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Anschläge in Ukraine SPD-Chef Gabriel ruft zu EM-Boykott auf


Wegen des Umgangs mit Julia Timoschenko wird die Ukraine weltweit kritisiert. Zudem erschütterte eine Bombenserie das EM-Gastgeberland. SPD-Chef Gabriel erhöht den Druck auf die Kanzlerin, das Turnier zu meiden.

SPD-Chef Sigmar Gabriel hat alle Politiker zu einem Boykott der Fußball-EM-Spiele in der Ukraine aufgefordert. "Politiker müssen aufpassen, dass sie nicht zu Claqueuren des Regimes werden. Denn sie sitzen in den Stadien möglicherweise neben Gefängnisdirektoren und Geheimpolizisten. Im Zweifelsfall sollte man da nicht hinfahren", sagte Gabriel der "Bild am Sonntag".

Der SPD-Chef sieht angesichts der politischen Verhältnisse in der ehemaligen Sowjetrepublik das Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union in Gefahr: "Solange in der Ukraine Menschen aus politischen Gründen in Haft gehalten und misshandelt werden, kann es keinen normalen Umgang mit dem Land geben. Unter diesen Umständen kann auch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht ratifiziert werden."

Lobend äußerte sich Gabriel über Bundespräsident Joachim Gauck, der wegen des Umgangs mit der ehemaligen Ministerpräsidentin Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko seinen Besuch in der Ukraine abgesagt hatte. "Über diese Entscheidung des Bundespräsidenten habe ich mich sehr gefreut." Gaucks Freiheitsideal sei brandaktuell.

"Wir werden diese Terroristen ihrer Strafe zuführen"

Nach einer Bombenserie mit mindestens 29 Verletzten in der ukrainischen Stadt Dnjepropetrowsk suchen die Ermittler im Co-Gastgeberland der Fußball-EM mit Hochdruck nach den Attentätern. "Diese Terroristen wollen Chaos anrichten, aber wir werden sie schnell finden und ihrer gerechten Strafe zuführen", kündigte Regierungschef Nikolai Asarow an. Das Innenministerium in Kiew hatte nach den vier Explosionen an verschiedenen Stellen der Industriestadt am Vortag mitgeteilt, es habe weder Anschlagsdrohungen noch ein Bekennerschreiben gegeben.

Der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), forderte die ukrainische Regierung auf, die Sicherheit für Spieler und Fans bei der bevorstehenden Fußball-Europameisterschaft zu gewährleisten. "Die Anschläge sind aber kein Grund, an der Fußball-EM nicht teilzunehmen", sagte er im Gegensatz zum SPD-Chef der Zeitung "Die Welt".

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) appellierte an die Führung in Kiew, Timoschenko ausreisen zu lassen, um ihr eine ärztliche Behandlung zu ermöglichen. "Die Ukraine hat mit der EM die Chance, sich positiv darzustellen, und ich hoffe, sie nimmt diese Chance wahr", sagte er der "Welt".

Timoschenko ist seit einer Woche im Hungerstreik

Dnjepropetrowsk ist die Geburtsstadt der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko, deren Fall international Empörung auslöst. An diesem Samstag setzt die Justiz in der Stadt Charkow ungeachtet der massiven Proteste auch aus Deutschland einen zweiten Prozess gegen die 51-Jährige fort, allerdings in Abwesenheit der erkrankten Timoschenko. Der in einem ersten Prozess bereits zu sieben Jahren verurteilten Oppositionsführerin drohen wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung weitere zwölf Jahre Haft.

Timoschenko protestiert seit einer Woche mit einem Hungerstreik gegen ihre Behandlung in Charkow. Unter anderem sei sie beim erzwungenen Transport vom Gefängnis in eine Klinik am 20. April von Aufsehern verletzt worden, klagt die Politikerin. Ein Experte äußerte nach dem Studium von Fotos erhebliche Zweifel an der Darstellung. Die auf den Bildern zu sehenden Blutergüsse könnten unmöglich älter als zwei Tage sein, sagte Alexander Gurow von der Klinik in Charkow.

Gegner von Timoschenko werfen der Ex-Regierungschefin vor, eine "Simulantin" zu sein. Allerdings haben auch Experten von Weltruf aus der Berliner Charité bestätigt, dass die 51-Jährige schwer krank sei und dringend eine Behandlung benötige. Nach Angaben ihrer Tochter leidet Timoschenko unter einem Bandscheibenvorfall. Bereits in der nächsten Woche würden erneut Ärzte aus Deutschland nach Charkow reisen, um die Führerin der prowestlichen Orangenen Revolution von 2004 zu untersuchen, teilten Medien in Kiew mit.

Die Ukraine trägt vom 8. Juni bis 1. Juli die Fußball-EM gemeinsam mit Polen aus. Die Stadt der Bombenserie, Dnjepropetrowsk, ist keiner der vier Spielorte in der Ex-Sowjetrepublik. Nach den Explosionen in der viertgrößten Stadt der Ukraine sah die Europäische Fußball-Union UEFA zunächst keine Veranlassung zu neuen EM-Sicherheitsmaßnahmen. Die Situation werde aber "beobachtet".

jar/DPA DPA

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