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Andreas Albes: Die Flucht eines ZDF-Teams nach Amman

Reporter Andreas Albes berichtet für den stern aus der jordanischen Hauptstadt Amman.

Reporter Andreas Albes berichtet für den stern aus der jordanischen Hauptstadt Amman.

Flucht in weißen Vans

Fünf Grad, bewölkter Himmel, immer wieder Regenschauer. Man kann den Atem sehen. Das ZDF-Team, Producer Georges Nasser (43), Cutter Götz Gumpert (44), und Kameramann Sami Awad (44), hat Bagdad gegen halb zehn Ortszeit verlassen. Ein Konvoi aus zwei weißen GMC-Vans, vollgepackt mit TV-Equipment. GMC-Vans sind das gängige Transportmittel zwischen Bagdad und der jordanischen Hauptstadt Amman. Letzte Woche kostete jede Fahrt noch 150 Dollar, inzwischen haben sich die Preise verzehnfacht. Die drei ZDF-Mitarbeiter haben mehrere Wochen in Bagdad verbracht, und wären auch während der Bombenangriffe geblieben. Die Sendezentrale in Mainz hat jedoch in letzter Sekunde beschlossen, sie abzuziehen. Nur noch ein ZDF-Team soll jetzt das Risiko auf sich nehmen, aus dem Hauptzielgebiet der Amerikaner zu berichten.

Scud-Allee

Ruhig rollt der GMC-Van über die finstere vierspurige Straße Richtung Jordanien. Laut Bushs Ultimatum dürften die ersten Bomben nicht vor vier Uhr morgens fallen. Die Strecke wird auch Scud-Allee genannt, weil sie während des Golfkriegs 1991 von Raketen-Abschussrampen flankiert war. Es ist Mitternacht, als der ZDF-Konvoi eine Tankstelle, 320 Kilometer westlich von Bagdad, erreicht. Der Parkplatz ist in kaltes Neonlicht getaucht und unerwartet gut gefüllt: Lkw, Busse und weitere GMC-Vans; viele beladen mit Koffern, manche sogar mit Möbeln. Männer, Frauen und Kinder rennen herum. Flüchtlinge vermutlich.

Ein kleines Restaurant in einem flachen, Betonhäuschen hat noch geöffnet. Producer Nasser und Kameramann Awad bleiben in ihrem Wagen. Sie sind eingeschlafen. Götz Gumpert, der im zweiten Van sitzt, lässt sich von den beiden Fahrern zu einem Imbiss überreden. Das wird ihm wenige Minuten später vermutlich das Leben retten.

"Licht aus! Licht aus!"

Zwei Explosionen, den Bruchteil einer Sekunde auseinander, lassen plötzlich die Erde erzittern. Ein Regen aus feinem Staub, Kieseln und schweren Steinen geht auf dem Parkplatz nieder. Vor dem Restaurant kniet eine Gestalt am Boden und krümmt sich vor Schmerzen. Frauen schreien, Kinder weinen. Alle rennen zu ihren Autos. "Licht aus! Licht aus!", ruft ein Mann.

Völlig eingedrückt

Der GMC-Van, in dem der Producer und der Kameramann geschlafen haben, ist nur leicht beschädigt. Beulen, Kratzer, ein kaputtes Seitenfenster. Der andere, daneben parkende Van bekam die volle Wucht der Explosion ab. Auf der linken Seite ist er völlig eingedrückt, sämtliche Fenster und die Windschutzscheibe sind geborsten.

"Es kam uns vor, als wäre die Explosion keine zehn Meter von uns entfernt passiert", sagt Georges Nasser. "Wir wissen nicht, was es war. Ob Raketen oder Geschosse. Ob ein irakischer oder amerikanischer Angriff. Es war vorher kein Flugzeuglärm zu hören gewesen. Als wir weiter fuhren, stand 50 Meter hinter der Tankstelle ein Lkw der irakischen Armee unter einer Brücke. Der einzige Hinweis auf Militär."

Ein Jordanier getötet

Die beiden GMC-Vans folgen den anderen Wagen mit rasendem Tempo über die Autobahn. Gegen den eiskalten Fahrtwind, der durch die zerborsten Scheiben zieht, haben die Fernsehleute mehrere Pullover und Jacken übereinander angezogen. In den frühen Morgenstunden erreichen sie Amman. Aus dem Radio erfahren sie, dass ein Jordanier(32), gerade verheiratet, bei den Explosionen getötet wurde. Später, gegen Abend, wird gemeldet, das die irakische Armee die Tankstelle in die Luft gesprengt hat.

Noch ein paar weitere Details:

Jordanien macht seine Grenzen für Flüchtlinge dicht. Helikopter fliegen die Grenze ab, um Iraker aufzuspüren, die dann von Soldaten zurückgeschickt werden. Das ganze Gebiet entlang der Grenze gilt als militärisches Sperrgebiet. Bei Traybeel, dem einzigen Grenzübergang, wird gerade ein kleines Flüchtlingslager gebaut - gut zwei dutzend Container - aber bis jetzt gibt es dort keine Flüchtlinge. Die Anti-Flüchtlings-Politik wird so rigide gehandhabt, dass sogar Iraker mit Visa für Drittländer keine Chance haben, die Grenze zu passieren. Gleiches gilt für Syrien.

Eine Irakerin mit zwei kleinen Kindern, die als Sekretärin für ein deutsches Unternehmen arbeitet und im Besitz eines deutschen Visa ist, wurde erst an der Grenze zu Syrien, dann an der Grenze zu Jordanien abgewiesen. Ihr wurde nicht einmal gestattet, die deutsche Botschaft in Amman anzurufen. Der Botschafter hat jetzt eine Protestnote an die jordanische Regierung geschrieben.

Andreas Albes / print