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Angela Merkel in Lateinamerika: Fußball-Träumerei prallt an uckermärkischer Schlagfertigkeit ab

26 Stunden Argentinien. 21 Stunden Mexiko. 34 Stunden im Flieger. Angela Merkel ist derzeit zu einem Parforceritt durchs globale Dorf unterwegs. Beim Thema Fußball musste sie in Argentinien dann doch Tacheles reden.

Von Axel Vornbäumen, Mexiko-Stadt

Bundeskanzlerin Angela Merkel lächelt in Buenos Aires in Argentinien auf einer Pressekonferenz

Träum weiter, companero! Bundeskanzlerin Angela Merkel sichtbar gut gelaunt in Buenos Aires in Argentinien 

An Tagen wie diesen – da könnte man sich getrost mal Unendlichkeit wünschen. Oder zumindest auf Wolke sieben schweben. Aber so ist Angela Merkel ja nicht.

Und sie kann auch mit dem Titel nicht viel anfangen, den die "New York Times" ihr unlängst verliehen hat – "Leader of the free world".  Nicht, dass er sie sonderlich bedrückt. Sie hält ihn schlicht für irrelevant. Da gibt es ganz andere Dinge, die sie beflügeln.

Angela Merkel fliegt als Hoffnungsträgerin um die Welt

Und doch – die Zeiten haben sich spürbar geändert für die Kanzlerin, seit in Washington Donald Trump ins Weiße Haus gezogen ist, ein von sich selbst besoffener Amerika-First-Egomane, eine Art Antikörper der Globalisierung. Sie jettet nun als Hoffnungsträgerin um die Welt. Okay, man hat anderswo auch vorher schon viel von ihr gehalten. Das Unprätentiöse. Ihre Sachkenntnis. Diese uckermärkische Unermüdlichkeit. Aber nun, um es mal in ihren Worten zu sagen, da ist sie auch noch als Garant dafür unterwegs, dass "ein regelbasiertes Miteinander" auf diesem Erdball auch weiterhin möglich ist.

Es ist eine neue Rolle, auch wenn Merkel diese nach dem Kahnschen Motto "Weiter. Immer weiter" ausfüllt.


Argentinien? "Musste auch mal sein"

Gerade hat sie ihre erste überfällige Stippvisite in Argentinien nach nun auch schon fast zwölf Jahren Bundeskanzlertätigkeit beendet ("Musste auch mal sein") – und was soll man sagen: Ein ganzes Land lag ihr zu Füßen. In den knapp 26 Stunden ihres Aufenthalts in Buenos Aires war die Kanzlerin mal "die wichtigste Persönlichkeit Europas" (Rabbi Simon Moguilevsky), mal gar "die wichtigste Politikerin der Welt" (Argentiniens Wissenschaftsminister Lino Baranao).

Argentiniens Präsident Mauricio Macri schließt schon Wetten darauf ab, dass sie zum übernächsten G-20-Gipfel, der nächstes Jahr in Buenos Aires stattfinden wird, wieder als Kanzlerin anreisen wird. Er braucht dazu nicht mal den Konjunktiv – dass eine Bundestagswahl dazwischen liegt? So what.

Gemeinsamer Kampf gegen den Klimawandel - gegen Trump

 Macri suchte sichtlich schmeichelnd den Schulterschluss mit Merkel. Schaden kann das ja sicher nicht.  Er versprach, sich um Demokratie und Menschenrechte zu kümmern und – besonders wichtig in diesen Trump-geprägten Zeiten – um den Kampf gegen den Klimawandel. Dissens? Eher nicht.

Halt, stopp, doch. Aber das betrifft eher Macris Träumereien. Der argentinische Präsident wünscht sich nächstes Jahr in Russland bei der Fußball-WM ein Finale Argentinien – Deutschland. "Und Argentinien gewinnt." Da hat er allerdings dieses Mal falsch gewettet, wenn es nach Merkel geht. Träum weiter, companero! Um das mal wieder in die Worte der Kanzlerin zu kleiden: "Bis zum Finale können wir uns einig sein, aber im Finale unterscheiden wir uns dann."

Kein schlechter Satz im Übrigen. Fast schon so etwas wie die Merkel-Doktrin in diesen Wochen der neuen Kräftefeldaufteilung. Einig so lange es irgend geht, aber am Ende hart in der Sache. Die Kanzlerin gibt ihre Devise an einer Stelle nach ihrem Gespräch mit Präsident Macri auch unumwunden zu:  "Auch Deutschland ist nicht immer ein einfacher Partner." Und: "Deutschland sucht Verbündete für die Anliegen, die uns wichtig sind."

Merkels großer Auftritt Anfang Juli in Hamburg

Das G-20-Treffen in Hamburg steht vor der Tür.  Merkels großer Auftritt Anfang Juli. Danach ist Sommerpause, auch sie geht dann noch einmal in den Urlaub. Und dann beginnt die heiße Wahlkampfphase.

Es kann also nicht schaden, mit Argentinien und Mexiko vorher für diesen wichtigen Gipfel zwei "Verbündete" an Bord zu holen – auch wenn es nicht Merkels Haltung entspricht, durch die Welt zu jetten und "Leute von etwas zu überzeugen, von dem sie nicht überzeugt sind."

Andererseits: Mexiko ist im Hinblick auf den anstehenden G-20-Gipfel ein ganz passabler Partner im Geist. Donald Trump, heißt es im Kanzleramt, sei "hoch eingestiegen" in der Beschimpfung Mexikos. Das macht den Umgang mit dem Land, das immerhin die dreizehntgrößte Exportnation der Welt und im nächsten Jahr Gastland auf der Hannover Messe ist, leichter.

Angela Merkel und Mexikos Präsident Enrique Pena stoßen mit Bier an

Angela Merkel und Mexikos Präsident Enrique Pena stoßen mit Bier an

Und so stehen am späten Freitagabend (daheim in Deutschland ist es wegen der Zeitverschiebung längst schon früher Samstag) die Kanzlerin und Mexikos Präsident Enrique Pena Nieto einträchtig nebeneinander im prunkvollen Patio de Honor des Präsidentenpalastes. Ein Gewitter geht just in dem Augenblick nieder, in dem die beiden vor die Presse treten. Doch Merkel ficht auch das nicht an. Unverdrossen spult sie ihr Programm runter, betont das klare Bekenntnis zum Freihandel und gemeindet Mexikos Präsident für ihr Ziel ein, "in einer unvernünftigen Welt durch die Arbeit der G-20 ein Stück Stabilität zu erzeugen."

Mission erledigt. Und doch weiß die Kanzlerin, dass auf dem Hamburger Gipfel viel passieren kann. Sie will deshalb auch keine falschen Erwartungen wecken. "Die Wertegemeinschaft ist bei G-20 kein Thema", sagt Merkel lakonisch, "da brauchen wir auch keine Versuche zu unternehmen."