HOME

Afrika: "Boykott gegen Mugabe"

Mit aller Gewalt hat sich Simbabwes Diktator erneut das Präsidentenamt gesichert. Im stern-Gespräch fordert der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu den Einsatz von Blauhelmen zum Schutz des Volkes.

Die Wahl von Präsident Mugabe war eine Farce. Oppositionspolitiker wurden verfolgt und ermordet. Die Menschen in Simbabwe hungern, Millionen sind bereits geflohen. Wie konnte ein Staat, der einst mit großen Hoffnungen gegründet wurde, so verkommen?

Es ist zum Verzweifeln, was da in Simbabwe passiert. Und schwer zu erklären. Wie konnte es kommen, dass ein Land wie Deutschland den Holocaust zu verantworten hat? Robert Mugabe war jemand, den die meisten von uns sehr hoch achteten. Nicht nur, weil er den Kampf gegen das Kolonialregime gewonnen hat, sondern weil er nach der Machtübernahme an den Weißen keine Rache nahm. Die Politik des friedlichen Übergangs, für die Südafrika später große Anerkennung erntete - er hat sie uns vorgemacht. Und er war ein beredter Politiker mit klaren Zielen und sicherem Auftreten, bei der Queen ebenso wie bei Landarbeitern. Wo auch immer er in Afrika erschien, war er sofort von Journalisten umringt, und die Menschen himmelten ihn an.

Diesen Mann haben Sie neulich einen "Frankenstein" genannt.

So ist es.

Wie wurde er zu diesem Monster?

Er war die unumstrittene Nummer eins bei den Afrikanern. Und dann kam ein alter Mann aus dem Gefängnis, und die Menschen ließen Mugabe fallen wie eine heiße Kartoffel. Nun hingen alle an den Lippen von Nelson Mandela, er war ihr neuer Held. Es gibt nicht sehr viele Männer, die so etwas verwinden können. Plötzlich Nummer zwei zu sein? Er war ja nicht einmal das, er war nichts mehr. Das erklärt vielleicht auch, weshalb Thabo Mbeki...

… der südafrikanische Präsident...

…keinen härteren Kurs gegen Mugabe einschlägt. Ihm ging es ja ähnlich. Als Nachfolger von Nelson Mandela hat er selbst erlebt, wie es ist, in dessen Schatten zu stehen. Der Jüngere zu sein, der nicht im Gefängnis war, sondern "nur" im Exil.

Hatte Mugabe niemand, der ihm Halt gab?

Das kommt ja noch hinzu: Seine erste Frau, Sally, die entscheidenden Einfluss auf ihn hatte, starb 1992.

Sie war sehr beliebt, seine Verbindung zum Volk, Mutter der Nation.

Seine zweite Frau, Grace, ist viel, viel jünger. Vor ihr glaubt er sich beweisen zu müssen. Er ist ja auch schon 84. Was sie mit ihm macht, ist verheerend.

Sind Sie mit Mugabe in Kontakt?

Nicht mehr. Zuletzt traf ich ihn 1990, bei der Feier zum zehnten Jahrestag der Befreiung. Da lief die Wirtschaft, exportierte Simbabwe noch Tabak und Getreide.

Und heute haben Sie versucht, auf ihn einzuwirken?

Wissen Sie nicht, was er über mich gesagt hat?

Er nannte Sie einen "üblen, zornigen, kleinen Bischof".

Wenn ich ihn sprechen wollte, würde das nur seinen Blutdruck hochtreiben.

Redet ihm niemand ins Gewissen? Was ist mit seinen alten Mitstreitern? Die haben doch für Freiheitsideale gekämpft?

Ja, das haben sie. Aber als es darum ging, die große Ungerechtigkeit der Landverteilung zu korrigieren, bekamen nicht die Landlosen Besitz zugesprochen, sondern die Kumpane des Staatschefs. Menschen müssen ein sehr hohes moralisches Ethos haben, um solchen Versuchungen zu widerstehen. Selbst ein anglikanischer Geistlicher, der Bischof der Hauptstadt Harare, bekam Land. Er wurde zu einem der glühendsten Anhänger Mugabes.

Hat Mugabe das Heft noch in der Hand, oder ist er eine Marionette des Militärs?

Er ist keine Marionette, aber die halten schon die Hand über ihn. Ich glaube, man sollte ihm den Abgang leicht machen. Man sollte ihm eine Anklage vor dem Internationalen Gerichtshof ersparen, wenn er jetzt freiwillig zurücktritt. Um das Leiden der Menschen zu verkürzen.

Wie reagieren die Menschen in Südafrika darauf, dass nun England, die einstige Kolonialmacht, Mugabe so scharf anklagt?

Früher waren die Leute empört, wenn der Westen ihren Helden angriff, und Mugabe nutzte das geschickt aus. Die Opposition in seinem Land verunglimpfte er als Handlanger fremder Mächte. Heute verurteilt die überwältigende Mehrheit in Südafrika seine Politik und wünscht, er würde zurücktreten. Die Folgen der Krise in Simbabwe bekommen ja auch wir zu spüren, mit drei bis sechs Millionen Flüchtlingen im Land. Die internationale Gemeinschaft muss reagieren.

Aber die Regierungschefs der Region halten sich mit ihrer Kritik vornehm zurück.

Das stimmt nicht. Botsuana, Sambia, Tansania, Nigeria haben sehr deutliche Worte gefunden. Das hat allerdings viel zu lang gedauert. Und es fehlt in der Tat eine gemeinsame Erklärung, in der steht: Die Regierung Mugabe ist nicht mehr der legitime Vertreter von Simbabwe.

Warum?

Viele scheuen eben immer noch davor zurück, den einstigen Freiheitshelden fallen zu lassen. Und andere wollen nicht aus der Reihe scheren. Das ist nicht nur in Afrika so. Schauen Sie doch, wie lange westliche Länder brauchten, sich gegen den Irak- Krieg auszusprechen. Aber ich will das Verhalten der afrikanischen Nachbarn nicht rechtfertigen, sie sollten jetzt handeln und den Airlines die Überflugrechte von und nach Simbabwe verweigern.

Ein Boykott wie gegen Südafrika zu Zeiten der Apartheid?

Es kann lange dauern, bis Simbabwe wirklich demokratische Wahlen erlebt, aber es müssen Maßnahmen ergriffen werden, um sofort die Gewalt zu beenden. Es ist doch ein Skandal, wenn immer noch Waffen aus Südafrika ihren Weg nach Harare finden. Als sich südafrikanische Gewerkschaften vor einigen Wochen weigerten, ein chinesisches Schiff voller Waffen zu entladen, hat man ja gesehen, dass es hier einen Ansatzpunkt gibt. Wenn die Nachbarländer beschließen würden, die Grenzen dichtzumachen, könnte das selbst ein Regime Mugabe nicht überleben.

Sie haben den wichtigsten Mann der Region vergessen, Südafrikas Präsident Thabo Mbeki. Weshalb unternimmt er nichts?

Er hat es lange mit dem Zuckerbrot versucht, nun müsste er zur Peitsche greifen.

Warum tut er es nicht?

Er ist ein Mann, der eine einmal gefundene Wahrheit nicht gern aufgibt. Das hat er schon beim Thema Aids bewiesen, wo er sich gegen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse sperrte. Für ihn ist es schier ausgeschlossen, dass er seine Haltung ändert. Und doch ist es passiert. Südafrika, das bisher im Weltsicherheitsrat zusammen mit Russland und China Simbabwe in Schutz nahm, hat einer - wenn auch abgeschwächten - Erklärung gegen Mugabes Politik erstmals zugestimmt.

Sind Sie mit Mbeki in Kontakt?

Ich könnte mich schon bei ihm melden, und vermutlich würde er auch zurückrufen. Aber bei Mandela war das ganz anders. Wenn ich ihn sprechen wollte, konnte ich ihn direkt anrufen, und er hat mich dann zum Frühstück oder Mittagessen eingeladen. Aber da war ich ja auch noch Erzbischof von Kapstadt.

Nelson Mandela hat bei den Feiern zu seinem 90. Geburtstag eine "tragic failure of leadership" in Simbabwe beklagt, das tragische Scheitern einer Führung. Eine weiche Formulierung, und er sprach niemanden direkt an. Warum wird Mandela nicht deutlicher?

Mandela hat alles getan, dass sein Nachfolger Mbeki nicht schlecht dasteht. Oft hätte ich mir gewünscht, er würde etwas sagen. Aber er tat es einfach nicht. "Tragic failure of leadership", das ist für seine Verhältnisse schon außerordentlich - denn man könnte es ja auch auf Mbeki beziehen.

Das heißt also: In ihm brodelt es?

Ich bin mir ziemlich sicher, er würde gerne klarer sprechen. Einmal hat er Mbekis verfehlte Aids-Politik kritisiert, das war auch das Einzige. Er will eben dem neuen Südafrika nicht schaden, indem er die aktuelle Regierung diskreditiert.

Könnte denn Nelson Mandela persönlich Robert Mugabe zum Einlenken bewegen?

Das bezweifele ich. Sie waren und sind alles andere als gute Freunde. Mugabe müsste fast so etwas wie ein Heiliger sein, wenn er nicht wütend wäre auf den Mann, der ihm als Freiheitskämpfer Nummer eins die Show gestohlen hat.

Sie brachten als Lösung Friedenstruppen ins Gespräch. Würde das nicht Mugabes Regime in die Hand spielen? Er könnte zum Kampf gegen die "neuen Kolonialisten" aufrufen.

Nein. Wenn der Sicherheitsrat es beschließen würde, würde ja nicht ein einzelnes Land Truppen nach Simbabwe schicken. Sondern quasi die ganze Welt, vertreten durch ein legitimes Organ. Auch für Darfur existiert eine solche Resolution. Natürlich gibt es bei deren Umsetzung sehr viele Probleme. Aber es ist noch keiner auf die Idee gekommen, die Friedenstruppen als neuen Akt des Kolonialismus zu bezeichnen. Außerdem hat ein Land die Pflicht, sein Volk zu schützen. Wenn eine Regierung das nicht kann oder will, muss die internationale Gemeinschaft einschreiten.

Wie viele Menschen müssen denn noch sterben, bevor sie es tut?

Ich bin kein Staatsmann. Ich kann nur sagen, was ich glaube, was Politiker machen sollten. Politik ist, wie man gerne sagt, die Kunst des Möglichen. Das sieht man doch im Westen. Warum akzeptieren denn die Länder Europas, dass US-Präsident Bush in Guantánamo seit Jahren die Menschenrechte verletzt? Auch die deutsche Regierung ist mit ihrer Kritik daran nicht gerade sehr offen. Ich versuche mit meinen Worten diejenigen zu erreichen, die Entscheidungen treffen. Und ich bin nicht allein. Sehr viele Organisationen drängen die Regierung Südafrikas, endlich etwas zu tun.

Als Vorsitzender der Wahrheitskommission hatten Sie die schwierige Aufgabe, nach Ende der Apartheid die Gräueltaten zu untersuchen. Hätte Robert Mugabe bei Ihnen eine Chance auf Gnade?

Nur wenn er selbst die Verbrechen zugäbe, nur wenn er darum bäte und nur wenn auch die Opfer dazu bereit wären. Sonst nicht.

Glauben Sie, dass Jacob Zuma, der nächster Präsident Südafrikas werden will, die Krise besser meistern würde? Sein Ruf ist auch nicht gerade der beste. Ihm droht eine Anklage wegen Korruption, er soll sogar mal behauptet haben, er habe sich durch Duschen gegen eine HIV-Infektion geschützt.

Ich weiß es nicht. Ich hätte es auf jeden Fall lieber gesehen, wenn jemand anderer als Kandidat der Regierungspartei gewählt worden wäre. Jemand, zu dem man aufschauen kann.

Liegt da nicht ein großes Problem der Demokratie Südafrikas? Das Land ist fast ein Ein- Parteien-Staat, dominiert vom allmächtigen African National Congress (ANC).

Jeder darf bei uns wählen, wen er will. Die Bürgermeisterin von Kapstadt zum Beispiel, Helen Zille, ist Mitglied der Oppositionspartei, dazu noch eine Weiße, und wurde trotzdem gewählt. Die Länder Europas haben Jahrhunderte gebraucht, um ihre Demokratie zu entwickeln. Wir hatten gerade einmal 14 Jahre seit dem Ende der Apartheid! Und wir hatten davor 300 Jahre eine Gesellschaft, die auf Rassentrennung beruhte. Natürlich ist noch nicht alles perfekt - aber wer uns nur kritisiert, der hat nicht in die Geschichte geschaut. Wir werden immer wieder hinfallen. Das Entscheidende ist aber, dass wir wieder aufstehen.

Auch die USA waren einmal ein Land der Rassentrennung. Dort sind die Schwarzen zudem in der Minderheit - und trotzdem hat nun Barack Obama, ein Schwarzer, gute Chancen, Präsident zu werden. Würden Sie es sich wünschen?

Ja - aber nicht, weil er schwarz ist. Ich habe in manchen Punkten eine andere Meinung als er. Vor allem befürworte ich nicht die Todesstrafe. Aber Obama kann wie kaum ein anderer sehr verschiedene Menschen hinter sich versammeln. Er bringt frischen Wind in die Politik. Dass er zusätzlich noch schwarz ist - das ist natürlich wunderbar!

Interview: Marc Goergen, Peter Meroth / print