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Bombenexplosionen in Ankara Zahl der Toten bei Anschlag auf Friedensdemo steigt auf 86


Sie haben für ein Ende der Gewalt demonstriert, als die Bomben hochgingen. Eine friedliche Versammlung vor dem Hauptbahnhof wurde am Samstagvormittag von einem blutigen Anschlag erschüttert. Inzwischen gibt es 86 Tote.

Bei dem Terroranschlag auf eine regierungskritische Friedensdemonstration in der türkischen Hauptstadt Ankara sind deutlich mehr Menschen getötet worden als zunächst angenommen. 86 Menschen kamen ums Leben, 186 Menschen seien verletzt worden, teilte das Innenministerium mit. Ziel des "abscheulichen Angriffs" am Samstag seien die Demokratie und der Frieden in der Türkei gewesen. Zunächst war von 30 Toten und fast 130 Verletzten die Rede gewesen.

Nach dem mutmaßlichen Anschlag ging die türkische Polizei gegen wütende Demonstranten vor. Polizisten schossen in die Luft, um protestierende Demonstranten auseinanderzutreiben, wie ein AFP-Reporter am Samstag aus der türkischen Hauptstadt berichtete. Wütende Demonstranten riefen "Polizei Mörder!", bevor sie von der Polizei vertrieben wurden.

"Barbarischer Angriff"

Zu der Demonstration in Ankara hatten die pro-kurdische Partei HDP und andere regierungskritische Gruppen aufgerufen. Bereits am 20. Juli war es im südtürkischen Suruc zu einem Anschlag auf pro-kurdische Aktivisten mit 34 Toten gekommen; die Bluttat wurde der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zugeschrieben. Kurz danach eskalierte der Konflikt zwischen der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und der Regierung, 

 Der Ko-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtas, sprach von einem "barbarischen Angriff" in Ankara und erhob schwere Vorwürfe gegen die islamisch-konservative AKP-Regierung. Die Regierung habe nie die Verantwortlichen für das Blutbad von Suruc und für einen Anschlag zuvor auf eine HDP-Veranstaltung in der Kurdenmetropole Diyarbakir präsentiert. "Ihr seid Mörder. An Euren Händen klebt Blut."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat der Türkei ihr "tief empfundenes Mitgefühl" ausgesprochen. "Wenn sich die Hinweise auf terroristische Anschläge bestätigen, dann handelt es sich um besonders feige Akte, die unmittelbar gegen Bürgerrechte, Demokratie und Frieden gerichtet sind", hieß es in einem Schreiben Merkels an den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu. Die Teilnehmer einer Kundgebung für Ausgleich und Gewaltlosigkeit anzugreifen, sei "ein gezielter Anschlag auf den Zusammenhalt der Gesellschaft". Ähnlich äußerte sich Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier: "Dieser brutale Terroranschlag auf friedliche Demonstranten ist zugleich auch ein Angriff auf den demokratischen Prozess in der Türkei."

Leichen mit Flaggen und Bannern bedeckt 

Laut Innenministerium kam es am Samstag um 10.04 Uhr (Ortszeit/09.04 MESZ) vor dem Hauptbahnhof in Ankara zu mindestens zwei Explosionen. Teilnehmer der Demonstration waren dazu aufgerufen, sich ab 10.00 Uhr am Bahnhof zu versammeln. Die Demonstration sollte um 12.00 Uhr beginnen. Die Nachrichtenagentur Anadolu meldete, es gebe unbestätigte Berichte, dass es sich um einen Selbstmordanschlag gehandelt haben könnte. 

Auf Bildern waren nach dem Anschlag Leichen zu sehen, die mit Flaggen und Bannern unter anderem der HDP bedeckt waren. Ein Video zeigt, wie junge Demonstranten tanzen, als hinter ihnen eine der Bomben detoniert. Für den Abend wurde über Twitter zu Demonstrationen in mehreren türkischen Städten aufgerufen.

Wahlkampf für drei Tage ausgesetzt

Am Sonntag in drei Wochen sind in der Türkei Neuwahlen für das Parlament angesetzt. Mitte November ist in der Nähe der südtürkischen Stadt Antalya der G20-Gipfel geplant, an dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen soll.

Anadolu berichtete, Präsident Recep Tayyip Erdogan sei mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu und anderen Kabinettsmitgliedern zu einem Krisentreffen zusammengekommen. Davutoglu kündigte an, den Wahlkampf für drei Tage auszusetzen. 

Bei der Parlamentswahl am 7. Juni war es der HDP als erster pro-kurdischer Partei jemals gelungen, ins Parlament in Ankara einzuziehen. Dadurch verfehlte die AKP die absolute Mehrheit. Nachdem Koalitionsgespräche scheiterten, rief Erdogan für den 1. November Neuwahlen aus. Die Opposition warf Erdogan vor, mit diesen Wahlen eine ausreichende AKP-Mehrheit für ein Verfassungsreferendum erzielen zu wollen. Erdogan will die Verfassung ändern, um ein Präsidialsystem mit sich selber an der Spitze einführen zu können. 

Die PKK hat am Samstagnachmittag eine erneute einseitige Waffenruhe vor der Wahl ausrufen. Die Regierung kündigte bis jetzt an, die Militäreinsätze gegen die PKK würden fortgesetzt.

awö DPA AFP

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