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Angriff auf "Friedensflotte für Gaza": Chronik einer Katastrophe

Es war ein militärisches, menschliches und diplomatisches Desaster: der Angriff der israelischen Armee auf die "Friedensflotte für Gaza". Rückblick auf zwei verhängnisvolle Tage im Mittelmeer.

Es ist ein bunter Haufen, der, nicht zum ersten Mal, per Schiff die Blockade des Gazastreifens durchbrechen will. Die "Koalition der Flottille der Freiheit" eint, dass sie sich mit den Palästinenser solidarisiert. Die Koalitionäre aber stammen aus den verschiedensten Bereichen. Dazu gehören Initiativen wie Free Gaza, dazu gehören Politiker, Prominente wie die nordirische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Corrigan Maguire, dazu gehören ebenso Holocaust-Überlebende als auch radikale Moslems. Ihr Ziel ist es, die isolierte Bevölkerung des palästinensischen Gebiets durch Hilfslieferungen und mediale Aufmerksamkeit zu unterstützen. Seit August 2008 wurden mehrere Missionen gestartet, vier davon sind im Gazastreifen gelandet, drei von israelischen Sicherheitskräften gestoppt. Der nun blutig zu Ende gegangene Versuch war der bislang größte. stern.de zeichnet die Ereignisse nach:

Am 14. Mai sticht von Irland aus das erste Schiff der "Friedensflotte" ins Meer: die "MV Rachel Corrie". Insgesamt sollen sechs Schiffe 10.000 Tonnen Hilfsgüter transportieren. Darunter hundert Fertighäuser, 500 Rollstühle, Nahrungsmittel, Baumaterial und medizinische Ausrüstung - alles Waren, die wegen der Blockade nicht in den Gazastreifen eingeführt werden dürfen.

Am 22. Mai startet von Istanbul aus die "Mavi Marmara" mit rund 600 Passagieren an Bord. Sie stammen aus 50 Ländern, die meisten von ihnen sind Mitglieder von Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen, geistliche Würdenträger, Journalisten sowie eine Reihe prominenter Unterstützer der Solidaritätsorganisation wie der Krimiautor Henning Mankell. Auch elf Deutsche nehmen an der Fahrt teil, etwa die Linken-Abgeordneten Annette Groth, Inge Höger und ihr ehemaliger Parteikollege Norman Paech.

Wenige Tage später trifft sich die Flotte südlich der Mittelmeerinsel Zypern und nimmt von dort aus Kurs auf den Gazastreifen.

Die "Solidaritätsflotte" ist Israel schon länger ein Dorn im Auge. Um die Landung des Konvois zu verhindern, schlägt das Land vor, die Güter vom Hafen Ashod aus in den Gazastreifen zu befördern. "Sollte das Angebot zurückgewiesen werden", so offizielle Stellen, werde Israel alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um die Schiffe daran zu hindern, sowohl israelisches als auch internationales Recht zu verletzen.

In der Nacht vom 30. auf den 31. Mai ändert die "Solidaritätsflotte" nach Angaben des arabischen Fernsehsenders al Dschasira den Kurs, um eine Konfrontation mit der israelischen Marine zu vermeiden. Die Schiffe wollen so Zeit gewinnen und am Tage einen Hafen anlaufen.

Gegen 4.30 Uhrliegen die Schiffe rund 200 Kilometer vor der Küste des Gazastreifens. Hunderte von israelischen Elitesoldaten beginnen mit Hilfe von Hubschraubern und Schnellbooten das türkische Schiff "Marvi Marmara" zu entern. Was genau an Bord geschah ist bislang unklar, von den Ereignissen gibt es zwei Versionen:

Am Morgen des 31. Mai wird der völlig aus Kontrolle geratene Enterversuch bekannt. Zunächst ist die Rede von zwei getöteten Menschen und 50 Verwundeten. Die israelischen Streitkräfte aber weisen in einer ersten Stellungnahme entsprechende Berichte umgehend zurück. Wie angekündigt würde der Konvoi lediglich daran gehindert, die Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Demonstrationen weltweit, Entrüstung in der Politik und Israels Außenminister verteidigt die Kommandoaktion

Kurz nach Bekanntwerden des Unglücks versammeln sich vor dem israelischen Generalkonsulat in Istanbul wütende Demonstranten, um gegen den israelischen Angriff zu protestieren. Einige der etwa hundert Demonstranten hätten versucht, das Gelände zu stürmen, berichteten türkische Fernsehsender.

Im Laufe des Morgens bestätigt die israelische Armee erstmals, dass bei dem Sturm auf die "Solidaritätsflotte" mehrere Menschen getötet und verletzt worden sind. Die Rede ist von vier verwundeten israelischen Soldaten. Später präzisiert die Armee die Zahl der Toten auf zehn. Mittlerweile ist die Rede von mindestens neun getöteten Menschen.

Die internationale Echo rangiert zwischen Empörung und Entsetzen: Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt vor einer "Eskalation" im Nahen Osten und verlangt eine "schnellstmögliche Aufklärung". Ebenso Barack Obama: "Der Präsident betrachtet es als wichtig, dass so bald wie möglich alle Fakten und Umstände über diese tragischen Geschehnisse in Erfahrung gebracht werden", heißt es im Weißen Haus. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas spricht von einem "Massaker" und "abscheulichen Verbrechen". Die arabischen Staaten verurteilen den israelischen Militäreinsatz gegen die "Solidaritätsflotte für Gaza" als "Verbrechen". Einige von ihnen befürchten sogar, dass ein neuer Krieg drohen könnte. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wählt die stärksten Worte und wirft Israel "Staatsterrorismus" vor.

Am Abend des 31. Mai wird bekannt, dass Israel 480 der Aktivisten in Gewahrsam genommen hat. Einige von ihnen werden in ein Gefängnis in Beerscheva in der Negev-Wüste überführt. Die Haftanstalt ist erst vor zehn Tagen in Betrieb genommen worden. 48 der Festgenommenen werden umgehend abgeschoben. Bei den meisten von ihnen handelt es sich um Türken. Unter den Freigelassenen sind auch die deutschen Politiker der Linken, Annette Groth und Inge Höger. Sie erheben einen Tag später schwere Vorwürfe gegen Israel. Höger beschreibt die gewaltsame Aktion mit den Worten: "Wir haben uns wie im Krieg gefühlt." Annette Groth spricht von einem "barbarischen Akt".

Unter den Gefangenen ist auch Henning Mankell sowie zehn seiner Landsleute. Laut des schwedischen Außenministeriums müssen die Inhaftierten entscheiden, ob sie Israel sofort verlassen oder sich dort vor Gericht stellen lassen wollen. Mankell ist nach seiner Verhaftung nach Schweden zurückgekehrt.

Im Laufe des Tages protestieren Menschen in vielen Städten weltweit gegen die Erstürmung des Schiffskonvois. In Athen und Paris kommt es dabei zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Demonstrationen gibt es außerdem in Italien sowie in Schweden, Norwegen und Zypern. In Teheran verbrennen Dutzende Demonstranten israelische Flaggen und werfen Steine gegen UN-Büros. In der irakischen Hauptstadt Bagdad gehen schätzungsweise 3000 Menschen auf die Straße.

Für den 1. Juni ist ein Treffen von Benjamin Netanjahu mit Barack Obama vorgesehen - doch angesichts der diplomatischen Krise sagt der israelische Regierungschef den Besuch ab. Er "bedauere" den Verlust von Menschenleben, sagt Netanjahu in einer kurzen Stellungnahme.

Nach 12 Stunden Verhandlungen, verurteilt der UN-Sicherheitsrat in einer Dringlichkeitssitzung das Vorgehen Israels und fordert eine sofortige unabhängige Untersuchung. Diese müsse "unabhängig, glaubwürdig und transparent" sein, heißt es in der Erklärung. Der Sicherheitsrat fordert Israel in seiner völkerrechtlich bindenden Erklärung auf, die Aktivisten wieder auf freien Fuß zu setzen und auch die Schiffe wieder freizugeben. Israel solle dafür sorgen, dass die humanitären Güter, die der Hilfskonvoi an Bord hatte, den Gazastreifen erreichen.

Am Dienstagmorgen kommt eine gute Nachricht aus den Palästinensergebieten: Ungeachtet der Vorkommnisse auf hoher See will Präsident Mahmud Abbas an den indirekten Friedensgesprächen mit Israel festhalten. Er sehe keinen Grund für einen Abbruch der Gespräche, heißt es von Seiten eines Beraters. Die Palästinenser verhandelten ja nicht mit Israel, sondern mit den USA, begründete Abbas seine Entscheidung.

Trotz des Welle der Entrüstung verteidigt der ultra-rechte Außenminister Israels, Avigdor Lieberman, die Aktion am Tag danachund bezeichnet die Kritik an Israel als "scheinheilig", wie er laut seines Ministeriums in einem Telefonat UN-Generalsekretär zu Ban Ki Moon gesagt habe. Lieberman weiter: Die internationale Gemeinschaft ignoriere zahlreiche Vorfälle in anderen Ländern, bei denen auch viele Menschen ums Leben kommen. "Israel wird hingegen für eine eindeutig der Verteidigung dienenden Aktion verurteilt." Er sprach von einem "grundlegenden Recht israelischer Soldaten zur Selbstverteidigung gegen den Angriff einer Gruppe von Terror-Unterstützern und Schlägern, die mit todbringenden Schlagstöcken, Eisenstangen und Messern bewaffnet waren".

Niels Kruse mit DPA/AP/Reuters / AP / Reuters