Anschläge in Afghanistan Der Medienkrieg der Taliban

Der jüngste Anschlag auf drei deutsche Polizisten markiert eine tragische weitere Etappe auf dem Kreuzzug der Taliban. Mit allen Mitteln wollen sie Deutschland, das kurz vor der Entscheidung über die Bundeswehrmandate steht, unter Druck setzen und einen Truppenrückzug erzwingen.

Im Herbst steht die Verlängerung der Bundestagsmandate über den Bundeswehr-Einsatz am Hindukusch an. Deutschland bietet deswegen momentan eine breite Angrifffläche. Die Bundesregierung ist sich gewiss: Die Taliban führen einen Medienkrieg gegen die westliche Welt. Sie versuchen gezielt, mit Anschlägen und Entführungen die öffentliche Debatte in Ländern zu beeinflussen, die sich am Wiederaufbau Afghanistans beteiligen. Der tödliche Anschlag auf die drei Polizisten wird denn auch von der Bundesregierung als Versuch gewertet, Deutschland zu einem Rückzug aus seinem Afghanistan-Engagement zu bewegen. Entsprechend eindeutig sind die Reaktionen, die von der Bundesregierung, aber auch den meisten Oppositionsparteien auf den Anschlag kamen.

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm betonte, man dürfe "nicht nachlassen im Bemühen, Afghanistan zu stabilisieren". Dies sei im ureigensten Sicherheitsinteresse Deutschlands. Afghanistan dürfe nicht wieder zum Rückzugsraum für Terroristen werden. Auch Innenminister Wolfgang Schäuble wollte von einem Rückzug Deutschlands aus der EU-Mission zur Ausbildung afghanischer Polizisten nichts wissen.

25 Bundeswehrsoldaten starben bereits in Afghanistan

Die drei Kriminalbeamte, die auf einer Dienstfahrt zum Training außerhalb Kabuls mit ihrem Fahrzeug auf einen Sprengsatz fuhren, gehörten allerdings dem Botschaftsschutzkommando an. Sie sind die ersten Opfer unter deutschen Polizisten im Auslandseinsatz. Bereits 25 Bundeswehrsoldaten ließen in Afghanistan unterdessen schon ihr Leben. Für die Taliban, die hinter dem Anschlag vermutet werden, auch wenn noch keine Untersuchungsergebnisse vorliegen, macht es wohl keinen Unterschied, in welcher Funktion ihre Opfer unterwegs waren.

Schäubles Sprecher Matthias Wolf verwies darauf, dass die Schutzfahrzeuge, die Soldaten oder Polizisten benutzen, im Zweifel ohnehin nicht eindeutig zu unterscheiden seien. Auch zu dem Selbstmordanschlag, bei dem im Mai drei Bundeswehr-Soldaten in Kundus ums Leben gekommen waren, bekannten sich die Taliban. Und der seit knapp vier Wochen in den afghanischen Bergen als Geisel gehaltene deutsche Bauingenieur Rudolf Blechschmidt ist ebenso ein Opfer der radikalen Gotteskrieger. Um sich Öffentlichkeit zu verschaffen, fädelten sie am Montag ein Telefongespräch ihrer Geisel mit der Nachrichtenagentur AP ein, bei dem dieser um Hilfe flehte.

Die Taliban wollen mit allen Mitteln zurück an die Macht

"Die Stoßrichtung ist völlig klar: Die Taliban wollen diejenigen aus Afghanistan raushaben, die ihre Rückkehr an die Macht verhindern - mit allen Mitteln", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier kürzlich in einem Interview. Und betonte, diese Rechnung dürfe nicht aufgehen. Schon im Juli hatte Steinmeiers Sprecher von einem Medienkrieg der Taliban gegen Europa gesprochen. Martin Jäger äußerte die Vermutung, dass sich die "Zeremonienmeister des Terrors" derzeit "gezielt Deutschland zuwenden vor dem Hintergrund der Mandatsdebatte".

Im Vorfeld der Verlängerung der drei Mandate hat sich in Deutschland eine hitzige Debatte über Sinn, Ziel und Nutzen des Afghanistan-Engagements entspannt. Während die ISAF-Mission zur Absicherung des Wiederaufbaus bei allen Parteien mit Ausnahme der Linken unumstritten ist, stößt die Fortschreibung des Mandats für die Antiterrormission Enduring Freedom am Hindukusch bei den Grünen, Teilen der SPD und der Linken sowieso auf Widerstand. Die Grünen veranstalten Mitte September sogar einen Sonderparteitag zum Thema Afghanistan. Außenminister Steinmeier prescht mit dem Vorschlag vor, das deutsche ISAF-Engagement sogar noch zu verstärken, um mehr afghanische Soldaten auszubilden.

Afghanistan ist "nicht ruhig und nicht stabil"

Damit soll das Land schneller in die Lage versetzt werden, für seine eigene Sicherheit zu sorgen. Für deutsche Soldaten und Polizisten ist das Engagement mit hohem Risiko behaftet, Opfer eines Anschlags zu werden. Seit Jahren wird die Lage in Afghanistan von der Bundeswehr als "nicht ruhig und nicht stabil" eingeschätzt, die zweithöchste Sicherheitsstufe. Auch die Häufung von Selbstmordanschlägen in diesem Jahr hat daran nichts geändert. Ohnehin gilt für Bundeswehrsoldaten äußerte Vorsicht, wenn sie sich außerhalb der Camps bewegen. Über operative Details erteilt das Verteidigungsministerium aus Sicherheitsgründen keine Auskunft, nicht die kleinste. Man begegne der Gefährdungslage mit entsprechenden Maßnahmen, heißt es lapidar.

Dabei liegt auf der Hand, dass sich die Soldaten nur in geschützten Fahrzeugen fortbewegen, dass sie die Routen und Zeiten von Patrouillen regelmäßig ändern, um sich nicht als Angriffsziel anzubieten. Da sich die Taliban in ihrem Medienkrieg moderner Technik wie Handys und Internet bedienen, können sie sich auch leicht Lagebilder verschaffen. Diese für Anschläge mit zweckdienlichen Informationen zu versorgen - daran hat die Bundeswehr nicht das geringste Interesse.

Claudia Kemmer/AP AP

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