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Flug und Charité-Aufenthalt Nawalny legt offen, wie viel seine Behandlung gekostet hat – und wer die Rechnung bezahlt hat

Alexej Nawalny mit seiner Frau an einem unbekannten Ort in Deutschland. Nawalny wurde am 23. September aus dem Berliner Krankenhaus Charité entlassen.
Alexej Nawalny mit seiner Frau an einem unbekannten Ort in Deutschland. Nawalny wurde am 23. September aus dem Berliner Krankenhaus Charité entlassen.
© Navalny/Instagram/AP / DPA
Während Alexej Nawalny sich in Deutschland von dem Giftanschlag auf ihn erholt, betreibt der Kreml in Russland eine Hetzkampagne gegen den Oppositionspolitiker. Um seinen Gegnern die Munition zu nehmen, geht Nawalny nun in die Offensive. 

Fast zwei Monate sind nach der Vergiftung von Alexej Nawalny vergangen. Am 20. August ist auf die Galionsfigur ein Mordanschlag verübt worden. Er war während eines Inlandsflugs in Russland zusammengebrochen. Nach einer Notlandung in der sibirischen Stadt Omsk wurde er auf Drängen seiner Familie in die Berliner Charité verlegt. Dort lag er wochenlang im Koma. Der 44-Jährige hat das Krankenhaus mittlerweile verlassen, ist aber noch nicht vollständig genesen und macht in Deutschland eine Reha-Maßnahme.

Während sich der Oppositionspolitiker von der Vergiftung erholt, betreibt der Kreml in Russland eine Schmutzkampagne gegen ihn. Nawalny sei ein Lügner, Nestbeschmutzer und Verräter, schreien die Propagandisten von ihrer Kanzel herunter. Allein die Tatsache, dass sich Nawalny in der Berliner Charité behandeln ließ, ist für sie Grund genug, diese Anschuldigungen zu erheben. Er müsse für ausländische Geheimdienste arbeiten, so das Narrativ – ob für den BND oder CIA spielt für sie keine Rolle. Warum sonst sollte sonst Deutschland die Behandlung bezahlen, fragen sie. 

Um diesen Anschuldigungen entgegenzuwirken, geht Nawalny nun in die Offensive. In einer Erklärung auf Instagram legte er nicht nur offen, wie viel sein Transport nach Deutschland und seine Behandlung gekostet haben, sondern auch wer die Rechnung bezahlt hat. Und das war nicht die Bundesrepublik. 

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"Ich habe versprochen, es zu erzählen und ich erzähle es", schrieb Nawalny am vergangenen Mittwoch. "Die Finanzen und Einnahmequellen eines Politikers müssen transparent sein. Ich bin stets dafür eingetreten und seit einigen Jahren veröffentliche ich selbst Informationen über mein Einkommen und mein Eigentum, obwohl ich dazu nicht verpflichtet bin, da ich kein Staatsbeamter bin."

Drei Kostenpunkte zählt Nawalny auf, zunächst den Transport von Omsk nach Berlin. "Der Flug hat 79.000 Euro gekostet und wurde vom Unternehmer Boris Simin bezahlt", so Nawalny. Simin ist ein russischer Unternehmer, der bis 2015 eine der wichtigsten privaten Stiftungen Russlands leitete. Der Milliardär stieg zum wichtigsten russischen Mäzen auf und unterstützte mit seiner Stiftung vor allem die russische Wissenschaft. Nachdem das russische Justizministerium im Mai 2015 die Stiftung jedoch zu einem "ausländischen Agenten" erklärte, stellte Simin aus Protest seine Förderung ein und löste die Stiftung auf. Simin selbst lebt seit fünf Jahren in den USA. 

Drei russische Geschäftsleute übernahmen die Behandlungs-Kosten 

Der zweite Kostenpunkt auf Nawalnys Liste ist die Behandlung in der Charité. "Die endgültige Rechnung des Krankenhaus für die Behandlung beträgt 49.900 Euro. Geteilt bezahlt vom Unternehmer Jewgeni Chichwarkin, dem Ökonomen Sergej Alexashenko und dem IT-Spezialisten Roman Iwanow."

Alle drei leben nicht mehr in Russland. Chichwarkin wurde in den 1990er- und Nuller-Jahren mit einer Einzelhandelskette für Mobiltelefone zum Milliardär. 2009 wanderte er nach Großbritannien aus, nachdem er in Russland einer Oppositionspartei beigetreten war und von Putins Behörden mit Prozessen überhäuft wurde. Von London aus kämpft er gegen die Korruption in seiner Heimat und die Putin-Regierung.

Sergej Alexashenko war in den 90er-Jahren stellvertretender Finanzminister der Russischen Föderation und erster stellvertretender Vorstandsvorsitzender der russischen Zentralbank. 2013 musste er jedoch Russland verlassen, nachdem er dem Kreml Misswirtschaft und Korruption vorgeworfen hatte. Heute arbeitet der Wirtschaftsexperte beim Brookings Institut in den USA. 

Der IT-Spezialist Iwanow arbeitete einst für die Firma JetStyle und das russische Pendant zu Google Yandex. "Mir gefällt es nicht, wenn man in Russland Oppositionspolitiker tötet oder versucht diese zu töten", erklärte er seinen Schritt im Gespräch mit dem investigativen Nachrichtenportal "Open Media". "Ich war zutiefst besorgt, als er [Nawalny] im Koma lag." Als er gehört habe, dass die Rechnung bei der Charité noch nicht beglichen wurde, sei ihm klar geworden, dass dies seine Chance war, zu helfen, so Iwanow.

Was die weiteren Kosten für Reha und Unterbringung angeht, weiß Nawalny derzeit noch nichts bestimmtes zu sagen. "In jedem Fall übernimmt Jewgeni Chichwarkin die weiteren Kosten", schrieb Nawalny. 

Zum Schluss teilte der Putin-Gegner noch einen Hieb gegen die Kreml-Propagandisten aus. "So, ich habe meinen Bericht abgelegt. Und jetzt versuchen Sie doch, Putins Beamte zu fragen, wer ihre Privatjet-Flüge und Aufenthalte in europäischen Kliniken bezahlt. Oder welche Geschäfte ihre Frauen und Kinder betreiben, die ihnen ein Einkommen von Hunderten von Millionen bescheren. Vielleicht antwortet ja jemand."

EU verhängt Sanktionen 

Die EU hat unterdessen am Donnerstag wegen des Giftanschlags auf Nawalny enge Mitarbeiter von Putin mit Sanktionen belegt. Wie der EU-Rat mitteilte, sind unter den sechs Betroffenen der stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung, Sergej Kirijenko, und der Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow.

Nach Einschätzung von Deutschland und Frankreich, welche die EU-Sanktionen gemeinsam gefordert hatten, gibt es "keine andere plausible Erklärung für die Vergiftung von Herrn Nawalny als eine russische Beteiligung und Verantwortung".


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