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Amokläufer von Kauhajoki: Hinrichtung im Klassenzimmer

Für ihn war das Internet das wahre Leben. Da war er stark und unbesiegbar. Als die Polizei seine Morddrohungen im Netz entdeckte, griff Matti Saari zur Waffe und erschoss zehn Menschen in seiner Berufsschule. Der finnische Amokläufer von Kauhajoki nahm sich dabei die Todesschützen von Erfurt, Littleton und Jokela zum Vorbild.

Von Tilman Müller

Draußen scheint die Sonne, als Matti Saari zu seinem Feldzug gegen die Welt aufbricht. Hier oben zwischen Ostsee und Polarkreis ist gerade "Ruska", die Zeit, da die herbstlichen Blätter eine besonders schöne Färbung tragen. Um 10.15 Uhr am Dienstag vergangener Woche loggt sich Matti bei IRC-Galleria aus, dem größten finnischen Internetportal, und geht die Treppe hinunter. Die Studenten leben gut hier in Kauhajoki im mittleren Westen Finnlands. Alle haben ein Stipendium, ihre Apartments einen Balkon, die Holzfassaden der zweistöckigen Wohnheime sind frisch gestrichen, hellgrau und rot.

Saari ist spät dran an diesem Morgen auf dem Weg zu seiner Schule. Vor ein paar Minuten erst hat der 22-Jährige mit den zurückgekämmten dunkelblonden Haaren noch hastig einen Zettel geschrieben und in seiner Wohnung liegen lassen: "Ich hasse die menschliche Rasse", steht darauf. Mit einer großen schwarzen Umhängetasche über der Schulter eilt er nun hinüber zu der Fachschule, in der seine Klasse an einer Klausur sitzt. Sie hat bereits um zehn Uhr begonnen. Die Schüler lernen hier, wie man moderne Hotelküchen und Catering betreibt. Sie kommen meist aus Mittel- und Nordfinnland in die 14 000-Einwohner-Stadt. Wer die Prüfungen besteht, hat gute Chancen auf einen Job im mittleren Management des Landes, das über ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als Deutschland verfügt.

Matti Saari ist bereits im zweiten Jahr hier und hat ordentliche Noten. Er stammt aus Pyhäjärvi, einem 300 Kilometer weiter nördlich gelegenen Ort. Auch dort erhielt der Sohn einer Wäschereibesitzerin und eines Depotverwalters passable Zensuren, schaffte die Mittelschule und qualifizierte sich für die Weiterbildung in Kauhajoki. Und stets gelang es ihm dabei, gegenüber Lehrern, Freunden und der Familie eine Fassade aufrechtzuerhalten. Ihnen blieb verborgen, wie sehr Matti in Wahrheit seit Langem schon ein Fantasieleben in einer extrem militanten Schattenwelt führte.

Plötzlich zieht er die Pistole

Noch am Abend, bevor er in seiner Zettelbotschaft die gesamte Menschheit verdammt, hat er im Wohnheim mit Mitschülern ganz locker über die bevorstehende Klausur gesprochen. Sie findet in Klassenzimmer drei statt, gelegen im Souterrain der Fachhochschule, die zu 90 Prozent von Studentinnen besucht wird. Auf dem Weg dorthin durch das weit verzweigte Gebäude, vorbei an Grünpflanzen und modernen Sitzgruppen in den Korridoren, zieht Saari plötzlich eine schwarze Maske über den Kopf. Es ist 10.40 Uhr.

Er holt eine Pistole aus seiner Umhängetasche, eine Walther P22, reißt die Tür zum Klassenzimmer auf und feuert auf seine Mitschüler. Panik bricht aus. Drei von ihnen können durch ein Fenster fliehen. Die meisten werfen sich auf den Boden. Der Vermummte mit der schwarzen Lederjacke richtet seine Waffe auf die Wehrlosen, er exekutiert einen nach dem anderen.

Zehn Menschen sterben bei dem Massaker, unter ihnen acht Schülerinnen, ein Kommilitone sowie der Dozent Kimmo Martiskainen, 51, der sich Matti mit allen Kräften entgegengeworfen hatte. Die Obduktionen ergeben später, dass manche Opfer bis zu 20 Einschüsse haben. "Die Lösung heißt Walther", hatte Matti Saari auf seine Abschiedsbotschaft gekritzelt. Ein Überlebender berichtet, der Täter habe "Spaß an der Situation" gehabt. Nach dem Blutbad holt Matti Saari mit Brennstoff gefüllte Flaschen aus seiner Tasche. Damit übergießt er die Sterbenden. Das Klassenzimmer geht in Flammen auf. Erst nach Tagen werden die teils völlig verkohlten Leichen per DNA-Analyse identifiziert. Ob sie ihren Schusswunden oder den Verbrennungen erlegen sind, wird wohl nie zu klären sein. Die Walther P22 ist eine kleinkalibrige Waffe, geeignet für Sportschützen, nicht unbedingt zum Töten.

Saari wuss te das. Er wollte sichergehen, dass die Niedergestreckten wirklich sterben. Dass der Mordplan wirklich genauso abläuft wie bei seinem Vorbild Pekka-Eric Auvinen. Der erschoss am 7. November vergangenen Jahres mit einer Kleinkaliberwaffe sieben Schüler, die Rektorin sowie die Schulkrankenschwester in einem Gymnasium der Kleinstadt Jokela bei Helsinki. Auch er versuchte danach Feuer zu legen. "Ich werde so viele von euch Scheißern umbringen wie möglich", hatte der 18-Jährige vor der Tat seinem Tagebuch anvertraut. "Menschen fliehen in Panik, Rauch quillt aus den Gebäuden, das Feuer breitet sich aus - zum Teufel, ich kann kaum warten."

Erfurt, Littleton und Jokela als Vorbild

Auvinen war ein glühender Verehrer sämtlicher Schulamokläufer der vergangenen Jahre. Zum Vorbild nahm er sich die Mörder, die das Gutenberg-Gymnasium von Erfurt oder die Columbine High School im amerikanischen Littleton in eine Hölle verwandelt hatten. Sein eigenes "Jokela High School Massacre" hatte er in einer Videobotschaft angekündet.

Auch Matti Saari gab sich vor seinem Amoklauf auf gleich mehreren Portalen als fanatischer Terror-Netzwerker. Seine Webnamen lauten "Wumpscut 86" (nach dem gleichnamigen deutschen Gothic-Musiker) und "Herr S". Um 10.14 Uhr, kurz bevor Saari sein Apartment am Dienstag der vergangenen Woche für immer verlässt, taucht im Netzportal IRC-Galleria eine Datei mit dem Titel "Kauhajoki Massacre" auf. Darin ein Video, in dem Matti seine Pistole direkt in die Kameralinse hält und auf Englisch sagt: "Du wirst als Nächster sterben." Dann sind Schüsse zu hören.

In identischer Pose streckt er knapp eine halbe Stunde später tatsächlich zehn Menschen nieder. Monatelang hat er - so wie sein Vorbild Auvinen - auf diesen Augenblick hingearbeitet. Auf diesen Moment von Macht und Unvergänglichkeit, der ohne das Internet undenkbar wäre. Dort ist inzwischen bereits ein Ranking der erfolgreichsten Amokläufer aller Zeiten aufgetaucht - Saari rangiert auf Platz 36.

Um 10.47 Uhr, sieben Minuten nach den ersten Schüssen, gehen im regionalen Notfallzentrum die ersten Anrufe aus der Schule ein. Hausmeister Jukka Forsberg war aufgeschreckt zum Klassenzimmer drei gestürzt, musste jedoch sofort flüchten, als ihm mehrere Kugeln entgegenschlugen. Oben im zweiten Stock hält Schuldirektor Tapio Varmola gerade eine Konferenz ab. Er hört ebenfalls Schüsse. Die Notrufstelle vor Ort rät zunächst, in den Räumen zu bleiben. Wenige Minuten später fordert die Polizei jedoch alle zum Verlassen des Gebäudes auf. "Die Evakuierung hat wohl einigen das Leben gerettet", sagt Varmola.

"Nie hätte ich das gedacht"

Anders als in Jokela, wo der Attentäter in mehreren Stockwerken wahllos mordete, kann Saari außerhalb des Klassenzimmers nicht mehr viel ausrichten. Vergebens sucht er überall nach Opfern und legt mehrere Brände. Kurz nach elf Uhr umstellen erste Einheiten der Polizei die Schule. Saaris Schüsse nach draußen verstummen allmählich. Aus der Schule steigen Rauchwolken auf. Um 12.13 Uhr fällt der letzte Schuss - Saari jagt sich eine Kugel in den Kopf. Doch zuvor ruft er einen Freund namens Rauno an. "Ich habe in der Schule gerade zehn Leute erschossen", sagt er und bittet darum, dass seine Leiche nicht beerdigt, sondern eingeäschert wird. Um 12.30 Uhr finden Polizisten den Schwerverletzten mit einer Kopfwunde in einem Gang liegend. Kurz vor 17 Uhr stirbt er in einem Universitätshospital.

Wie Rauno kann zunächst kaum jemand fassen, was Saari zur Tat getrieben hat. Bekannte schildern ihn als schüchternen Menschen. Joni Helminen, der in derselben Klasse, aber mit der Klausur schon fertig war, als das Morden begann, sah in ihm einen Kommilitonen, mit dem man reden und einmal die Woche auf dem Schießplatz in Kauhajoki seinen Spaß haben konnte. "Nie hätte ich gedacht, dass er Menschen erschießen könnte." Auch die Verwandten in Pyhäjärvi sind total überrascht. "Wir wussten nicht einmal, dass er eine Pistole hat", sagt ein Onkel, den die Familie zum Sprecher benannt hat.

Pyhäjärvi ist ein Ort mit rund 6000 Einwohnern sowie hohen Arbeitslosen- und Selbstmordquoten - eine der Regionen, die vom Boom der vergangenen Jahre nichts abbekommen haben. Viele Ältere sind extrem religiös und hängen Erweckungsbewegungen an; Fernsehen oder Theater sind für sie Teufelszeug. Die Jungen treffen sich im "Hiidenluola", der Teufelsgrotte, einer düsteren Kneipe. "Matti hat noch letzten Samstagabend hier gesessen", sagt ein etwa 30-jähriger Glatzkopf mit langem Kinnbart und erzählt, dass er selbst in den vergangenen elf Jahren gerade mal fünf Monate lang einen Job hatte. "Acht meiner Freunde haben sich das Leben genommen, aber ich bin für solch eine Aktion wohl schon etwas zu alt."

Matti Saari wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. "Seine Eltern trennten sich, als er noch keine sieben Jahre alt war", sagt Chefermittler Jari Neulaniemi. Der Vater lebt heute in der Nähe von Helsinki, die Mutter in einem Reihenhaus in Pyhäjärvi. Matti hatte drei jüngere Brüder, einer starb 2003 an Herzversagen. Der älteste Sohn der Familie Saari war ein stiller Junge, der in der Mittelschule gemobbt wurde. "Niemand wollte sein Freund sein, alle haben ihn ignoriert und empfanden ihn als unangenehmen Typen", sagt eine Mitschülerin von damals, "auch vom Wehrdienst wurde er vorzeitig suspendiert."

Waffenschein ab 15

Seit jener Zeit, sagt Schuldirektor Varmola, habe der Junge sich immer mehr abgekapselt. Ähnlich seinem Vorbild Pekka- Eric Auvinen trug er von nun an - mit etwa 16 Jahren - vor allem weite, dunkle Kleidung. Immer tiefer verschwand er in der Welt des Internet mit Schießspielen und Foren, auf denen sich Menschen gegenseitig in ihrem Hass bestätigten. Seine Mitschüler zogen ihn auf. Beide, Auvinen und Saari, sollen über einen längeren Zeitraum Antidepressiva bekommen haben. Kirsi Lindroos, Finnlands Leiterin der Schulverwaltung, gibt der mangelhaften psychologischen Betreuung eine indirekte Mitschuld an den Massakern: "Wir haben zu wenig Personal zur Vorbeugung gegen Gewalt an unseren Schulen." Das ist besonders in einem Land gefährlich, in dem 38 000 Teenager einen Waffenschein besitzen. Und der ist bereits mit 15 Jahren zu haben.

Wie isoliert sich Matti Saari bis zum Schluss fühlte, zeigt eine Kontaktanzeige, die er noch im August bei einem Internetservice aufgab. Er sei 1,72 Meter groß, wolle keine Kinder haben, interessiere sich für Computer, Schlagzeug, Sex, Bier und Schießübungen mit seiner Walther, hieß es da, und er suche eine 16- bis 25-jährige Partnerin. Es klingt wie ein Versuch, doch noch ins echte Leben zurückzufinden. Etwa zur selben Zeit erhielt er seinen Waffenschein. Damit fuhr er nach Jokela und kaufte seine Pistole im selben Geschäft, in dem auch Pekka-Eric Auvinen Kunde gewesen war.

Inspektor Neulaniemi wirkt bedrückt, wenn er im Polizeipräsidium der Regionalhauptstadt Vaasa davon erzählt. Denn seine Leute haben womöglich nicht alles getan, um den Amoklauf von Matti Saari zu verhindern. Schon einige Zeit vor der Tat hatten sie von Saaris militanten Youtube-Auftritten erfahren. Es gab sogar die Anweisung, dessen Waffe am Freitag vor der Tat zu konfiszieren. Doch selbst als der Verdächtige am Montag im Kommissariat erschien, passierte nichts. Seither war Matti Saari klar, dass ihm die Polizei auf der Spur war. Sein lang geplanter Privatkrieg gegen die Menschheit konnte nicht mehr warten.

"Böses Junges Fleisch"

Auch Saaris Webcode "Wumpscut86" hätte die Ermittler alarmieren müssen. Der Name steht für einen deutschen Gothic-Musiker. Seine Songs, von denen sich der Student in Kauhajoki oft über Kopfhörer beschallen ließ, sind metallisch, düster und aggressiv. "Christfuck", "Böses Junges Fleisch" oder "Blutkind" lauten die Titel. "Tot tot tot", heißt es in einem der Stücke "ich mach dich tot tot tot, von Blut alles rot."

Die Musik war wohl nur der Soundtrack für die Bluttat. Manche Finnen sehen den Philosophen und Ökofaschisten Kaarlo Pentti Linkola als geistigen Vater der Amokläufer. In seinen Schriften fordert der gelernte Vogelkundler Gewaltaktionen, um die Überbevölkerung des Planenten zu bekämpfen.

Der 75-Jährige, der von Auvinen besonders verehrt wurde, lebt wie ein Eremit in den dichten Wäldern bei Tampere in einer Holzhütte mit Plumpsklo. "Die Aktionen der jungen Leute sind bedeutungsloser Nihilismus, es fehlt ihnen ein Ziel", sagt der alte Gewaltapostel ohne jedes Bedauern für die Opfer. "Bei der Roten Armee Fraktion war das anders - Ulrike Meinhof und Andreas Baader, das sind meine Helden." Matti Saari bescheinigt er immerhin, "die richtigen Gedanken" gehabt zu haben.

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