HOME

Al Gore: "Sogar Bush wird sich ändern"

Er hat die Wahlen vor sechs Jahren gewonnen und doch verloren. Seither ist Al Gore einer der schärfsten Kritiker des US-Präsidenten, ein Kämpfer gegen den Treibhauseffekt - jetzt sogar in Cinemascope.

Herr Gore, wenn Ihre Prognosen stimmen, könnte dieses Interview schon in wenigen Jahren hier in Manhattan nicht mehr stattfinden. Die Stadt wäre dann überflutet.

Teile von New York und andere Städte an der Küste sind vom katastrophalen Anstieg des Meeresspiegels bedroht. Damit meine ich nicht den eher langsamen, sondern den plötzlichen Anstieg, sollten nämlich Teile der Eisberge Grönlands oder der Westantarktis wegbrechen.

Reine Panikmache, sagen Ihre Gegner.

Wir haben brandneue Beweise dafür, dass es im vergangenen Jahr 32 Gletscher-Erdbeben gab, doppelt so viele wie 1999. Das belegt eine radikale Destabilisierung der Eismassen auf Grönland. Erst vor wenigen Tagen hat der Chef der "American Association for the Advancement of Science" gesagt, der Meeresspiegel könnte in diesem Jahrhundert um vier Meter steigen. Dann wären nicht nur Manhattan und Floridas Küste verschwunden, sondern auch Holland und große Teile von Bangladesch. Die Realität ist: Alle 24 Stunden pumpen wir 70 Millionen Tonnen erderwärmender Verschmutzung in die Erdatmosphäre.

Sie gelten als Anführer einer neuen Umweltbewegung. "Time" und "Newsweek" widmen dem Thema Titelgeschichten. Arnold Schwarzenegger profiliert sich in Kalifornien als grüner Gouverneur. Wird der energiesüchtige Koloss Amerika wirklich grün?

Der Prozess hat endlich begonnen. Eine Umfrage, die gerade herausgekommen ist, zeigt, dass 81 Prozent der jungen Leute meinen, dass sofortige Schritte eingeleitet werden müssen, um die Erderwärmung zu bekämpfen. Das politische System in den USA und unsere nationale Regierung sind zwar noch weit davon entfernt, wir bewegen uns aber auf einen Wendepunkt zu. Ich sage voraus, dass sich sogar George W. Bush verändern wird in den nächsten zwei Jahren.

George W. Bush? Sind Sie sich sicher?

Ich glaube, dass er dies muss. Vorausgesetzt, die Basisbewegung, die gerade in Kalifornien den Wandel in der Umweltpolitik erzwang, wächst auch im Rest des Landes. Und ich werde alles tun, damit das eintritt.

Sie glauben tatsächlich, dass die Republikaner, die Partei der Ölleute Bush und Cheney, ihre grüne Ader entdecken?

Natürlich glaube ich, dass die USA diese Krise mit einem demokratischen Präsidenten besser lösen könnte, aber bisher haben beide Parteien versagt.

Die Politik in Washington wird geprägt von Lobbyisten der Öl-und Autoindustrie. Sind das nicht die eigentlichen Verhinderer und damit Ihre natürlichen Feinde?

Die größte Verantwortung liegt in der Tat in Händen weniger Konzerne und Lobbyisten, die sich unmoralisch verhalten.

Nennen Sie doch Namen ...

ExxonMobil, aber nicht allein. Es gibt einige Öl-, Kohle- und Energiekonzerne, die Millionen pro Jahr ausgeben, um Menschen zu verwirren, um sie dahingehend zu manipulieren, die wissenschaftliche Wahrheit abzulehnen. Sie verhalten sich ähnlich wie die Tabakindustrie vor Jahren, als Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrankheiten erkannten. Sie haben damals falsche Mediziner eingestellt, die sagten, es gebe keine Gesundheitsrisiken für Raucher. Die Folge war, dass viele starben. Es ist dasselbe unmoralische Verhalten.

Sie fordern die Amerikaner auf, ihre Gewohnheiten radikal zu ändern.

Ja.

Auf große Wagen verzichten, aufs Fliegen, auf all das, was Amerikanern Spaß macht. Sie selbst fliegen ständig und touren durchs Land.

Wir benutzen Hybrid-Autos. Und energiesparende Glühlampen. Wir installieren Solaranlagen auf dem Dach. Wir stecken unser Geld in spezielle Projekte, die Kohlendioxid reduzieren. Ich hole jedes Gramm Kohlendioxid, für das ich verantwortlich bin, wieder rein.

Sie stehen eindeutig im Zentrum Ihres Umweltfilms "An Inconvenient Truth". Er be-kommt dadurch den Charakter eines Wahlkampffilms.

Das war nicht mein Ziel. Der Regisseur Davis Guggenheim machte diesen Vorschlag, und ich vertraute ihm. Bei einer Live-Diashow zieht der Moderator - selbst so einer wie ich - die Aufmerksamkeit voll auf sich. Beim Film geht das nicht. Es sei denn, der Film schafft eine emotionale Verbindung zu einer Person.

Und das sind Sie? Al Gore, der nach einem Unfall beinahe seinen Sohn verlor. Al Gore, dessen Schwester an Lungenkrebs starb. Al Gore, der 2000 die folgenschwere Wahl gegen Bush verlor.

Das ist ein Grund, warum er diese Erzählpassagen über mich haben wollte. Und ich bin froh, dass ich ihm zuhörte und meine Widerstände überwand, denn er hatte recht.

Für viele Demokraten haben Sie sich von einer tragischen Gestalt zu einem Helden gewandelt, einem Hoffnungsträger.

Hahahahaha.

Sehen Sie das nicht so?

Ich habe die am wenigsten objektive Sicht darauf.

Dann geben Sie uns Ihre subjektive Sicht.

Ich habe mich nie als eine tragische Gestalt gesehen und sehe mich jetzt nicht als Held. Aber ich verstehe, was Sie meinen. Ich glaube, dass mich die Menschen 2000 durch ein anderes Prisma gesehen haben. Im Wahlkampf machen deine Gegner eine Karikatur aus dir. Ich glaube, das hat die Menschen sehr beeinflusst. Aber es gibt diesen alten Spruch: Was dich nicht tötet, härtet dich ab. Und ich glaube, das ist wahr.

Sie stellen sich im Film wie folgt vor: "Mein Name ist Al Gore, ich war einmal der nächste Präsident der USA." Das klingt durchaus lustig.

Ich finde das gar nicht lustig. (Gore lacht)

Sie sehen die Niederlage mit einer gewissen Selbstironie. Aber es muss doch schmerzen, den jetzigen Präsidenten im Amt zu sehen.

Ich hab's überlebt. Es ist traurig, dass das nicht jeder kann, zum Beispiel jene, die ihr Leben im Irak verloren haben. Oder jene, die betroffen sind von der Wirtschaftspolitik der Regierung, die ähnlich fatal ist. Die Arbeit, die ich jetzt leiste, hat eine große Bedeutung. Es ist auch eine Art Kampagne, nicht für die Präsidentschaft, sondern für das wichtigste Thema, mit dem die Zivilisation je konfrontiert wurde.

Fragen Sie sich nicht manchmal, wie die Welt heute aussähe mit Ihnen an der Spitze der Supermacht?

Das ist eine abstrakte intellektuelle Übung, aber ich bin dagegen nicht immun.

Es gäbe keinen Krieg im Irak, korrekt?

Ich war gegen diesen Krieg und habe vorher viele Reden gehalten, um mein Land vor diesem großen Fehler zu schützen. Vielleicht hätte ich andere Fehler gemacht, diesen aber sicher nicht. Du kannst die Vergangenheit aber nicht ändern, also bleibt es nur ein intellektuelles Spiel.

Wenn Ihnen das Thema Erderwärmung so wichtig ist, wenn es wirklich das wichtigste Thema für die Zivilisation ist, wenn Sie zudem als Kopf dieser Bewegung gelten - müssten Sie dann nicht noch mal antreten, um die Menschheit vor einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes zu schützen?

Es gibt mehr als einen Weg, die Welt zu verbessern. Ich war mehr als 20 Jahre in der Politik. Ich bin zweimal angetreten, um Präsident zu werden. Ich halte den politischen Prozess für vergiftet, bewundere aber jene, die daran teilnehmen. Ich war immerhin einer von ihnen. Und ich schließe es auch nicht völlig aus, eines Tages wieder anzutreten, aber ich erwarte dies nicht.

Stattdessen gründen Sie alternative Fern-sehsender.

Ich habe einen TV-Sender aufgebaut mit dem Ziel, das dominante Medium unserer Zeit zu demokratisieren. Wir leben ja in einer Drei-Wege-Kultur: Der Einfluss der Printmedien geht zurück, das Internet ist gerade geboren. Aber die Kultur des Fernsehens ist erdrückend. Die ganze Architektur des Fernsehens ist eine Einbahnstraße. Einige wenige Stationen befinden sich in den Händen einiger weniger. Die Zuschauer haben kaum eine Möglichkeit, in den Prozess einzugreifen. Und das Resultat ist bei vielen eine Art Trance-Zustand.

Was meinen Sie damit?

Der Durchschnittsamerikaner schaut vier Stunden und 39 Minuten Fernsehen am Tag. Das entspricht drei Vierteln seiner Freizeit. Also jener Zeit, die Leute mit ihren Familien oder mit Arbeit in ihren Gemeinden, gewissermaßen mit Demokratie verbringen. Das geht alles verloren. Und dieses Vakuum wurde gefüllt von Interessengruppen, die viel Geld in die Manipulation der Massen investieren.

Sie meinen regierungsnahe TV-Sender wie Fox News, die Flut rechter Radiosender, die Aggressivität der Werbeindustrie?

Ja. Die Techniken, die sie benutzen, sind gewaltig, mächtiger als der normale Mechanismus von Angebot und Nachfrage. Anzeigenkampagnen werden heutzutage schon gestaltet, ehe das Produkt überhaupt existiert. Sie versuchen herauszufinden, was funktioniert, und entwerfen danach das Produkt. Genau dieses Phänomen wurde leider auf die politische Arena übertragen. Zu viele Kandidaten aus beiden Parteien orientieren sich daran, was gewünscht ist, und schalten dementsprechend ihre Werbung. Immer wieder.

Wir bewegen uns auf die Kongresswahlen im November zu, und noch immer ist Amerikas Thema Nummer eins die Furcht.

(Gore lacht zynisch) Ich nenne das Amygdala-Politik.

Wie bitte?

Das ist das Furchtzentrum des Gehirns, das die Regierung regelmäßig zu aktivieren versucht.

Das versucht sie gerade wieder?

Ja, es ist beschämend.

Warum halten die Demokraten nicht dagegen?

Meine Partei war, schon historisch betrachtet, immer progressiven Vorschlägen zugeneigt. Und jede Partei, die das versucht, hängt eben vom Austausch von Meinungen, von einer lebendigen Diskussion in der Demokratie ab. Aber wenn Logik und Vernunft in eine untergeordnete Rolle gedrängt werden, lässt das eine Leere zu, die durch fundamentalistische Ideologie gefüllt wird. Das öffentliche Interesse wird dadurch gefährdet. Die Furcht wird benutzt, um die Menschen gefügig zu machen. Wenn die Amerikaner einen angemessenen Teil ihrer Zeit nutzen würden, sich mit den wahren Problemen auseinanderzusetzen, wären sie weniger anfällig für diese Furchtkampagne.

Noch immer glaubt die Hälfte Ihrer Landsleute, dass Saddam Hussein die Vereinigten Staaten mit Massenvernichtungswaffen bedrohte.

Weil die Debatte einseitig verläuft. Wir sind geradezu schockierend anfällig für Angst und Furcht. Auf den Rückzug der Vernunft folgt fast zwangsläufig der Vormarsch der Angst. Wenn Sie sich nur anschauen, wie das Weiße Haus wissenschaftliche Studien über Erderwärmung zensiert hat, ist das genau ein Beispiel da-für, wie Fragen der Fakten zu Fragen der Macht verdreht werden. Furcht ist eine effiziente Strategie.

Welchen Einfluss wird diese Strategie auf die Kongresswahlen im November haben?

Ich glaube, dass die Regierenden es übertrieben haben. Ich weiß nicht, ob bin Laden wieder eine Botschaft am Vorabend der Wahlen sendet - wie bei den Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren. Das könnte die Stimmungslage beeinflussen. Es sind immer ein paar Überraschungen möglich. Aber davon abgesehen, denke ich, dass diese Regierung ihr Glück überstrapaziert hat. Ich schätze, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus übernehmen. Und auch der Senat könnte kippen. Könnte.

Wenn es so kommt, werden die Demokraten gegen Bush dann wegen der Kriegslügen ein Amtsenthebungsverfahren einleiten?

Das bestimmt der Kongress. Eine Frage wie diese stellt sich noch nicht in der politischen Realität, in der wir leben.

Interview: Michael Streck, Jan-Christoph Wiechmann / print