HOME

Aktienmärkte im Sturzflug: Barroso wird Börsen-Buhmann

Volkswirte halten die Panik an den Börsen für völlig überzogen. Trägt der EU-Kommissionspräsident eine Mitschuld an dem Aufruhr? Deutsche Politiker machen Barroso schwere Vorwürfe.

Nach Ansicht vieler Experten ist die dramatische Börsen-Talfahrt der vergangenen Tage nicht gerechtfertigt - weder durch die etwas vorsichtigeren Ausblicke der Unternehmen, noch durch die Schuldenproblematik in den USA oder in Europa. Umso mehr gerät EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in die Kritik: Ihm wird vorgeworfen, mit seiner lauten Forderung nach einer Aufstockung des Euro-Rettungsschirms die Nervosität geschürt zu haben.

"Das war unverantwortlich, man versetzt die Märkte in Unruhe und man setzt auch die Kollegen unter Zwang", sagte zum Beispiel Börsenexperte Wolfgang Gerke in Richtung Barroso. "Wir brauchen an der Spitze der Kommission jemanden, der neutral ist."

Bundesregierung sauer

Wütend reagiert auch die Bundesregierung auf das Barroso-Solo. "So eine Debatte kommt zur Unzeit", schimpfte Vizekanzler Philipp Rösler (FDP). "Es ist gerade einmal zwei Wochen her, da wurden weitreichende und gute Beschlüsse gefasst. Deswegen sehe ich gar keine Notwendigkeit für eine erneute Diskussion", betonte der Bundeswirtschaftsminister.

Auch FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle übte scharfe Kritik: Der EU-Kommissionspräsident sei indirekt für die aktuellen Börsenturbulenzen mitverantwortlich. "Um den Euro zu festigen, brauchen wir einen wirksamen und durchsetzungsstarken Stabilitäts- und Wachstumspakt II - und keinen leichtfertigen Brief aus Brüssel", sagte der frühere Bundeswirtschaftsminister Bild.de.

Steckt Kalkül dahinter?

Barroso hatte am Donnerstag erklärt, dass sich die Finanzprobleme inzwischen nicht mehr auf Länder an der Peripherie der Eurozone beschränkten. Er bezog sich damit auf die Tatsache, dass nach den Hilfen für Irland, Griechenland und Portugal inzwischen auch die Lage in Italien und Spanien mit großer Sorge betrachtet wird. Es müsse gewährleistet werden, dass der europäische Rettungsschirm und der künftige Rettungsfonds ESM "angemessen ausgestattet" seien, forderte Barroso.

In Kreisen der Bundesregierung wird dahinter eiskaltes Kalkül vermutet: Der frühere portugiesische Regierungschef wolle wohl die Panik an den Märkten nutzen, um im Sinne von Südeuropas Schuldensündern Portugal, Griechenland, Italien oder Spanien gemeinsame Euro-Anleihen zu erzwingen.

Rehn stellt sich auf Barrosos Seite

Indirekte Rückendeckung bekam Barroso von EU-Währungskommissar Olli Rehn, der eine Aufstockung des 440 Milliarden Euro schweren Krisenfonds nicht ausschließen wollte. "Es ist die langjährige Position der Kommission, die tatsächliche Kreditfähigkeit des EFSF zu verstärken und den Umfang seiner Aktivitäten auszuweiten", sagte Rehn am Freitag in Brüssel.

fw/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters