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Afrika: Der Deutsche und die Eisenbahn

Rund 4000 Kilometer lang und etwa zehn Milliarden Euro teuer - Klaus Thormählens gigantisches Projekt erinnert an die transsibirische Eisenbahn. Er soll in Ostafrika eine Eisenbahnstrecke durch praktisch unerschlossenes Land bauen.

Klaus Thormählen sieht nicht aus wie ein Abenteurer. Der gedeckte Anzug, das verbindliche Lächeln und das zielstrebige Auftreten verraten vielmehr den Unternehmer. Und doch steht der 52-jährige Vorstandschef der Thormälen Schweißtechnik AG aus dem schleswig-holsteinischen Bad Oldesloe vor dem vermutlich größten Abenteuer seines Lebens. Er soll im Süden Sudans, wo gerade der längste Bürgerkrieg Afrikas ein Ende gefunden hat, eine Eisenbahnstrecke durch praktisch unerschlossenes Land bauen.

Zehn Milliarden Euro Baukosten

Rund 4000 Kilometer lang soll die Eisenbahn werden. Der erste Bauabschnitt von der künftigen Hauptstadt Südsudans, Juba, nach Kenia und Uganda soll Erdöl als eine Art Ersatzpipeline aus der rohstoffreichen Region in die kenianische Hafenstadt Mombasa transportieren. Rund 3,4 Milliarden Euro soll der erste Bauabschnitt, etwa zehn Milliarden Euro die gesamte Strecke kosten. Thormählen sagt: "Solch eine Aufgabe bekommt man nur alle 100 Leben einmal geboten."

Der Unternehmer will das Projekt gemeinsam mit deutschen Großunternehmen wie Siemens, Thyssen Krupp und Strabag realisieren. Hilfsorganisationen, die in der Region seit Jahren aktiv sind, betrachten das Vorhaben jedoch mit Skepsis. "Außer ein paar Militärstraßen gibt es im Südsudan kaum asphaltierte Straßen. Das meiste Baumaterial muss aus Europa eingeflogen werden", sagt Wolfgang Heinrich vom Evangelischen Entwicklungsdienst. Nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg gibt es so gut wie keine Infrastruktur im Land.

Zu den logistischen Problemen kommen die politischen hinzu. "Im Südsudan sind zahlreiche Milizen aktiv, die an dem Friedensabkommen mit der Regierung nicht beteiligt sind und das Projekt sabotieren könnten", sagt Heinrich. Eine funktionierende Verwaltung muss erst noch aufgebaut werden. In sechs Jahren soll laut Friedensvertrag die Bevölkerung über eine mögliche Unabhängigkeit abstimmen. Die künftige Regierung im Süden möchte bis dahin Erfolge präsentieren. Doch Heinrich warnt: "Wenn man ein solches Projekt unter hohem Druck durchzieht, kann das zu neuen Konflikten führen". Auch Thormälen gibt zu: "Die Logistik wird das Hauptproblem sein." Für den ersten Streckenabschnitt rechnet er mit etwa fünf Jahren Bauzeit. Dennoch glaubt er an den Erfolg und hat eine Million Euro für eine Machbarkeitsstudie aus eigener Tasche bezahlt.

Per Zufall zum Jahrhundert-Unternehmen

Zu der Jahrhundertchance für sein Unternehmen kam er durch Zufall. "Mein Klempner erzählte von einem in der Nähe wohnenden Sudanesen, einem Sohn aus vornehmer Familie, der sich für Eisenbahnen interessiere", erinnert er sich. Der Sudanese mit dem Interesse für Eisenbahnen war Costello Garang Ring, Sohn des Königs der Dinka, des mächtigsten Stammes im Sudan, und Auslandssprecher der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung SPLM. "Er erzählte von den Plänen der SPLM, nach Ende des Bürgerkrieges eine Eisenbahn bauen zu lassen. Dann hat er mich eingeladen, mit den Verantwortlichen vor Ort zu sprechen", sagt Thormählen. Das war vor vier Jahren.

Über seinen Erfolg staunt der 52-jährige Familienvater und passionierte Dressurreiter selbst. "Wenn mir das einer 1989 erzählt hätte, hätte ich es nicht geglaubt", sagt er. Damals gab er seine Beamtenposition bei der Deutschen Bundesbahn auf, um ein Gleisbauunternehmen zu gründen. Er perfektionierte das Verfahren zum lückenlosen Verbinden von Schienen direkt auf der Strecke, das so genannte mobile Abbrennstumpfschweißen. Heute beschäftigt er rund 400 Mitarbeiter und baut Eisenbahntrassen in Deutschland, Schweden, Spanien, Malaysia, Taiwan und, wenn alles gut geht, demnächst auch in Afrika.

Eva-Maria Mester/DPA / DPA