/AP / AP